»Dann seid ihr also fast fertig?«, fragte ich Fergus, der neben dem Bug stand und das Seine zu dem allgemeinen Geschrei beitrug, indem er die Besatzung bei der Positionierung der Keile anwies. Er drehte sich grinsend zu mir um und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Ja, Milady! Sie ist fertig abgedichtet. Mr. Warren ist der Meinung, dass wir das Schiff gegen Abend zu Wasser lassen können, wenn es kühler wird und der Teer ausgehärtet ist.«
»Das ist ja wunderbar!« Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte an dem nackten Mast empor, der hoch über mir aufragte. »Haben wir denn Segel?«
»Oh ja«, versicherte er mir. »Eigentlich haben wir alles außer …«
MacLeod unterbrach ihn mit einem Alarmruf. Ich fuhr herum und richtete den Blick auf die Straße, die in einiger Entfernung zwischen den Palmen hervorkam. Dort spiegelte sich die Sonne auf Metall.
»Soldaten!« Fergus reagierte schneller als alle anderen. Er sprang vom Gerüst und landete in einer Sandwolke neben mir. »Rasch, Milady! In den Wald. Marsali!«, rief er und blickte sich wild nach dem Mädchen um.
Er leckte sich den Schweiß von der Oberlippe und ließ den Blick vom Rand des Dschungels zu den herannahenden Soldaten huschen. »Marsali!«, rief er erneut.
Marsali kam bleich und erschrocken um die Bordwand gebogen. Fergus packte sie am Arm und schob sie auf mich zu. »Geh mit Milady! Lauft!«
Ich griff nach Marsalis Hand und rannte mit ihr so schnell zum Wald, dass der Sand nur so unter unseren Füßen aufflog. Hinter uns auf der Straße erschollen Rufe, und ein Schuss knallte, gefolgt von einem zweiten.
Zehn Schritte noch, fünf, dann waren wir im Schatten der Bäume. Ich sank im Schutz eines Dornenbuschs zusammen und keuchte gegen meine Seitenstiche an. Marsali kniete sich tränenüberströmt neben mich.
»Was«, keuchte sie und rang nach Atem. »Wer sind sie? Was … werden … sie … mit … Fergus … machen? Was?«
»Ich weiß es nicht.« Immer noch schwer atmend, packte ich eine junge Zeder und zog mich auf die Knie hoch. Ich blinzelte auf allen vieren durch das Unterholz und konnte sehen, dass die Soldaten das Schiff jetzt erreicht hatten.
Es war kühl und feucht unter den Bäumen, doch mein Mund war trocken wie Watte. Ich biss mir auf die Innenseite der Wange, um den Speichelfluss ein wenig anzuregen.
»Ich glaube nicht, dass etwas passiert.« Ich tätschelte Marsali die Schulter und versuchte, sie zu beruhigen. »Sieh doch, es sind nur zehn«, flüsterte ich und zählte mit, während der letzte Soldat aus dem Palmenhain getrabt kam. »Es sind Franzosen; die Artemis hat französische Papiere. Vielleicht wird ja alles gut.«
Vielleicht aber auch nicht. Mir war sehr wohl bewusst, dass ein gestrandetes, verlassenes Schiff rechtmäßiges Eigentum des Finders war. Es war ein einsamer Strand. Und alles, was zwischen diesen Soldaten und reicher Beute stand, war das Leben der Besatzung der Artemis.
Einige der Seemänner hatten Pistolen dabei; die meisten hatten Messer. Aber die Soldaten waren bis an die Zähne bewaffnet; jeder Mann hatte eine Muskete, ein Schwert und Pistolen. Falls es zu einem Kampf kam, würde er zwar blutig werden, doch die berittenen Soldaten waren klar im Vorteil.
Die Männer am Schiff drängten sich schweigend dicht hinter Fergus zusammen. Er stand aufrecht und grimmig als ihr Sprecher da. Ich sah, wie er sich das dichte Haar mit dem Haken zurückstrich und breitbeinig im Sand Aufstellung nahm, auf alles gefasst. Das Knarzen und Klirren des Sattelzeugs klang in der feuchten, heißen Luft gedämpft, und die Pferde bewegten sich langsam voran, weil ihre Hufe im Sand stecken blieben.
Die Soldaten kamen drei Meter vor dem kleinen Trupp der Matrosen zum Halten. Ein hochgewachsener Mann, der das Kommando zu haben schien, hob die Hand als Signal zum Anhalten und schwang sich vom Pferd.
Mein Blick war auf Fergus gerichtet, nicht auf die Soldaten. Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte und dann erstarrte, leichenblass unter der Sonnenbräune. Ich warf einen raschen Blick auf den Soldaten, der jetzt durch den Sand auf ihn zukam, und auch mir gefror das Blut in den Adern.
