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»Es war mir gerade gelungen, das Tier zu fangen und es in ein Glas zu sperren, als Mr. Fraser in das Zimmer platzte, mit einer Pistole auf mich zielte und sagte …« Hier erlitt Stern einen ausgedehnten Hustenanfall, und er schlug sich heftig auf die Brust.

»Hach! Findet Ihr diesen Krug nicht auch vielleicht ein bisschen stark, Mrs. Fraser? Ich habe den Verdacht, dass die alte Frau zu viele Zitronenscheiben benutzt hat.«

Ich hatte den Verdacht, dass Mamacita Zyanid benutzt hätte, wenn sie es zur Hand gehabt hätte, doch der Sangria war eigentlich hervorragend.

»Das ist mir gar nicht aufgefallen«, sagte ich und trank einen Schluck. »Aber erzählt doch weiter. Jamie ist mit einer Pistole hereingekommen und hat gesagt …?«

»Oh. Nun ja, eigentlich kann ich mich nicht genau erinnern, was gesagt wurde. Es schien ein kleines Missverständnis vorzuliegen, da er den Eindruck hatte, nicht die Spinne, sondern ich sei durch unangebrachtes Verhalten der Auslöser für den Aufschrei der Dame gewesen. Glücklicherweise konnte ich ihm das Tier zeigen, woraufhin wir die Dame dazu bewegen konnten, bis zur Tür zu kommen – wir konnten sie nicht überreden, das Zimmer noch einmal zu betreten – und es als die Ursache ihrer Bestürzung zu identifizieren.«

»Ich verstehe«, sagte ich. Ich konnte mir die Szene tatsächlich lebhaft vorstellen, allerdings fehlte noch ein überaus wichtiges Detail. »Wisst Ihr zufällig noch, was er anhatte? Jamie?«

Sterns Miene war verständnislos. »Was er anhatte? Also … nein. Ich habe den Eindruck, dass er für die Straße bekleidet war, und zwar vollständig, aber …«

»Das reicht schon«, versicherte ich ihm. »Es war nur eine Frage.« Schließlich war »bekleidet« das Wort, um das es ging. »Also hat er sich Euch vorgestellt?«

Stern runzelte die Stirn und fuhr sich mit der Hand durch die dichten schwarzen Locken. »Ich glaube nicht. Meiner Erinnerung nach hat ihn die Dame Mr. Fraser genannt; etwas später im Lauf der Unterhaltung – wir haben uns eine angemessene Stärkung kommen lassen und uns fast bis zum Morgengrauen unterhalten, weil wir uns beide sehr füreinander interessierten. Irgendwann hat er mich eingeladen, ihn beim Vornamen zu nennen.« Er zog sardonisch die Augenbraue hoch. »Ich hoffe, Ihr haltet es nicht für eine unangemessene Vertraulichkeit meinerseits, nachdem wir uns doch erst so kurz kannten.«

»Nein, nein. Natürlich nicht.« Um das Thema zu wechseln, fuhr ich fort: »Ihr habt gesagt, Ihr habt Euch über Spinnen und Höhlen unterhalten. Wieso denn Höhlen?«

»Wir kamen durch Robert Bruce darauf und die Geschichte, was ihn bewogen hat, seinen Kampf um den schottischen Thron nicht aufzugeben – Euer Gemahl zweifelt übrigens an ihrem Wahrheitsgehalt. Jedenfalls lag Bruce angeblich in einer Höhle verborgen, von seinen Feinden verfolgt, und …«

»Ja, ich kenne die Geschichte«, unterbrach ich ihn.

»James war der Überzeugung, dass sich Spinnen nicht in Höhlen ansiedeln, die von Menschen bewohnt sind; eine Meinung, mit der ich im Grunde übereinstimmte, obwohl ich ihn darauf hingewiesen habe, dass in größeren Höhlen, wie es sie zum Beispiel hier auf dieser Insel gibt …«

»Hier gibt es Höhlen?« Ich war überrascht, und dann kam ich mir töricht vor. »Aber natürlich; es muss ja welche geben, wenn es Höhlenfische gibt wie den in der Quelle. Aber ich hatte immer gedacht, die karibischen Inseln bestünden aus Korallen. Ich hätte nicht gedacht, dass es in Korallen Höhlen gibt.«

»Nun, möglich ist es, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich«, sagte Stern wissend. »Allerdings ist die Insel Hispaniola kein Korallenatoll, sondern sie ist im Grunde vulkanischen Ursprungs – hinzu kommen kristalliner Schiefer, fossile Sedimentschichten beträchtlichen Alters und verbreitete Lehmablagerungen, die an manchen Stellen Karstlandschaften gebildet haben.«

»Was Ihr nicht sagt.« Ich schenkte mir noch etwas Gewürzwein nach.

