Die Gestalt in der grauen Kutte blieb argwöhnisch stehen und schlang eine Hand schützend in die Wolle eines vorübergehenden Mutterschafs.
»Quien es?«
»Stern!«, rief Lawrence. »Lawrence Stern! Kommt mit«, sagte er und streckte die Hand aus, um mich die steile Böschung zu dem Trampelpfad hochzuziehen.
Das Schaf unternahm jetzt entschlossene Anstrengungen, seinem Beschützer zu entkommen, was ihn von uns ablenkte. Er war ein schlanker Mann, ein wenig größer als ich, mit einem schmalen Gesicht, das gut ausgesehen hätte, wäre es nicht durch einen rötlichen Bart entstellt gewesen, der sein Kinn wie ein Staubwedel umstand. Sein langes, wirres Haar war in breiten Strähnen ergraut und fiel ihm immer wieder in die Augen. Ein orangefarbener Schmetterling erhob sich von seinem Kopf, als wir ihn erreichten.
»Stern?«, sagte er. Er strich sich mit der freien Hand das Haar zurück und blinzelte in der Sonne wie eine Eule. »Ich kenne keinen … oh, Ihr seid es!« Sein schmales Gesicht erhellte sich. »Warum habt Ihr nicht gesagt, dass es der Würmermann ist; dann hätte ich sofort gewusst, wer Ihr seid!«
Stern setzte eine etwas verlegene Miene auf und sah mich entschuldigend an. »Ich … äh … habe bei meinem letzten Besuch einige sehr interessante Parasiten aus den Exkrementen von Mr. Fogdens Schafen gezogen«, erklärte er.
»Fürchterliche Riesenwürmer!«, sagte Vater Fogden und erschauerte heftig bei der Erinnerung. »Einige waren mindestens dreißig Zentimeter lang!«
»Nicht mehr als fünfundzwanzig«, korrigierte Stern ihn lächelnd. Er warf einen Blick auf das nächstbeste Schaf, und seine Hand ruhte auf seiner Sammeltasche, als freute er sich schon darauf, in Bälde weiteres Material für die Wissenschaft beizusteuern. »Hat das Mittel gewirkt, das ich Euch vorgeschlagen habe?«
Vater Fogdens Miene drückte vage Skepsis aus, als versuchte er, sich ins Gedächtnis zu rufen, was für ein Mittel das wohl gewesen sein könnte.
»Der Terpentinaufguss«, half der Naturalist nach.
»Oh, ja!« Auf den hageren Zügen des Priesters brach die Sonne hervor, und er strahlte uns freundlich an. »Natürlich, natürlich! Ja, es hat bestens gewirkt. Ein paar von ihnen sind gestorben, aber der Rest wurde völlig geheilt. Großartig, wirklich großartig!«
Plötzlich schien Vater Fogden zu dämmern, dass seine Gastfreundschaft zu wünschen übrigließ.
»Aber kommt doch bitte herein!«, sagte er. »Ich war gerade im Begriff, mein Mittagessen zu mir zu nehmen; ich bestehe darauf, dass Ihr Euch anschließt.« Der Priester wandte sich an mich. »Und das ist dann wohl Mrs. Stern?«
Die Erwähnung fünfundzwanzig Zentimeter langer Darmparasiten hatte mein Magenknurren zwar vorübergehend verstummen lassen, doch bei dem Wort »Essen« setzte das Gurgeln mit ganzer Kraft wieder ein.
»Nein, aber wir nehmen Eure Gastfreundschaft mit Freuden an«, antwortete Stern höflich. »Bitte erlaubt mir, Euch meine Begleiterin vorzustellen – Mrs. Fraser, eine Landsmännin von Euch.«
Bei diesen Worten wurden Fogdens Augen kreisrund. Sie waren blassblau und tränten im hellen Sonnenlicht, und jetzt richteten sie sich staunend auf mich.
»Eine Engländerin?«, sagte er ungläubig. »Hier?« Die runden Augen erfassten den Schlamm und die Salzflecken auf meinem zerknitterten Kleid und meinen allgemeinen Zustand der Auflösung. Dann trat er blinzelnd vor und beugte sich mit der allergrößten Würde über meine Hand.
»Euer gehorsamster Diener, Madam«, sagte er. Er erhob sich und wies mit einer großen Geste in Richtung der Ruine auf dem Hügel. »Mi casa es su casa.« Er stieß einen scharfen Pfiff aus, und ein kleiner Cavalier King Charles Spaniel steckte neugierig die Nase aus dem Gras.
»Wir haben einen Gast, Ludo«, sagte der Priester strahlend. »Ist das nicht schön?« Er steckte sich meine Hand fest unter den Ellbogen, fasste das Schaf bei der wolligen Scheiteltolle und zog uns beide auf die Hacienda de la Fuente zu. Stern blieb es selbst überlassen, uns zu folgen.