»Silence, mes amis«, sagte der hochgewachsene Mann in freundlichem Kommandoton. »Silence, et restez, s’il vous plaît.« Schweigt, meine Freunde, und bitte bewegt Euch nicht.
Ich wäre umgefallen, wenn ich nicht ohnehin schon auf Knien gewesen wäre, und schloss die Augen zu einem wortlosen Dankgebet.
Marsali keuchte neben mir auf. Ich öffnete die Augen und schlug ihr die Hand vor den offenen Mund.
Der Kommandeur setzte seinen Hut ab und schüttelte eine dichte Masse schweißgetränkter rostbrauner Haare aus. Er grinste Fergus an, und seine Zähne leuchteten weiß und wölfisch in einem kurzen, gelockten roten Bart auf.
»Ihr seid hier der Anführer?«, sagte Jamie auf Französisch. »Ihr, kommt mit mir. Der Rest«, er wies kopfnickend auf die Besatzung, »Ihr bleibt, wo Ihr seid. Schweigt«, fügte er beiläufig hinzu.
Marsali riss an meinem Arm, und ich begriff, wie fest ich sie gepackt hielt.
»Entschuldige«, flüsterte ich und ließ sie los, ohne den Blick vom Strand abzuwenden.
»Was hat er vor?«, zischte Marsali in mein Ohr. Ihr Gesicht war blass vor Aufregung, und ihre kleinen Sommersprossen malten sich deutlich auf ihrer Nase ab. »Wie ist er hierhergekommen?«
»Ich weiß es nicht! Sei still, um Himmels willen!«
Die Männer der Artemis wechselten vielsagende Blicke, zogen die Augenbrauen hoch und stießen sich gegenseitig in die Rippen, doch glücklicherweise gehorchten sie auch und redeten nicht. Ich hoffte sehr, dass man ihre unübersehbare Erregung höchstens als Bestürzung über das ihnen drohende Schicksal interpretieren würde.
Jamie und Fergus waren zum Wasser gegangen und berieten sich leise. Jetzt trennten sie sich, und Fergus kehrte mit einer Miene grimmiger Entschlossenheit zum Schiff zurück, während Jamie den Soldaten zurief, sie sollten absteigen und sich um ihn sammeln.
Ich konnte nicht hören, was Jamie zu den Soldaten sagte, doch Fergus stand so dicht bei uns, dass wir ihn hören konnten.
»Dies sind Soldaten aus der Garnison in Cap-Haïtien«, verkündete er der Besatzung. »Ihr Kommandeur – Hauptmann Alessandro«, sagte er und betonte den Namen mit hochgezogenen Augenbrauen und einer Grimasse, »sagt, sie werden uns helfen, die Artemis zu Wasser zu lassen.« Diese Ankündigung wurde von einigen Männern mit leisen Beifallsrufen, von anderen mit verwirrten Blicken begrüßt.
»Aber wie hat Mr. Fraser –«, begann Royce, ein sehr begriffsstutziger Seemann, der die dichten Augenbrauen verwundert zusammengezogen hatte. Fergus ließ keine weiteren Fragen zu, sondern schob sich zwischen die Männer, legte Royce einen Arm um die Schultern und zog ihn auf das Gerüst zu. Dabei redete er laut weiter, um jede unpassende Bemerkung zu übertönen.
»Ja, ist das nicht ein überaus glücklicher Zufall?«, sagte er laut. Ich konnte sehen, dass er Royce mit der gesunden Hand das Ohr verdrehte. »Wirklich sehr glücklich. Hauptmann Alessandro sagt, ein Habitant hat das gestrandete Schiff auf dem Heimweg von seiner Plantage gesehen und es in der Garnison gemeldet. Mit so viel Hilfe werden wir die Artemis in Windeseile wieder im Wasser haben.« Er ließ Royce los und schlug ihm die Hand fest gegen den Oberschenkel.
»Kommt, kommt, gehen wir sofort ans Werk! Manzetti – hinauf mit Euch! MacLeod, MacGregor, nehmt Eure Hämmer! Maitland …« Er erspähte Maitland, der am Strand stand und Jamie angaffte. Fergus fuhr herum und schlug dem Kajütenjungen so fest auf den Rücken, dass er stolperte.
»Maitland, mon enfant! Singt uns etwas vor, damit uns die Arbeit schneller von der Hand geht!« Mit benommener Miene begann Maitland zögerlich, »The Nut-Browen Maid« zu singen. Einige der Seemänner, die bereits wieder auf das Gerüst kletterten, sahen sich argwöhnisch um.