»Oh ja.« Lawrence beugte sich zu seiner Tasche hinüber, die auf dem Boden der Veranda lag. Er holte ein Notizbuch hervor, riss ein Blatt Papier heraus und zerknüllte es in der Faust.

»Da«, sagte er und hielt mir die Hand hin. Das Papier faltete sich langsam auseinander, und eine zerklüftete Oberfläche voller Falten und zerfurchten Anhöhen blieb zurück. »So ähnlich verhält es sich mit dieser Insel – wisst Ihr noch, was Vater Fogden über die entlaufenen Sklaven gesagt hat, die in diesen Hügeln Zuflucht gesucht haben? Der Grund, warum sie mit solcher Leichtigkeit entkommen können, ist nicht, dass ihre Herren sie nicht verfolgen. Es gibt auf dieser Insel viele Stellen, die noch nie ein Mensch betreten hat – ganz gleich, ob weiß oder schwarz. Und in den verlassenen Hügeln gibt es noch verlassenere Höhlen, von deren Existenz niemand weiß außer vielleicht die ursprünglichen Bewohner dieser Gegend – und die sind lange fort, Mrs. Fraser«, sagte er nachdenklich.

»Ich habe selbst schon einmal eine solche Höhle besucht. Die Sklaven nennen sie Abandawe. Sie halten sie für einen unheimlichen, heiligen Ort, obwohl ich nicht weiß, warum.«

Durch mein Interesse ermuntert, trank er noch einen Schluck Sangria und setzte seinen naturkundlichen Vortrag fort.

»Diese kleine Insel dort –«, er wies auf die Insel, die weit draußen auf dem Meer zu sehen war, »das ist die Ile de la Tortue – Tortuga. Sie ist tatsächlich ein Korallenatoll, dessen Lagune vor langer Zeit durch die Mikroorganismen des Korallenriffs aufgefüllt wurde. Wusstet Ihr, dass sie einst eine Pirateninsel war?«, fragte er, da er offenbar das Gefühl hatte, auch Dinge in seinen Vortrag einfließen lassen zu müssen, die von allgemeinerem Interesse waren als Karstformationen und Schiefersorten.

»Richtige Piraten? Ihr meint Freibeuter?« Ich betrachtete die kleine Insel mit neuem Interesse. »Das ist ja sehr romantisch.«

Stern lachte, und ich blickte ihn überrascht an.

»Ich lache Euch nicht aus, Mrs. Fraser«, versicherte er mir. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er auf die Ile de la Tortue zeigte. »Es ist nur so, dass ich einmal die Gelegenheit hatte, mich mit einem älteren Einwohner von Kingston über die Sitten der Freibeuter zu unterhalten, die ihr Hauptquartier in der nahen Ortschaft Port Royal hatten.«

Er spitzte die Lippen, entschloss sich zu sprechen, entschloss sich dagegen und beschloss dann mit einem Seitenblick auf mich, es zu riskieren. »Ihr werdet mir meine Taktlosigkeit verzeihen, Mrs. Fraser, aber da Ihr eine verheiratete Frau seid und, wie ich es verstehe, auch einige medizinische Erfahrung besitzt …« Er hielt inne und hätte vielleicht an diesem Punkt abgebrochen, doch er hatte fast zwei Drittel des Kruges getrunken; sein breites, freundliches Gesicht war tief errötet.

»Ihr habt vielleicht von der verabscheuenswerten Praxis der Sodomie gehört?«, fragte er und sah mich erneut von der Seite an.

»Ja«, sagte ich. »Wollt Ihr damit sagen …«

»Ich versichere es Euch«, sagte er und nickte entschlossen. »Mein Informant war mit den Sitten der Freibeuter bestens vertraut. Sodomiten, einer wie der andere«, sagte er und schüttelte den Kopf.

»Was?«

»Es war allgemein bekannt«, sagte er. »Mein Informant hat mir mitgeteilt, dass der Untergang von Port Royal vor etwa sechzig Jahren allgemein als Akt der göttlichen Rache an diesen durchtriebenen Menschen und ihrer abstoßenden, widernatürlichen Lebensweise betrachtet wurde.«

»Grundgütiger«, sagte ich. Ich fragte mich, was die wollüstige Tessa aus dem Stürmischen Piraten wohl davon gehalten hätte.