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»Ich glaube, ich brauche frische Luft«, sagte ich und schob meinen Stuhl zurück. »Und vielleicht etwas Wasser, um mich zu waschen?«

»Oh, natürlich, natürlich!«, rief Vater Fogden. Er erhob sich, wankte benommen und klopfte die Asche aus der Pfeife achtlos auf die Anrichte. »Kommt mit mir.«

Trotz der Schwüle erschien mir die Luft im Innenhof vergleichsweise frisch und belebend. Ich atmete tief ein und sah neugierig zu, wie Vater Fogden am Brunnen in der Ecke mit einem Eimer kämpfte.

»Woher kommt denn das Wasser?«, fragte ich. »Ist es eine Quelle?« Der Steintrog war mit feinen grünen Algenfäden bewachsen, die ich träge wogen sehen konnte; offensichtlich gab es eine Strömung in dem Becken.

Es war Stern, der antwortete.

»Ja, es gibt Hunderte dieser Quellen. Von manchen heißt es, dass Geister darin leben – aber ich vermute, Ihr teilt solchen Aberglauben nicht, Sir?«

Darüber schien Vater Fogden nachdenken zu müssen. Er stellte den halb gefüllten Eimer auf den Rand des Beckens, blinzelte ins Wasser und versuchte, den Blick auf einen der kleinen silbernen Fische zu konzentrieren, die darin schwammen.

»Ah?«, sagte er vage. »Oh, nein, Geister, nein. Allerdings – oh, ja, das habe ich ganz vergessen. Ich habe etwas, was ich Euch zeigen möchte.« Er trat zu einem Schrank, der in die Mauer eingelassen war, öffnete die zerborstene Holztür und zog ein kleines Bündel aus grobem, ungebleichtem Musselin hervor, das er Stern vorsichtig in die Hände legte.

»Er ist letzten Monat eines Tages in die Quelle geschwommen«, sagte er. »Er ist gestorben, als ihn die Mittagssonne getroffen hat, und ich habe ihn herausgeholt. Ich fürchte, die anderen Fische haben ein wenig daran genagt«, sagte er entschuldigend, »aber man kann es noch gut sehen.«

In der Mitte des Tüchleins lag ein kleiner getrockneter Fisch, kaum anders als die, die in der Quelle umherflitzten, nur dass dieser vollkommen weiß war. Außerdem war er blind. Er hatte rechts und links jeweils eine kleine Schwellung am Kopf, wo ein Auge hätte sein sollen, doch das war alles.

»Meint Ihr, es ist ein Geisterfisch?«, erkundigte sich der Priester. »Der Gedanke ist mir gekommen, als Ihr von Geistern gesprochen habt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, was für eine Sünde ein Fisch begangen haben sollte, um zu einem solchen Dasein verdammt zu werden – ohne Augen, meine ich.« Wieder schloss er ein Auge zu seinem bevorzugten Gesichtsausdruck. »Man geht ja eigentlich davon aus, dass Fische keine Seelen haben, und doch, wenn dem so ist, wie können sie dann Geister werden?«

»Ich glaube nicht, dass sie Seelen haben«, versicherte ich ihm. Ich warf einen genaueren Blick auf den Fisch, den Stern jetzt mit der hingerissenen Glückseligkeit des geborenen Naturalisten betrachtete. Die Haut war sehr dünn und so durchsichtig, dass die Umrisse der inneren Organe und aneinandergereihten Rückenwirbel deutlich erkennbar waren, und doch hatte er Schuppen, winzig und durchscheinend, wenn sie auch im ausgetrockneten Zustand nicht mehr glänzten.

»Es ist ein blinder Höhlenfisch«, sagte Stern und fuhr ehrfürchtig mit dem Finger über den winzigen abgestumpften Kopf. »Ich habe erst einmal einen gesehen, in einem Wasserbecken tief im Inneren einer Höhle, an einem Ort namens Abandawe. Und er ist mir entwischt, ehe ich ihn genauer in Augenschein nehmen konnte. Mein lieber Freund …« Er wandte sich an den Priester, und seine Augen glänzten vor Aufregung. »Dürfte ich ihn haben?«

»Natürlich, natürlich.« Die Finger des Priesters schwangen sich in einer Geste der selbstverständlichen Großzügigkeit. »Ich kann ihn nicht brauchen. Zu klein zum Essen, selbst wenn Mamacita es in Betracht ziehen würde, ihn zu kochen, was sie aber nicht tun würde.« Er ließ den Blick über den Innenhof schweifen und trat zerstreut mit dem Fuß nach einem Huhn, das an ihm vorbeilief. »Wo ist Mamacita?«

»Hier, cabrón, wo sonst?« Ich hatte sie nicht aus dem Haus kommen gesehen, doch da war sie, eine kleine, sonnengebräunte Gestalt, die sich über die Quelle bückte, um einen weiteren Eimer zu füllen.

