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»Singt!«, bellte Fergus und funkelte zu ihnen hinauf. Murphy, der irgendetwas extrem komisch zu finden schien, wischte sich über das verschwitzte, rote Gesicht, stimmte gehorsam ein und verstärkte Maitlands klaren Tenor mit seinem keuchenden Bass.

Fergus stapfte neben dem Schiff auf und ab und mahnte, dirigierte, drängte – und veranstaltete einen solchen Spektakel, dass nur wenige verräterische Blicke in Jamies Richtung schweiften. Das unsichere Klopfen der Hämmer setzte wieder ein.

Unterdessen gab Jamie seinen Soldaten sorgfältige Anweisungen. Ich sah mehr als einen der Franzosen in Richtung der Artemis blicken, während er redete, und ihre schlecht verhohlene Gier ließ darauf schließen, dass der selbstlose Wunsch, ihren Mitmenschen zu helfen, vielleicht nicht der wichtigste Beweggrund der Soldaten war, ganz gleich, was Fergus verkündet hatte.

Dennoch machten sich die Soldaten bereitwillig ans Werk, nachdem sie ihre Lederwesten ausgezogen und den Großteil ihrer Waffen beiseitegelegt hatten. Mir fiel auf, dass drei der Soldaten nicht mithalfen, sondern vollständig bewaffnet Wache standen und jede Bewegung der Seemänner mit scharfem Blick registrierten. Nur Jamie gab sich unnahbar und beobachtete die Szene.

»Sollten wir hinausgehen?«, murmelte Marsali in mein Ohr. »Es scheint doch jetzt nicht mehr gefährlich zu sein.«

»Nein«, sagte ich. Mein Blick war fest auf Jamie geheftet. Er stand entspannt, aber aufrecht im Schatten einer hohen Palme. Hinter dem ungewohnten Bart war seine Miene unergründlich, doch mir entging die schwache Bewegung an seiner Seite nicht, als die beiden steifen Finger einmal gegen seinen Oberschenkel zuckten.

»Nein«, wiederholte ich. »Es ist noch nicht vorbei.«

Sie arbeiteten den ganzen Nachmittag hindurch. Hölzerne Rollen wurden aufeinandergestapelt, und die abgesägten Enden erfüllten die Luft mit dem herben Duft frischen Harzes. Fergus war inzwischen heiser, und das Hemd klebte feucht an seinem schlanken Oberkörper. Die Pferde wanderten langsam am Waldrand entlang und grasten. Die Seemänner hatten den Gesang eingestellt und waren konzentriert bei der Arbeit. Nur hin und wieder warfen sie einen Blick zu den Palmen hinüber, wo Hauptmann Alessandro mit verschränkten Armen im Schatten stand.

Der Wachtposten in der Nähe der Bäume schritt langsam mit geschulterter Muskete auf und ab, den Blick sehnsüchtig auf den kühlen grünen Schatten gerichtet. Auf einer seiner Runden kam er so dicht an uns vorbei, dass ich die dunklen, fettigen Löckchen sehen konnte, die ihm am Hals hinunterhingen, und die Pockennarben auf seinen runden Wangen. Sein Lederzeug ächzte und klirrte beim Gehen. An einem seiner Sporen fehlte das Rad. Es sah aus, als wäre ihm heiß und als hätte er ziemlich schlechte Laune.

Das Warten nahm kein Ende, und durch den Vorwitz der Mücken im Wald wurde es nicht kürzer. Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich jedoch, wie Jamie einer der Wachen zunickte und auf den Wald zukam. Ich signalisierte Marsali, dass sie warten sollte, duckte mich unter dem Geäst hindurch, ohne das dichte Unterholz zu beachten, und lief wie wild auf die Stelle zu, an der er verschwunden war.

Atemlos tauchte ich just in dem Moment hinter einem Busch auf, als er seinen Hosenlatz verschnürte. Bei dem Geräusch fuhr sein Kopf hoch, und er riss die Augen auf und stieß einen Schrei aus, der das Schaf Arabella von den Toten auferweckt hätte, von dem wartenden Wachtposten ganz zu schweigen.

Ich versteckte mich hastig wieder, weil sich trampelnde Stiefel und fragende Rufe auf uns zubewegten.

»C’est bien!«, rief Jamie. Er klang ein wenig erschüttert. »Ce n’est qu’un serpent!«

Der Wachtposten sprach einen merkwürdigen französischen Dialekt, doch er schien ziemlich nervös nachzufragen, ob die Schlange gefährlich war.

»Non, c’est innocent«, antwortete Jamie. Er winkte dem Wachtposten zu, dessen fragende Miene ich erkennen konnte, weil er widerstrebend über den Busch hinweglugte. Dann verschwand der Mann, der nichts für noch so unschuldige Schlangen übrigzuhaben schien, um wieder seiner Pflicht nachzugehen.

