»Sie ist fort!«, platzte der Mann heraus. »Über Bord gegangen!«
»Was?« Er war so verdattert, dass er losließ. Über Bord. Über Bord gegangen. Fort.
»Wann?«, wollte er wissen. »Wie? Verdammt, sagt mir, was geschehen ist!« Er ging mit geballten Fäusten auf den Seemann zu.
Dieser wich keuchend zurück und rieb sich den Arm, einen Ausdruck flüchtiger Genugtuung in seinem Auge.
»Keine Sorge, Euer Ehren«, sagte er mit einem seltsamen, spöttischen Unterton. »Ihr werdet nicht lange einsam sein. In ein paar Tagen seid Ihr bei ihr in der Hölle – und baumelt über dem Hafen von Kingston an der Rah!«
Zu spät hörte Jamie die Schritte hinter sich auf den Planken. Ihm blieb nicht einmal Zeit, den Kopf zu wenden, als der Hieb auf ihn niedersauste.
Er war schon oft genug am Kopf getroffen worden, um zu wissen, dass es das Vernünftigste war, still zu liegen und zu warten, bis der Schwindel und die tanzenden Lichter hinter den Augenlidern verschwanden. Wenn man sich zu schnell aufsetzte, musste man sich vor Schmerz erbrechen.
Das Deck hob und senkte sich, hob und senkte sich auf diese grauenvolle Weise unter ihm, die Schiffe nun einmal an sich haben. Er hielt die Augen fest geschlossen und konzentrierte sich auf den geballten Schmerz in seinem Nacken, um nicht an seinen Magen zu denken.
Schiff. Er sollte auf einem Schiff sein. Ja, aber die Oberfläche unter seiner Wange war falsch – hartes Holz, nicht die Bettwäsche in seiner Koje. Und der Geruch, der Geruch war falsch, es war …
Er fuhr kerzengerade auf, als ihn die Erinnerung so heftig durchfuhr, dass seine Kopfschmerzen im Vergleich verblassten. Die Dunkelheit ringsum bewegte sich schwindelerregend. Sie war voller bunter Lichter, und sein Magen rebellierte. Er schloss die Augen und schluckte krampfhaft, um seine verstreuten Gedanken um den einen entsetzlichen Satz zu sammeln, der sein Hirn durchbohrt hatte wie ein Spieß einen Hammel.
Claire. Fort. Ertrunken. Tot.
Er beugte sich zur Seite und übergab sich. Er würgte und hustete, als versuchte sein Körper, den Gedanken gewaltsam abzustoßen. Es funktionierte nicht; als er endlich fertig war und den Kopf erschöpft an das Schott lehnte, war der Gedanke nach wie vor da. Das Atmen schmerzte ihn, und er ballte zitternd die Fäuste auf den Oberschenkeln.
Er hörte, wie sich eine Tür öffnete, und helles Licht traf seine Augen wie ein Schlag. Er zuckte zusammen und schloss die Augen vor dem Gleißen der Laterne.
»Mr. Fraser«, sagte eine leise, kultivierte Stimme. »Es tut mir … wirklich leid. Ich möchte, dass Ihr das zumindest wisst.«
Durch den Spalt eines Augenlids sah er das verhärmte Gesicht des jungen Leonard – des Mannes, der Claire entführt hatte. Der Mann trug eine Miene des Bedauerns. Bedauern! Bedauern dafür, dass er sie umgebracht hatte.
Die Wut überwand seine Schwäche, und im nächsten Moment stürzte er über das schiefe Deck. Er hörte einen Aufschrei, als er mit Leonard zusammenprallte und ihn rückwärts in den Gang katapultierte, und ein herrliches, sattes Geräusch, als der Kerl mit dem Kopf auf die Planken prallte. Er hörte Rufe, und Schatten hüpften wie verrückt um ihn herum, weil die Laternen schwankten, doch er achtete nicht darauf.
Er zerschmetterte Leonard mit einem gewaltigen Hieb das Kinn, die Nase mit dem nächsten. Seine Schwäche war jetzt bedeutungslos. Er würde all seine Kraft aufbrauchen und gern hier sterben, doch jetzt wollte er zermalmen und verstümmeln, spüren, wie Knochen splitterten und sich Blut heiß und glitschig über seine Fäuste ergoss. Seliger Michael, lass mich sie erst noch rächen.
Hände fassten nach ihm, zerrten an ihm, doch auch sie waren bedeutungslos. Sie würden ihn jetzt umbringen, dachte er dumpf, und auch das war bedeutungslos. Der Körper unter ihm zitterte und zuckte zwischen seinen Beinen, dann lag er still.
Als der nächste Hieb kam, sank er freiwillig in die Dunkelheit.