Mir stieg ein etwas gammeliger, unangenehmer Geruch in die Nase, die sogleich unbehaglich zuckte. Der Priester musste es gesehen haben, denn er sagte: »Oh, stört Euch nicht daran, es ist nur die arme Arabella.«

»Arabella?«

»Ja, hier drüben.« Der Priester hielt einen ausgefransten Jutevorhang beiseite, der eine Ecke des Hofes abschirmte, und ich warf einen Blick dahinter.

Etwa auf Taillenhöhe ragte ein Vorsprung aus der Mauer hervor. Darauf war eine lange Reihe von Schafschädeln aufgestellt, schneeweiß und glatt.

»Ich bringe es nämlich nicht über mich, mich von ihnen zu trennen.« Vater Fogden strich sanft über die breite Rundung eines Schädels. »Das war Beatriz – so lieb und sanftmütig. Sie ist gestorben, als sie ihre Lämmer zur Welt gebracht hat, das arme Ding.« Er zeigte auf die beiden Schädel, die danebenstanden, glatt poliert und so geformt wie der Rest, aber viel kleiner.

»Arabella ist … auch ein Schaf?«, fragte ich. Der Geruch war hier noch stärker, und eigentlich wollte ich gar nicht wissen, woher er kam.

»Ein Mitglied meiner Herde, ja, gewiss.« Der Priester richtete seine seltsam hellen blauen Augen auf mich, und ihr Blick war voller Leidenschaft. »Sie ist ermordet worden! Arme Arabella, so eine sanfte, vertrauensvolle Seele. Wie konnten sie nur so boshaft sein, diese Unschuld für ihre fleischlichen Gelüste zu missbrauchen!«

»Oje«, sagte ich ziemlich unangemessen. »Es tut mir furchtbar leid, das zu hören. Äh – wer hat sie denn ermordet?«

»Die Seemänner, verderbte Heiden! Haben sie am Strand umgebracht und ihren armen Leib auf einem Rost gebraten wie den heiligen Laurentius, den Märtyrer.«

»Großer Gott«, sagte ich.

Der Priester seufzte, und sein schütterer Bart schien sich traurig hängen lassen.

»Ja, ich darf die Hoffnung auf den Himmel nicht vergessen. Denn wenn Unser Herr jeden Spatzen in Seiner Hand hält, kann Er Arabella kaum übersehen haben. Sie muss mindestens neunzig Pfund gewogen haben, sie war so eine gute Esserin, das arme Kind.«

»Ah«, sagte ich und versuchte, ein angebrachtes Maß an Mitgefühl und Grauen in dieses Wort zu legen. Dann begriff ich, was der Priester gesagt hatte.

»Seemänner?«, fragte ich. »Wann, sagt Ihr, hat dieses … dieses traurige Vorkommnis stattgefunden?« Es konnte nicht die Porpoise sein, dachte ich. Gewiss konnte mich Kapitän Leonard kaum für so wichtig gehalten haben, dass er es riskiert hätte, das Schiff so dicht an die Insel zu fahren, um mich zu verfolgen? Dennoch wurden mir bei diesem Gedanken die Hände feucht, und ich wischte sie mir unauffällig am Kleid ab.

»Heute Morgen«, erwiderte Vater Fogden und stellte den Schädel zurück, den er in die Hand genommen hatte, um ihn zu tätscheln. »Aber«, sagte er, und seine Stimmung hob sich ein wenig, »ich muss sagen, sie machen wundervolle Fortschritte mit ihr. Normalerweise dauert es über eine Woche, und man kann jetzt schon sehen …«

Wieder öffnete er den Schrank, und ein großer, mit mehreren Schichten feuchter Jute bedeckter Klumpen kam zum Vorschein. Jetzt wurde der Geruch noch stärker, und ein paar kleine braune Käfer flüchteten vor dem Licht.

»Sind das Dermestidae, die Ihr da habt, Fogden?« Nachdem Lawrence den Leichnam seines Höhlenfischs zärtlich in ein Glas Alkohol bugsiert hatte, war er wieder zu uns gekommen. Er blickte mir über die Schulter und verzog neugierig das sonnenverbrannte Gesicht.

Im Inneren des Schranks waren weiße Maden, die Larven von Speckkäfern, fleißig dabei, den Schädel des Schafs Arabella zu reinigen. Bei den Augen waren sie bereits gut vorangekommen. Der Maniok in meinem Magen bewegte sich heftig.

»Nennt man sie so? Vermutlich, meine gefräßigen kleinen Freunde.« Der Priester wankte alarmierend und fing sich an der Schrankeinfassung ab. Dabei bemerkte er endlich die alte Frau, die neben ihm stand und ihn finster ansah, in jeder Hand einen Eimer.