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Er nickte feierlich wie eine Eule.

»Es heißt, wenn ein Sturm heraufzieht, kann man die Glocken der versunkenen Kirchen von Port Royal hören, die für die Seelen der verdammten Piraten läuten.«

Ich dachte daran, mich konkreter nach dieser abstoßenden und widernatürlichen Lebensweise zu erkundigen, doch in diesem Moment stapfte Mamacita auf die Veranda hinaus, sagte knapp: »Essen«, und verschwand wieder.

»Ich frage mich, in welcher Höhle Vater Fogden sie wohl gefunden hat«, sagte ich und schob meinen Stuhl zurück.

Stern blickte mich überrascht an. »Gefunden? Oh, ich vergaß«, sagte er, und seine Miene erhellte sich, »Ihr wisst es ja nicht.« Er blinzelte zur offenen Tür hinüber, wo die alte Frau verschwunden war, doch im Inneren des Hauses war es still und dunkel wie in einer Höhle.

»Er hat sie in Havanna gefunden«, sagte er und erzählte mir den Rest der Geschichte.

Vater Fogden war schon seit zehn Jahren Priester gewesen, ein Missionar im Orden des heiligen Anselm, als er vor fünfzehn Jahren nach Kuba kam. Er hatte sein Leben den Notleidenden verschrieben und mehrere Jahre in den Armenvierteln von Havanna gearbeitet, wo sich seine Gedanken allein darum drehten, Leid zu mildern und Gott zu lieben – bis zu dem Tag, an dem er auf dem Marktplatz Ermenegilda Ruiz Alcantara y Meroz begegnet war.

»Ich vermute, er weiß bis heute nicht, wie ihm geschehen ist«, sagte Stern. Er wischte einen Tropfen Wein ab, der an seinem Glas entlanglief, dann trank er noch einen Schluck. »Vielleicht hat sie es auch nicht gewusst, oder vielleicht hat sie es auch geplant, als sie ihn sah.«

Jedenfalls hatte sechs Monate später die Nachricht Havanna erschüttert, dass Don Armando Alcantaras junge Frau davongelaufen war – mit einem Priester.

»Und ihrer Mutter«, murmelte ich, doch er hörte mich und lächelte schwach.

»Ermenegilda hätte Mamacita nie im Stich gelassen«, sagte er. »Genauso wenig wie ihren Hund Ludo.«

Die Flucht wäre ihnen niemals gelungen – denn Don Armandos Arm war lang und machtvoll –, hätten die Engländer nicht praktischerweise just diesen Tag gewählt, um auf der Insel Kuba einzufallen, so dass Don Armando wichtigere Sorgen hatte, als seine entfleuchte junge Frau aufzuspüren.

Die Flüchtigen ritten nach Bayamo – stark behindert durch Ermenegildas Kleider, von denen sie sich nicht trennen wollte – und heuerten dort ein Fischerboot an, das sie nach Hispaniola in Sicherheit brachte.

»Zwei Jahre später ist sie gestorben«, sagte Stern abrupt. Er stellte sein Glas hin und füllte es aus dem feuchten Krug nach. »Er hat sie selbst begraben, unter der Bougainvillea.«

»Seitdem sind sie hier«, sagte ich. »Der Priester, Ludo und Mamacita.«

»Oh ja.« Stern schloss die Augen, und sein Profil zeichnete sich dunkel vor der sinkenden Sonne ab.

»Ermenegilda hätte Mamacita nie verlassen, und Mamacita wird Ermenegilda nie verlassen.«

Er spülte den Rest seines Sangrias hinunter.

»Niemand kommt hierher«, sagte er. »Die Dorfbewohner setzen keinen Fuß auf diesen Hügel. Sie haben Angst vor Ermenegildas Geist. Eine verdammte Sünderin, von einem abtrünnigen Priester in ungeweihter Erde begraben – sie kann doch gar nicht ruhen.«

Die Meeresbrise kühlte mir den Nacken. Hinter uns waren sogar die Hühner im Innenhof verstummt, als das Zwielicht einsetzte. Auf der Hacienda de Fuente war alles still.

»Ihr kommt doch her«, sagte ich, und er lächelte. Der Duft der Orangen stieg aus dem leeren Glas in meinen Händen auf, süß wie Blumen in einem Brautstrauß.

»Nun ja«, sagte er. »Ich bin Wissenschaftler. Ich glaube nicht an Geister.« Etwas schwankend hielt er mir eine Hand entgegen. »Wollen wir essen, Mrs. Fraser?«

Am nächsten Morgen war Stern nach dem Frühstück bereit, nach St. Luis aufzubrechen. Vor unserem Aufbruch jedoch hatte ich noch ein paar Fragen über das Schiff, das der Priester erwähnt hatte; wenn es die Porpoise war, wollte ich ihm aus dem Weg gehen.

