Ich konnte die Karibik blau durch die Triebe der Sukkulenten leuchten sehen, und ich erblickte einen schmalen Streifen eines weißen Strandes. Vater Fogden war stehen geblieben und winkte uns an seine Seite.
»Da sind sie, die hinterlistigen Gestalten«, brummte er. Seine braunen Augen glitzerten vor Wut, und sein schütteres Haar stand zu Berge wie bei einem mottenzerfressenen Stachelschwein. »Metzger!«, sagte er gedämpft, aber heftig, als spräche er mit sich selbst. »Kannibalen!«
Ich warf ihm einen verblüfften Blick zu, doch dann packte Lawrence Stern meinen Arm und zog mich zu einer breiteren Lücke zwischen zwei Bäumen.
»Ha! Da ist ein Schiff«, sagte er.
So war es. Es lag auf der Seite am Strand, die Masten abmontiert, umgeben von unordentlichen Stapeln seiner Fracht, seiner Segel, der Takelage und der Wasserfässer. Männer krochen wie Ameisen auf dem gestrandeten Kadaver umher. Rufe und Hammerschläge ertönten wie Gewehrschüsse, und der Geruch heißen Teers hing in der Luft.
Die abgeladene Fracht glänzte dumpf in der Sonne; Kupfer und Blech, von der Seeluft etwas angelaufen. Die gegerbten Häute lagen flach im Sand ausgebreitet, steife braune Flecken, die in der Sonne trockneten.
»Sie sind es! Es ist die Artemis!« Die Tatsache wurde endgültig besiegelt, als jetzt ein untersetzter, einbeiniger Mann neben dem Schiffsrumpf auftauchte, der seinen Kopf durch ein leuchtendes Tuch aus gelber Seide vor der Sonne geschützt hatte.
»Murphy!«, rief ich. »Fergus! Jamie!« Ich löste mich von Stern und rannte die Rückseite des Hügels hinunter, ohne in meiner Aufregung über den Anblick der Artemis seinen mahnenden Ruf zu beachten.
Bei meinem Ausruf fuhr Murphy herum, doch es gelang ihm nicht, mir aus dem Weg zu gehen. Ich hatte so viel Schwung, dass ich geradewegs mit ihm zusammenstieß und ihn zu Boden warf.
»Murphy!«, sagte ich und küsste ihn, vom Glück des Augenblicks hingerissen.
»Holla!«, sagte er erschrocken. Er wand sich wie verrückt, um sich unter mir zu befreien.
»Milady!« Fergus erschien an meiner Seite, zerknittert, aber strahlend, und sein hinreißendes Lächeln blitzte mir aus einem sonnengebräunten Gesicht entgegen. »Milady!« Er half mir von dem grunzenden Koch herunter, zog mich an sich und umarmte mich, dass mir die Rippen ächzten. Hinter ihm erschien Marsali, ein breites Lächeln im Gesicht.
»Merci aux les saints«, sagte er in mein Ohr. »Ich hatte schon Angst, wir würden Euch nie wiedersehen!« Er küsste mich seinerseits herzhaft auf beide Wangen und auf den Mund, dann ließ er mich endlich los.
Ich richtete den Blick auf die Artemis, die auf der Seite im Sand lag wie ein gestrandeter Käfer. »Was in aller Welt ist passiert?«
Fergus und Marsali wechselten einen Blick. Es war die Sorte Blick, der Fragen und Antworten beinhaltet, und es erschreckte mich doch ein wenig, das Ausmaß der Intimität zwischen ihnen zu sehen. Fergus holte tief Luft und wandte sich mir zu.
»Kapitän Raines ist tot«, sagte er.
Der Sturm, der im Mangrovensumpf über mich hergefallen war, hatte auch die Artemis getroffen. Durch den heulenden Wind weit vom Kurs abgebracht, war sie über ein Riff gedrückt worden und hatte sich ein großes Loch in den Boden gerissen.
Dennoch hatte sie sich über Wasser gehalten. Während sich der hintere Frachtraum rapide füllte, war sie auf die kleine Bucht zugetrieben, die sich so dicht vor ihr auftat und Schutz verhieß.
»Wir waren keine dreihundert Meter mehr vom Ufer entfernt, als das Unglück geschehen ist«, sagte Fergus, dessen Gesicht sich bei der Erinnerung verfinsterte. Das Schiff hatte sich plötzlich auf die Seite gelegt, weil der Inhalt des Frachtraums verrutschte und zu schwimmen begann. Und just in diesem Moment hatte eine gewaltige Welle, die vom offenen Meer kam, das krängende Schiff getroffen und Kapitän Raines und vier Seemänner über Bord gespült.
