Und Claire. Die Erinnerung kam ihm plötzlich mit einem Gewirr von Gefühlen – Verlust und Grauen, gefolgt von Erleichterung. Was war geschehen? Er hielt inne, denn er hörte die Fragen nicht, die ihm die Kinder zuwarfen.
»Seid Ihr ein Deserteur?«, fragte jetzt wieder einer der Jungen. »Habt Ihr Euch geprügelt?« Die Augen des Jungen ruhten neugierig auf seinen Händen. Seine Fingerknöchel waren blutig und geschwollen, und seine Hände schmerzten; der Ringfinger fühlte sich an, als wäre er wieder gebrochen.
»Ja«, sagte er geistesabwesend, denn er war mit seinen Gedanken anderswo. Jetzt kam alles wieder; die stickige, dunkle Enge der Arrestzelle, in der sie ihn zurückgelassen hatten, um ihn wieder zu sich kommen zu lassen, und das grauenvolle Erwachen mit dem Gedanken, dass Claire tot war. Er hatte sich dort auf die nackten Planken gekauert, anfangs zu erschüttert, um die zunehmenden Schiffsbewegungen zu bemerken oder das schrille Heulen der Takelage, das so laut war, dass es bis in seinen Kerker hallte.
Doch nach einer Weile waren das Auf und Ab und der Lärm so stark geworden, dass sie selbst seine Wolke aus Schmerz durchdrangen. Er hatte die Geräusche des zunehmenden Sturms gehört, die Schreie und das Gerenne über seinem Kopf, und dann war er viel zu beschäftigt gewesen, um noch zu denken.
Er hatte nichts bei sich in der kleinen Kammer, keine Möglichkeit, sich festzuhalten. Er war von den Wänden abgeprallt wie eine getrocknete Erbse in einer Kinderrassel, bis er schließlich nicht mehr sagen konnte, wo in der schwankenden Dunkelheit oben und unten war, wo rechts oder links, und es hatte ihn auch nicht besonders interessiert, da ihn die Seekrankheit in Wellen überrollte. Dann hatte er nur noch an den Tod gedacht und ihn inbrünstig herbeigesehnt.
Er war so gut wie bewusstlos gewesen, als sich die Tür zu seinem Gefängnis geöffnet hatte und ihm kräftiger Ziegengeruch in die Nase gedrungen war. Er hatte keine Ahnung, wie ihn die Frau die Leiter zum Achterdeck hinaufbugsiert hatte oder warum. Er erinnerte sich nur noch wirr daran, wie sie in gebrochenem Englisch auf ihn eingebrabbelt hatte und ihn halb zog, halb stützte, während er stolpernd über das regennasse Deck schlidderte.
Doch er erinnerte sich an das Letzte, was sie zu ihm gesagt hatte, während sie ihn auf die wankende Heckreling zuschob.
»Sie ist nicht tot«, hatte die Frau gesagt. »Sie dorthin«, und sie zeigte auf die rollende See, »Ihr auch dorthin. Findet sie!« Dann hatte sie sich vorgebeugt, ihm eine Hand in den Schritt geschoben, ihn unter ihre kräftige Schulter bugsiert und ihn zielsicher über die Reling in das tosende Wasser gehievt.
»Ihr seid kein Engländer«, sagte der Junge jetzt. »Es ist aber ein englisches Schiff, oder?«
Er drehte sich automatisch um und blickte in die Richtung, in die der Junge gezeigt hatte. Da sah er die Porpoise weit draußen in der flachen Bucht vor Anker liegen. Von seinem Aussichtspunkt auf einem Hügel am Rand der Stadt sah er, dass überall im Hafen Schiffe verstreut lagen.
»Ja«, sagte er zu dem Jungen. »Ein englisches Schiff.«
»Ein Punkt für mich«, rief der Junge fröhlich aus. Er wandte sich einem der anderen Jungen zu und rief: »Jacques! Ich hatte recht! Englisch! Das macht diesen Monat vier für mich und nur zwei für dich!«
»Drei«, verbesserte ihn Jacques entrüstet. »Ich bekomme die Spanier und die Portugiesen. Die Bruja war ein Portugiese, also kann ich sie mitzählen!«
Jamie streckte die Hand aus und erwischte den Arm des älteren Jungen.