Finger, die ihn leicht berührten, weckten ihn. Verschlafen streckte er den Arm aus, um sie zu berühren, und seine Handfläche stieß auf …
»Aaaah!«
Instinktiv angewidert fuhr er zum Stehen hoch und schlug nach seinem Gesicht. Die große Spinne, die nicht weniger erschrak als er, machte sich derart schnell ins Gebüsch davon, dass ihre langen haarigen Beine verschwammen.
Hinter ihm brach Gekicher aus. Sein Herz schlug wie eine Trommel, als er sich umdrehte und sechs Kinder über sich im Geäst eines großen grünen Baumes sah, die alle mit tabakfleckigen Zähnen auf ihn hinuntergrinsten.
Er verneigte sich vor ihnen und fühlte sich benommen und wackelig, da der Schreck, der ihn aufgescheucht hatte, jetzt in seinem Blut verebbte.
»Mesdemoiselles, Messieurs«, sagte er krächzend und fragte sich in den halbwachen Windungen seines Hirns, wie er darauf gekommen war, sie auf Französisch anzusprechen. Hatte er sie im Schlaf unbewusst sprechen gehört?
Sie waren tatsächlich Franzosen, denn sie antworteten ihm in derselben Sprache, versetzt mit einem kehligen Kreolenakzent, den er noch nie gehört hatte.
»Vous êtes matelot?«, fragte der größte Junge und betrachtete ihn neugierig.
Seine Knie gaben nach, und er setzte sich so abrupt auf den Boden, dass die Kinder wieder lachten.
»Non«, erwiderte er und kämpfte darum, seine Zunge zur Mitarbeit zu bewegen. »Je suis guerrier.« Sein Mund war trocken, und er hatte furchtbare Kopfschmerzen. Schwache Erinnerungen schwammen in dem Porridge umher, der seinen Kopf füllte, zu vage, um sie zu fassen.
»Ein Soldat!«, rief eins der kleineren Kinder aus. Seine Augen waren rund und schwarz wie Schlehenbeeren. »Wo ist denn Euer Schwert und Eure pistola, häh?«
»Sei doch nicht albern«, sagte ein älteres Mädchen herablassend zu dem Jungen. »Wie kann er denn mit einer pistola schwimmen? Sie wäre doch sofort ruiniert. Weißt du denn gar nichts, Guavenkopf?«
»Nenn mich nicht so!«, schrie der kleinere Junge mit wutverzerrtem Gesicht. »Mistfratze!«
»Froschbauch!«
»Kakakopf!«
Die Kinder kletterten durch das Geäst wie Affen und jagten einander mit Gebrüll. Jamie rieb sich fest mit der Hand über das Gesicht und versuchte zu überlegen.
»Mademoiselle!« Er fing den Blick des älteren Mädchens auf und winkte ihr zu. Sie zögerte einen Moment, dann ließ sie sich wie eine reife Frucht von ihrem Ast plumpsen und landete in einem gelben Staubwölkchen vor ihm auf dem Boden. Sie war barfuß und trug nichts als ein Musselinhemd und ein buntes Tuch, das sie sich um die dunklen Locken gewickelt hatte.
»Monsieur?«
»Ihr scheint mir eine Dame von einigem Wissen zu sein, Mademoiselle«, sagte er. »Sagt mir bitte, wie lautet der Name dieses Ortes?«
»Cap-Haïtien«, erwiderte sie prompt. Sie betrachtete ihn mit großer Neugier. »Ihr redet komisch.«
»Ich habe Durst. Gibt es hier irgendwo Wasser?« Cap-Haïtien. Er befand sich also auf der Insel Hispaniola. Sein Verstand nahm allmählich die Arbeit wieder auf; er erinnerte sich vage daran, sich furchtbar angestrengt zu haben, in einem schäumenden Kessel voller kochender Wogen um sein Leben geschwommen zu sein, wo ihm eine Regenflut mit solcher Wucht auf das Gesicht einprasselte, dass es kaum etwas ausmachte, ob sein Kopf über oder unter Wasser war. Und was noch?
»Hier entlang, hier entlang!« Die anderen Kinder waren ebenfalls vom Baum gehüpft, und ein kleines Mädchen zupfte an seiner Hand und drängte ihn zu folgen.
Er kniete sich an den kleinen Bach, spritzte sich Wasser über den Kopf und trank das köstliche, kühle Nass mit den Händen, während die Kinder über die Felsen sprangen und sich gegenseitig mit Lehm bewarfen.
Jetzt fiel es ihm wieder ein – der Seemann mit dem Rattengesicht und Leonards überraschtes Jungengesicht, die tiefrote Rage und das herrliche Gefühl von Haut und Muskeln, die von seiner Faust auf den Knochen zermalmt wurden.