»Das Land war schon so nah!«, sagte Marsali mit bestürzter Miene. »Zehn Minuten später sind wir auf Grund gelaufen! Wenn es doch nur …«
Fergus gebot ihr Einhalt, indem er ihr die Hand auf den Arm legte.
»Wir können Gottes Plan nicht erraten«, sagte er. »Es wäre genauso geschehen, wenn wir uns tausend Meilen auf hoher See befunden hätten, nur, dass wir sie dann nicht anständig hätten begraben können.« Er wies auf das andere Ende des Strandes, wo kurz vor dem Dschungel fünf kleine Hügel mit grob gezimmerten Holzkreuzen die Ruhestätte der Ertrunkenen markierten.
»Ich hatte etwas Weihwasser, das Pa mir aus der Notre-Dame in Paris mitgebracht hatte«, sagte Marsali. Ihre Lippen waren aufgesprungen, und sie fuhr sich mit der Zunge darüber. »In einem Fläschchen. Ich habe ein Gebet gesprochen und die Gräber damit besprengt. Meinst … meinst du, das hätte ihnen F-Freude gemacht?«
Ich hörte das Beben in ihrer Stimme und begriff, dass die letzten beiden Tage trotz ihrer Selbstbeherrschung eine furchtbare Strapaze für das Mädchen gewesen waren. Ihr Gesicht war schmutzig, ihre Frisur war in der Auslösung begriffen, und die Schärfe in ihren Augen war der Sanftheit der Tränen gewichen.
»Da bin ich mir ganz sicher«, sagte ich leise und tätschelte ihr den Arm. Ich warf einen Blick auf das Gewimmel der Gesichter rings um das Schiff und suchte noch nach Jamies hochgewachsener Gestalt und seinem flammenden Kopf, als mir die Erkenntnis dämmerte, dass er nicht hier war.
»Wo ist Jamie?«, sagte ich. Mein Gesicht war noch rot, weil ich so gerannt war. Ich spürte, wie mir das Blut aus den Wangen wich, während sich eine Spur von Angst in meinen Adern regte.
Fergus starrte mich an, und seine Miene war ein Spiegelbild dessen, was ich empfand.
»Er ist nicht bei Euch?«, sagte er.
»Nein. Wieso sollte er das?« Die Sonne blendete zwar, doch meine Haut fühlte sich kalt an. Ich konnte spüren, wie die Hitze über mich hinwegflimmerte, doch sie hatte keine Wirkung. Meine Lippen waren so kalt, dass ich die Frage kaum herausbrachte.
»Wo ist er?«
Fergus schüttelte den Kopf langsam hin und her wie ein vom Schlachter betäubter Ochse.
»Ich weiß es nicht.«
Kapitel 51
In welchem Jamie dämmert, dass etwas faul ist
Jamie Fraser lag im Schatten unter der Jolle der Porpoise und keuchte vor Anstrengung. Es war keine kleine Aufgabe gewesen, an Bord des Kriegsschiffs zu gelangen, ohne dass ihn jemand sah; seine rechte Körperhälfte war blau, weil er gegen die Schiffswand geprallt war, als er in den Enternetzen hängend versucht hatte, sich zur Reling hinaufzukämpfen. Seine Arme fühlten sich an, als hätte man sie ihm aus den Schulterpfannen gerissen, und er hatte einen großen Splitter in einer Hand. Doch er war hier, und bis jetzt hatte ihn niemand gesehen.
Er nagte vorsichtig an seiner Handfläche und versuchte, das Ende des Splitters mit den Zähnen zu fassen zu bekommen, während er sich orientierte. Russo und Stone, zwei Seemänner auf der Artemis, die auch schon auf Kriegsschiffen zur See gefahren waren, hatten mehrere Stunden damit zugebracht, ihm die Konstruktion eines solchen großen Schiffs zu beschreiben, die verschiedenen Decks und die vermutliche Position des Arztquartiers. Doch sich etwas beschreiben zu lassen und sich tatsächlich zurechtzufinden, waren zwei verschiedene Dinge. Immerhin schwankte das elende Ding nicht so wie die Artemis, obwohl er das subtile, Übelkeit erregende Heben und Senken des Decks auch hier unter sich spüren konnte.
Er bekam das Ende des Splitters zu fassen; er nahm es zwischen die Zähne, zog das Holzstückchen langsam heraus und spuckte es auf das Deck. Er saugte an der kleinen Verletzung, bis er Blut schmeckte, dann ließ er sich vorsichtig unter der Jolle hervorgleiten, während er mit gespitzten Ohren auf nahende Schritte lauschte.