»Pardon, Monsieur«, sagte er. »Hat Euer Freund gerade Bruja gesagt?«
»Ja, sie ist letzte Woche hier gewesen«, antwortete der Junge. »Aber ist Bruja überhaupt ein portugiesischer Name? Wir waren uns nicht sicher, ob wir sie zu den Spaniern oder den Portugiesen zählen sollen.«
»Ein paar von den Seeleuten waren bei Maman in der Taverna«, meldete sich eins der kleinen Mädchen zu Wort. »Es hat sich so angehört, als würden sie Spanisch sprechen, aber es war nicht so, wie Onkel Gerraldo redet.«
»Ich glaube, ich würde mich gern mit deiner Maman unterhalten, Chérie«, sagte er zu dem kleinen Mädchen. »Wisst ihr vielleicht auch, wohin diese Bruja wollte, als sie abgefahren ist?«
»Bridgetown«, sagte das älteste Mädchen prompt und versuchte, seine Aufmerksamkeit wieder für sich zu gewinnen. »Ich habe gehört, wie der Schreiber der Garnison das gesagt hat.«
»Garnison?«
»Die Kaserne steht neben der Taverna«, sagte das kleinere Mädchen jetzt wieder und zupfte an seinem Ärmel. »Die Schiffskapitäne gehen mit ihren Papieren dorthin, und die Seemänner betrinken sich. Kommt, kommt! Maman gibt Euch zu essen, wenn ich es ihr sage.«
»Ich glaube, deine Maman wird mich zur Tür hinauswerfen«, sagte er zu ihr und fuhr sich mit der Hand über die dichten Bartstoppeln. »Ich sehe aus wie ein Vagabund.« So war es auch. Obwohl er geschwommen war, hatte er Flecken von Blut und Erbrochenem auf den Kleidern, und er wusste, dass sein Gesicht blau und aufgequollen war.
»Maman hat schon viel Schlimmeres gesehen als Euch«, versicherte ihm das kleine Mädchen. »Kommt mit!«
Er dankte ihr lächelnd und ließ sich von den Kindern den Hügel hinunterführen. Weil sich seine Beine noch nicht an das Festland gewöhnt hatten, schwankte er ein wenig. Er fand es merkwürdig, aber auch irgendwie tröstlich, dass die Kinder keine Angst vor ihm hatten, obwohl er zweifellos furchtbar aussehen musste.
War es das, was die Frau mit den Ziegen gemeint hatte? Dass Claire zu dieser Insel geschwommen war? Er spürte Hoffnung in sich aufsteigen, die sein Herz so erfrischte wie das Wasser seine ausgetrocknete Kehle. Claire war hartnäckig und zuversichtlich, und sie hatte viel mehr Mut, als für eine Frau gut war, aber sie war auf keinen Fall so töricht, zufällig von einem Kriegsschiff zu fallen.
Und die Bruja – und Ian – waren in der Nähe! Er würde sie also beide finden. Die Tatsache, dass er barfuß war, keinen Penny besaß und sich auf der Flucht vor der Königlichen Marine befand, schien unwichtig zu sein. Er besaß seinen Verstand und seine Hände, und mit festem Boden unter den Füßen schien ihm alles möglich zu sein.
Kapitel 52
Eine Hochzeit findet statt
Uns blieb nichts anderes übrig, als die Artemis so schnell wie möglich zu reparieren und nach Jamaica zu segeln. Ich gab mir alle Mühe, meine Angst um Jamie zu verdrängen, doch während der nächsten beiden Tage aß ich kaum, denn die große Eiskugel, die sich in meinem Magen niedergelassen hatte, verschlug mir den Appetit.
Zur Ablenkung nahm ich Marsali mit zu dem Haus auf dem Hügel, wo es ihr gelang, Vater Fogden zu bezaubern, indem sie sich ein schottisches Rezept für eine Schafsalbe ins Gedächtnis rief – und sie für ihn mischte –, die garantiert gegen Zecken half.
Stern beteiligte sich hilfsbereit an den Reparaturarbeiten. Er gab die Tasche mit seinen Sammelgefäßen in meine Obhut und gab mir den Auftrag, die Augen nach interessanten Arachnidae offen zu halten, während ich im Dschungel nach Arzneipflanzen suchte. Ich dachte zwar insgeheim, dass ich den größeren Arachniden lieber mit einem anständigen Schuh begegnen würde als mit bloßen Händen, doch ich erklärte mich einverstanden und inspizierte die mit Wasser gefüllten Blütenbecher der Ananasgewächse auf der Suche nach den leuchtend bunten Fröschen und Spinnen, die diese Zwergwelten bewohnten.
Am Nachmittag des dritten Tages kehrte ich mit mehreren Lilienwurzeln, einem orangen Baumschwamm, einem ungewöhnlichen Moos und einer lebenden Tarantel – die ich in der Mütze eines Matrosen vorsichtig auf Armeslänge vor mir hertrug und die so groß und haarig war, dass sich Lawrence vor Entzücken kaum halten konnte – von einer dieser Expeditionen zurück.
Als ich aus dem Dschungel trat, sah ich, dass die Arbeiten ein neues Stadium erreicht hatten; die Artemis lag nicht mehr auf der Seite, sondern sie wurde mit Hilfe von Seilen und Keilen unter großem Trara langsam im Sand aufgerichtet.