Выбрать главу

Mamacita betrachtete mich ausgiebig von Kopf bis Fuß. Sie sagte nichts, doch ihre großen Nasenlöcher blähten sich in grenzenloser Verachtung.

»Das Essen ist fertig«, sagte sie und wandte sich ab.

»Bestens!«, sagte der Priester glücklich. »Mamacita heißt Euch willkommen; sie wird uns etwas zu essen bringen. Wollt Ihr Euch nicht setzen?«

Der Tisch war bereits mit einem großen, zersprungenen Teller und einem Holzlöffel gedeckt. Der Priester holte zwei weitere Teller und Löffel aus der Anrichte und verteilte sie irgendwo auf dem Tisch, während er uns mit Gesten einlud, uns zu setzen.

Eine große braune Kokosnuss stand auf dem Stuhl am Kopfende des Tisches. Fogden ergriff sie zärtlich und stellte sie neben seinen Teller. Die faserige Schale war im Lauf der Zeit nachgedunkelt, und manche Stellen, an denen sie die Haare verloren hatte, sahen beinahe blank gerieben aus; ich hatte den Eindruck, dass er die Nuss schon eine ganze Weile besitzen musste.

»Hallo«, sagte er und tätschelte sie liebevoll. »Wie geht es dir an diesem schönen Tag, Coco?«

Ich richtete den Blick auf Stern, doch er war mit einem kleinen Stirnrunzeln in die Betrachtung des Christusbildes versunken. Also war es wohl an mir, ein Gespräch zu beginnen.

»Ihr lebt allein hier, Mr. – äh, Vater Fogden?«, erkundigte ich mich bei unserem Gastgeber. »Ihr und … äh, Mamacita?«

»Ja, leider. Deshalb bin ich so froh, Euch zu sehen. Außer Ludo und Coco leistet mir ja niemand Gesellschaft«, erklärte er und strich noch einmal über die haarige Nuss.

»Coco?«, sagte ich höflich und ließ den Blick zu Stern hinüberhuschen, der zwar etwas belustigt wirkte, aber nicht alarmiert.

»Spanisch für einen Kinderschreck«, sagte er. »Seht Ihr ihn mit der kleinen Nase und den dunklen Äugelchen?« Plötzlich stieß Fogden zwei lange, schlanke Finger in die Einbuchtungen der Kokosnuss und riss sie kichernd wieder zurück.

»Ah-ah!«, rief er. »Du darfst die Leute nicht anstarren, Coco, das gehört sich nicht!«

Seine blassblauen Augen warfen mir einen durchdringenden Blick zu, und es kostete mich Mühe, meine Zähne von meiner Unterlippe zu lösen.

»So eine hübsche Dame«, sagte er wie zu sich selbst. »Nicht wie meine Ermenegilda, aber trotzdem sehr hübsch – nicht wahr, Ludo?«

Der angesprochene Hund beachtete mich gar nicht, sondern kam freudig auf sein Herrchen zugelaufen, schob ihm den Kopf unter die Hand und bellte. Der Priester kraulte ihm liebevoll die Ohren, dann richtete er sein Augenmerk wieder auf mich.

»Ob Euch wohl eins von Ermenegildas Kleidern passen würde?«

Ich wusste nicht, ob ich darauf antworten sollte oder nicht. Stattdessen lächelte ich nur höflich und hoffte, dass man meinem Gesicht nicht ansehen konnte, was ich dachte. In diesem Moment kehrte glücklicherweise Mamacita zurück und brachte einen dampfenden Tontopf mit, den sie in Handtücher gewickelt hatte. Sie klatschte jedem von uns eine Kelle des Inhalts auf den Teller, dann ging sie aus dem Zimmer. Ihre Füße – falls sie denn welche hatte – bewegten sich unsichtbar unter dem formlosen Rock.

Ich rührte in der Pampe auf meinem Teller, die aus Gemüse zu bestehen schien. Vorsichtig probierte ich einen Bissen und fand ihn überraschend gut.

»Gebratene Kochbananen mit Maniok und roten Bohnen«, erklärte Lawrence, der mein Zögern sah. Er nahm seinerseits einen großen Löffel des dampfenden Breis und aß ihn, ohne ihn abkühlen zu lassen.

Ich hatte eine Art Verhör über meine Anwesenheit, meine Identität und meine weiteren Vorhaben erwartet. Stattdessen sang Vater Fogden leise vor sich hin und schlug mit dem Löffel den Takt auf dem Tisch.

Ich zog die Augenbrauen hoch und warf Lawrence einen Blick zu. Er lächelte nur, zog eine Schulter zu einem kleinen Achselzucken hoch und beugte sich über sein Essen.

Eigentlich unterhielten wir uns nicht, bis wir fertig gegessen hatten und Mamacita – »streng« schien eine Untertreibung für ihre Miene zu sein – die Teller abräumte und sie durch einen Obstteller, drei Glasbecher und einen gigantischen Tonkrug ersetzte.