Der Grund für den Namen offenbarte sich, als wir den verfallenen Innenhof betraten; eine kleine Wolke von Libellen schwebte wie ein Schwarm blinkender Lichter über einem algenverseuchten Wasserbecken in der Ecke; es sah aus, als hätte jemand beim Bau des Hauses eine natürliche Quelle ummauert. Mindestens ein Dutzend Dschungelhühner fuhren vom aufgesprungenen Pflaster des Bodens auf, flatterten aufgescheucht an unseren Füßen vorüber und ließen eine kleine Wolke aus Staub und Federn zurück. Anderen Hinterlassenschaften nach vermutete ich, dass die Bäume, die über den Innenhof hingen, ihr üblicher Schlafplatz waren, und das schon seit geraumer Zeit.
»Und so hatte ich das Glück, Mrs. Fraser heute Morgen in den Mangroven zu begegnen«, beendete Stern seine Schilderung. »Ich dachte, Ihr würdet Euch vielleicht … oh, was für ein Prachtexemplar! Eine herrliche Odonata!«
Diese letzten Worte wurden von einem Ton erstaunten Entzückens begleitet, und er schob sich ohne Umschweife an uns vorüber, um in den Schatten des Sonnendachs aus Palmwedeln emporzublicken. Dort huschte eine enorme Libelle von mindestens zwölf Zentimetern Spannweite umher, und ihr blauer Körper fing Feuer, wann immer sie einen der verstreuten Sonnenstrahlen kreuzte, die durch das fadenscheinige Dach fielen.
»Oh, möchtet Ihr sie haben? Von mir aus gern.« Unser Gastgeber wies mit einer großzügigen Geste auf die Libelle. »So, Becky, hier hinein, ich kümmere mich gleich um deinen Huf.« Mit einem Klaps auf den Hintern schob er das Schaf in den Innenhof. Es hüpfte schnaubend ein paar Meter davon, um sich dann auf der Stelle über die verstreuten Früchte einer gewaltigen Guave herzumachen, die über die betagte Mauer hinwegwuchs.
Überhaupt waren die Bäume rings um den Innenhof mit der Zeit so groß geworden, dass ihre Äste an vielen Stellen miteinander verwoben waren und den ganzen Hof wie ein Dach überzogen, ein belaubter Tunnel, der in die klaffende Höhle des Hauseingangs führte.
An der Schwelle hatten sich Staubansammlungen und die rosafarbenen Papierblätter der Bougainvillea verfangen, doch dahinter glänzte der dunkle Holzfußboden frisch poliert, nackt und makellos. Nach dem Gleißen des Sonnenlichts war es innen dunkel, doch meine Augen passten sich rasch an die Umgebung an, und ich blickte mich neugierig um.
Es war ein sehr schlichtes Zimmer, dunkel und kühl, möbliert mit nicht mehr als einem langen Tisch, ein paar Schemeln und Stühlen und einer kleinen Anrichte, über der ein grauenvolles Gemälde im spanischen Stil hing – ein ausgemergelter Christus mit einem Ziegenbärtchen, der im Zwielicht käsig wirkte und mit einer Knochenhand auf das blutende Herz zeigte, das in seiner Brust schlug.
Dieses grässliche Objekt beschäftigte mich so sehr, dass es einen Moment dauerte, bis ich begriff, dass sich noch jemand im Zimmer befand. Aus einer besonders finsteren Ecke lugte ein kleines Gesicht hervor, das eine Miene von bemerkenswerter Bösartigkeit trug. Ich blinzelte und trat einen Schritt zurück. Die Frau – denn das war sie – trat einen Schritt vor, die schwarzen Augen auf mich geheftet, starr wie die Augen der Schafe.
Sie war nicht mehr als einen Meter zwanzig groß und so dick, dass sie wie ein solider Block ohne Gelenke oder sonstige Konturen erschien. Ihr Kopf thronte auf ihrem Körper wie ein kleiner runder Knauf, auf dessen Rückseite der kleinere Knauf eines kleinen, strengen grauen Dutts prangte. Ihre Hautfarbe war ein heller Mahagoniton – ob von der Sonne oder angeboren, konnte ich nicht sagen – und hatte die größte Ähnlichkeit mit einer geschnitzten Holzpuppe. Einer Voodoo-Puppe.
»Mamacita«, sagte der Priester, der das Standbild auf Spanisch ansprach, »was für ein Glück! Wir haben Gäste, die mit uns essen werden. Du erinnerst dich doch an Señor Stern?«, fügte er hinzu und zeigte auf Lawrence.
»Sí, claro«, sagte das Standbild durch unsichtbare hölzerne Lippen. »Der Christusmörder. Und wer ist die puta alba?«
»Und das ist Señora Fraser«, fuhr Vater Fogden fort und strahlte, als hätte sie nichts gesagt. »Die arme Dame hatte das Unglück, Schiffbruch zu erleiden; wir müssen ihr behilflich sein, so gut wir es können.«