Ohne zu zögern, stürzte sich Jamie in das Gebüsch.

»Claire!« Er drückte mich fest an seine Brust. Dann packte er mich bei den Schultern und schüttelte mich heftig.

»Verdammt!«, flüsterte er durchdringend. »Ich dachte wirklich, du wärst tot! Wie kannst du es wagen, so eine Dummheit zu begehen und mitten in der Nacht von einem Schiff zu springen? Hast du denn gar keinen Verstand?«

»Lass los!«, zischte ich. Er hatte mich so geschüttelt, dass ich mir auf die Lippe gebissen hatte. »Loslassen, sagte ich! Was soll das heißen, wie kann ich es wagen, eine Dummheit zu begehen? Du Idiot, was ist nur in dich gefahren, mir zu folgen?«

Sein Gesicht war von der Sonne verdunkelt; jetzt begann eine tiefe Röte, die vom Rand seines Bartes aufwärtsstieg, es noch weiter zu verdunkeln.

»Was in mich gefahren ist?«, wiederholte er. »Du bist meine Frau, zum Kuckuck! Natürlich bin ich dir gefolgt; warum hast du nicht auf mich gewartet? Himmel, wenn ich Zeit hätte, würde ich …« Das erinnerte ihn offenbar daran, dass wir nicht viel Zeit hatten, und er verkniff sich mit sichtlicher Mühe jede weitere Anmerkung, was auch gut so war, denn ich hatte diesbezüglich selbst ein paar Dinge zu ihm zu sagen, die ich mühsam hinunterschluckte.

»Was zum Teufel machst du eigentlich hier?«, fragte ich stattdessen.

Die tiefe Röte ließ ein wenig nach und wich dem winzigen Hauch eines Lächelns in der ungewohnten Behaarung.

»Ich bin ihr Anführer«, sagte er. »Ist dir das nicht aufgefallen?«

»Doch, es ist mir aufgefallen! Hauptmann Alessandro, du liebe Güte. Was hast du denn jetzt vor?«

Statt zu antworten, schüttelte er mich noch einmal sacht und richtete den Blick auf mich und Marsali, die jetzt neugierig aus ihrem Versteck hervorlugte.

»Bleibt hier, alle beide, und bewegt euch keinen Schritt, sonst schwöre ich, dass ich euch besinnungslos prügele.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er herum und schritt zwischen den Bäumen hindurch zurück zum Strand.

Marsali und ich wechselten einen Blick, wurden aber in der nächsten Sekunde unterbrochen, als Jamie atemlos noch einmal auf die kleine Lichtung gestürzt kam. Er packte mich an beiden Armen und küsste mich kurz, aber gründlich.

»Das habe ich ganz vergessen. Ich liebe dich«, sagte er und schüttelte mich noch einmal, um seine Worte zu unterstreichen. »Und ich bin froh, dass du nicht tot bist. Mach das nicht noch einmal!« Er ließ los, rauschte zurück in das Unterholz und verschwand.

Ich fühlte mich ebenfalls atemlos und mehr als ein wenig erschüttert, aber unleugbar glücklich.

Marsalis Augen waren so groß wie Untertassen.

»Was sollen wir tun?«, fragte sie. »Was hat Pa vor?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. Meine Wangen waren errötet, und ich konnte seinen Mund noch auf dem meinen spüren und das ungewohnte Kribbeln, das die Berührung seines Bartes und Schnurrbarts zurückgelassen hatte. Meine Zunge berührte die kleine brennende Stelle, wo ich mir auf die Lippe gebissen hatte. »Ich weiß nicht, was er vorhat«, wiederholte ich. »Ich vermute, wir müssen abwarten und Tee trinken.«

Wir mussten lange warten. Ich saß dösend an den Stamm eines riesigen Baumes gelehnt, als mich Marsalis Hand auf meiner Schulter kurz vor Sonnenuntergang weckte.

»Sie lassen das Schiff zu Wasser!«, flüsterte sie aufgeregt.

So war es, unter den Blicken der Wachtposten bemannten die übrigen Soldaten und die Männer der Artemis die Seile und Rollen, die das Schiff über den Strand zum Wasser der Bucht bewegen würden. Selbst Fergus, Innes und Murphy packten trotz ihrer fehlenden Gliedmaßen mit an.

Die Sonne ging jetzt unter; sie hing als riesige, orange-goldene Scheibe blendend über dem Meer, das die Farbe von Purpurschnecken angenommen hatte. Die Männer waren nicht mehr als schwarze Umrisse im Gegenlicht, anonym wie die Sklaven auf einer ägyptischen Wandmalerei, durch Seile an ihre gewaltige Last gefesselt.