»Habt Ihr schon einmal Sangria getrunken, Mrs. Fraser?«

Ich öffnete den Mund, um »ja« zu sagen, überlegte es mir jedoch anders und fragte: »Nein, was ist das?« Sangria war in den Sechzigern ein Modegetränk gewesen, das ich oft auf Partys der Fakultät und bei gesellschaftlichen Anlässen im Krankenhaus getrunken hatte. Ich war mir jedoch sicher, dass es im Moment in England und Schottland nicht geläufig war; Mrs. Fraser aus Edinburgh würde noch nie von Sangria gehört haben.

»Eine Mischung aus Rotwein, Orangen- und Zitronensaft«, erklärte Lawrence Stern. »Mit Gewürzen versetzt und je nach Wetter heiß oder kalt serviert. Ein sehr wohltuendes und gesundes Getränk, nicht wahr, Fogden?«

»Oh ja. Oh ja. Sehr wohltuend.« Ohne abzuwarten, bis ich dies bestätigen konnte, leerte der Priester sein Glas und griff nach dem Krug, ehe ich den ersten Schluck getrunken hatte.

Es war so, wie ich es kannte; derselbe süße, herbe Geschmack, und im ersten Moment fühlte ich mich auf die Party zurückversetzt, auf der ich zum ersten Mal Sangria getrunken hatte, in Gesellschaft eines kiffenden Studienabsolventen und eines Botanikprofessors.

Die Illusion wurde durch Sterns Gesprächsthema – seine Sammlungen – und durch Vater Fogdens Verhalten noch verstärkt. Nach mehreren Gläsern Sangria hatte er sich erhoben, in der Anrichte gekramt und eine große Tonpfeife hervorgeholt. Diese stopfte er mit einem kräftig duftenden Kraut, das er aus einem Papierbriefchen schüttete, und begann zu rauchen.

»Hanf?«, fragte Stern, als er das sah. »Sagt mir, findet Ihr dieses Kraut verdauungsfördernd? Ich habe gehört, dass es so ist, aber in den meisten europäischen Städten ist es nicht erhältlich, und ich konnte keine persönlichen Beobachtungen über seine Wirkung anstellen.«

»Oh, es ist sehr beruhigend für den Magen«, versicherte ihm Vater Fogden. Er holte tief Luft, hielt kurz inne und atmete dann verträumt eine sanfte weiße Rauchfahne aus, die in kleinen Dunstfäden an die niedrige Zimmerdecke schwebte. »Ich gebe Euch ein Päckchen mit auf die Heimreise, mein Lieber. Aber sagt doch, was habt Ihr nun vor, Ihr und diese schiffbrüchige Dame, die Ihr gerettet habt?«

Stern erklärte ihm seinen Plan; wir hatten vor, uns eine Nacht auszuruhen, dann zu Fuß nach St. Luis du Nord zu gehen und zu sehen, ob uns ein Fischerboot von dort in das dreißig Meilen entfernte Cap-Haïtien bringen würde. Wenn nicht, würden wir uns auf dem Landweg dorthin begeben müssen, denn es war der nächstgelegene nennenswerte Hafen.

Der Priester blickte stirnrunzelnd durch den Rauchschwaden.

»Mm? Nun, Euch bleibt wohl nicht viel anderes übrig, nicht wahr? Dennoch, Ihr müsst vorsichtig sein, vor allem, wenn Ihr den Landweg nehmt. Entlaufene Schwarze, wisst Ihr?«

»Entlaufene Schwarze?« Ich sah Stern fragend an, und er nickte stirnrunzelnd.

»Es stimmt. Ich bin auf meinem Weg durch das Tal des Artibonite zwei oder drei kleinen Gruppen begegnet. Aber sie haben mich nicht behelligt – ich sah ja auch kaum besser aus als sie, die armen Kerle. Wenn die Sklaven vor der Grausamkeit ihrer Herren davonlaufen, suchen sie Zuflucht in den abgelegenen Hügeln, wo der Dschungel sie verbirgt«, erklärte er mir.

»Möglich, dass sie Euch keinen Ärger machen«, sagte Vater Fogden. Mit einem leisen Schlürfgeräusch sog er tief an seiner Pfeife, hielt lange die Luft an und atmete dann widerstrebend wieder aus. Seine Augen waren jetzt merklich gerötet. Er schloss das eine und betrachtete mich ziemlich trübe mit dem anderen. »Sie sieht wirklich nicht so aus, als ob es sich lohnen würde, sie auszurauben.«

Stern sah mich mit einem breiten Lächeln an, dann löschte er das Lächeln hastig aus, als hätte er das Gefühl, er hätte sich alles andere als taktvoll verhalten. Er hustete und nahm sich noch ein Glas Sangria. Die Augen des Priesters glänzten rot wie die eines Frettchens über seine Pfeife hinweg.