»Was ist es für ein Schiff gewesen?«, fragte ich und schenkte mir einen Becher Ziegenmilch zu dem Frühstück aus gebratenen Kochbananen ein.

Vater Fogden, der nach seinem Exzess des Vortags kaum mitgenommen schien, streichelte seine Kokosnuss und summte verträumt vor sich hin.

»Ah?«, sagte er, weil ihm Stern in die Rippen stieß und ihn so aus seinen Gedanken riss. Geduldig wiederholte ich meine Frage.

»Oh.« Er blinzelte nachdenklich, dann entspannte sich sein Gesicht. »Es war aus Holz.«

Lawrence beugte das breite Gesicht über seinen Teller und lächelte verstohlen. Ich holte Luft und versuchte es erneut.

»Die Seemänner, die Arabella getötet haben – habt Ihr sie gesehen?«

Er zog die feinen Augenbrauen hoch.

»Natürlich habe ich sie gesehen. Woher sollte ich sonst wissen, dass sie es getan haben?«

Ich stürzte mich auf dieses Zeichen logischen Denkens.

»Natürlich. Und habt Ihr gesehen, was sie anhatten? Ich meine …«, ich sah, wie er den Mund öffnete, um »Kleider« zu sagen, und kam ihm hastig zuvor, »sah es so aus, als trügen sie Uniformen?« Die Besatzung der Porpoise trug zwar normalerweise Zivil, wenn sie nicht gerade einer Zeremonie beiwohnte, doch selbst diese einfachen Kleider hatten Ähnlichkeit mit einer Uniform, da sie zum Großteil von schmutzig weißer Farbe und recht ähnlich geschnitten waren.

Vater Fogden stellte seinen Becher hin, und auf seiner Oberlippe blieb ein milchiger Schnurrbart zurück. Er strich mit dem Handrücken darüber und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.

»Nein, ich glaube nicht. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass der Anführer einen Haken getragen hat – dass ihm eine Hand fehlte, meine ich.« Er wackelte zur Illustration mit seinen langen Fingern.

Ich ließ meinen Becher fallen, und er explodierte auf der Tischplatte. Stern sprang mit einem Ausruf auf, doch der Priester blieb reglos sitzen und beobachtete überrascht, wie ihm ein dünnes weißes Rinnsal über den Tisch in den Schoß lief.

»Warum habt Ihr das getan?«, fragte er tadelnd.

»Es tut mir leid«, sagte ich. Meine Hände zitterten so stark, dass ich nicht einmal imstande war, die Scherben des zersprungenen Glases aufzulesen. Ich hatte Angst davor, die nächste Frage zu stellen. »Vater – ist das Schiff wieder fortgesegelt?«

»Nicht doch«, sagte er und blickte überrascht von seiner feuchten Robe auf. »Wie hätte es das tun sollen? Es liegt auf dem Strand.«

Vater Fogden ging voraus. Seine dünnen Unterschenkel glänzten weiß, weil er sich die Robe um die Oberschenkel gegürtet hatte. Ich war gezwungen, seinem Beispiel zu folgen, da der Hügel über dem Haus dicht mit Gras und dornigen Pflanzen bewachsen war, die sich in der groben Wolle meiner geborgten Robe verfingen.

Der Hügel war zwar mit Tierpfaden übersät, doch diese waren schmal und nur schwach ausgetreten; sie verloren sich immer wieder unter den Bäumen oder verschwanden abrupt im dichten Gras. Doch der Priester schien sich sicher zu sein, wohin er ging, und stampfte energisch durch die Vegetation, ohne sich umzusehen.

Ich keuchte vor mich hin, als wir den Hügelkamm erreichten, obwohl mir Stern höflich geholfen hatte, indem er mir Äste beiseitehielt und meine Hand nahm, um mich an den steileren Stellen hochzuziehen.

»Glaubt Ihr, es ist wirklich ein Schiff dort?«, fragte ich ihn leise, als wir uns dem Gipfel näherten. So wie sich unser Gastgeber bis jetzt verhalten hatte, war ich mir nicht sicher, dass er es nicht einfach erfunden hatte, um sich gesellig zu zeigen.

Stern zuckte mit den Schultern und wischte sich ein Schweißrinnsal von der bronze getönten Wange.

»Irgendetwas wird schon dort sein«, erwiderte er. »Schließlich gibt es ja ein totes Schaf.«

Mich durchlief ein Schauder bei dem Gedanken an die verstorbene Arabella. Irgendjemand hatte das Schaf getötet … Ich bewegte mich, so leise ich konnte, auf den Gipfel zu. Es konnte nicht die Porpoise sein; keiner ihrer Offiziere oder Männer trug einen Haken. Ich versuchte, mir einzureden, dass es vermutlich auch nicht die Artemis war, doch mein Herz schlug dennoch schneller, als wir ein Gebüsch aus gigantischen Agaven auf dem Hügelkamm erreichten.