Auf das monotone »Hievt hoch!« des Bootsmanns folgte leiser Jubel, als das Schiff die letzten paar Meter zum Wasser glitt, durch Taue von der Jolle und dem Beiboot der Artemis vom Ufer fortgezogen.
Ich sah rotes Haar aufschimmern, als Jamie an der Seite hinaufkletterte und sich an Bord schwang, dann blitzte Metall, und einer der Soldaten folgte ihm. Sie standen gemeinsam Wache, rotes und schwarzes Haar nicht mehr als kleine Punkte am Kopf der Strickleiter, und die Männer der Artemis stiegen in die Jolle, ruderten hinaus und kletterten abwechselnd mit den restlichen französischen Soldaten die Leiter hinauf.
Der letzte Mann verschwand am oberen Ende der Leiter. Die Männer in den Booten saßen auf ihren Rudern und blickten angespannt nach oben. Nichts geschah.
Ich hörte Marsali neben mir laut ausatmen und begriff, dass auch ich schon viel zu lange die Luft anhielt.
»Was machen sie nur?«, fragte sie ungeduldig.
Wie als Antwort scholl ein lauter, wütender Schrei von der Artemis herüber. Die Männer in den Booten fuhren auf und hielten sich bereit, an Bord zu springen. Doch es kam kein anderes Zeichen. Die Artemis schwamm friedlich auf dem steigenden Wasser der Bucht, perfekt wie ein Ölgemälde.
»Ich habe genug«, sagte ich plötzlich zu Marsali. »Was auch immer diese verflixten Männer tun, ist vorbei. Komm mit.«
Noch einmal atmete ich die kühle Abendluft tief ein, dann schritt ich aus dem Wald, gefolgt von Marsali. Während wir den Strand überquerten, sprang eine schlanke, schwarze Gestalt über die Bordwand und kam im Galopp durch das flache Wasser gelaufen, so dass bei jedem seiner Schritte eine glänzende Fontäne aus grün-rotem Meerwasser aufspritzte.
»Mo chridhe chérie!« Fergus kam triefend auf uns zugerannt und strahlte über das ganze Gesicht. Er packte Marsali, hob sie überschwenglich hoch und wirbelte sie um sich herum.
»Geschafft!«, jubelte er. »Ohne einen einzigen Schuss! Sie liegen verschnürt wie die Gänse dicht an dicht wie Heringe im Frachtraum!« Er küsste Marsali von Herzen, dann stellte er sie auf den Sand, wandte sich mir zu, zog ausladend seinen eingebildeten Hut und verneigte sich formell.
»Milady, der Kapitän der Artemis wünscht, dass Ihr ihn beim Dinner mit Eurer Gegenwart beehrt.«
Der neue Kapitän der Artemis stand mit geschlossenen Augen splitternackt in der Mitte seiner Kajüte und kratzte sich selig an den Hoden.
»Äh«, sagte ich, mit diesem Anblick konfrontiert. Seine Augen öffneten sich abrupt, und sein Gesicht erhellte sich vor Freude. Im nächsten Moment fand ich mich in seiner Umarmung wieder, das Gesicht an die rot-goldenen Locken auf seiner Brust gedrückt.
Eine ganze Weile sagten wir nichts. Im Hintergrund hörte ich Schritte über uns an Bord, die Rufe der Besatzung, in denen die Freude über den bevorstehenden Aufbruch widerhallte, und das Ächzen und Klatschen der Segel, die jetzt aufgezogen wurden. Rings um uns erwachte die Artemis wieder zum Leben.
Mein Gesicht war warm und kribbelte von seinem kratzenden Bart. Plötzlich fühlte ich mich fremd und schüchtern in seinen Armen; er vollständig nackt, ich unter den Überresten von Vater Fogdens zerschlissener Robe nicht minder.
Der Körper, der sich mit wachsendem Drängen an den meinen presste, war derselbe, doch das Gesicht war das eines Fremden, eines marodierenden Wikingers. Abgesehen davon, dass der Bart sein Gesicht veränderte, roch er auch ungewohnt, und sein Schweiß ging unter in ranzigem Öl, verschüttetem Bier und dem Gestank von billigem Parfum und Gewürzen.
Ich ließ los und trat einen Schritt zurück.
»Solltest du dich nicht anziehen?«, fragte ich. »Nicht, dass ich die Aussicht nicht genieße«, sagte ich und wurde unwillkürlich rot. »Ich … äh … ich glaube, der Bart gefällt mir. Vielleicht«, fügte ich kritisch hinzu und nahm ihn genauer unter die Lupe.
»Mir nicht«, sagte er unverblümt und kratzte sich am Kinn. »Ich bin völlig verlaust, und er juckt fürchterlich.«
»Igitt!« Ich war zwar mit Pediculus humanus, der gemeinen Laus, bestens vertraut, doch die Bekanntschaft hatte sie mir nicht sympathischer gemacht. Nervös fuhr auch ich mir mit der Hand durch das Haar und bildete mir ein, bereits zu spüren, wie winzige Füßchen über meine Kopfhaut krabbelten und zwischen meinen Locken Sextette tanzten.
Er grinste mich an, und seine weißen Zähne leuchteten verblüffend in dem rotbraunen Bart auf.
»Mach dir keine Sorgen, Sassenach«, beruhigte er mich. »Ich habe schon nach einem Rasiermesser und heißem Wasser gerufen.«
»Wirklich? Eigentlich schade, ihn sofort abzurasieren.« Trotz der Läuse beugte ich mich vor, um mir seinen Haarschmuck genauer zu betrachten. »Er ist wie dein Haar und hat viele verschiedene Farben. Wirklich sehr hübsch.«
Ich berührte ihn argwöhnisch. Die Haare waren seltsam; dick, drahtig und stark gelockt im Gegensatz zu dem dichten, glatten Haar auf seinem Kopf. Überschwenglich und farbenfroh entsprangen sie aus seiner Haut; Kupfer, Gold, Bernstein, Zimt, Rostbraun, so tief, dass es beinahe schwarz war. Doch das Verblüffendste war eine breite Silbersträhne, die sich von seiner Unterlippe zu seinem Kinn zog.
»Komisch«, sagte ich und folgte ihr mit dem Finger. »Auf dem Kopf hast du doch gar keine weißen Haare, hier aber schon.«
»Ach ja?« Mit erstaunter Miene hob er sich die Hand an das Kinn, und ich begriff plötzlich, dass er vermutlich gar keine Ahnung hatte, wie er aussah. Dann lächelte er ironisch und bückte sich, um die abgelegten Kleider vom Boden aufzuheben.
»Aye, nun ja, kein Wunder; ich staune höchstens, dass ich nach allem, was ich diesen Monat durchgemacht habe, nicht vollständig weiß geworden bin.« Er hielt inne und betrachtete mich über die am Boden liegende Kniehose hinweg.
»Und was das betrifft, Sassenach, wie ich schon im Wald zu dir gesagt habe …«
»Ja, was das betrifft«, unterbrach ich ihn. »Was in Gottes Namen hast du getan?«
»Oh, du meinst die Soldaten?« Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Nun, das war ganz einfach. Ich habe den Männern gesagt, sobald das Schiff wieder im Wasser wäre, würden wir alle Mann an Deck versammeln, und auf mein Zeichen sollten sie sich auf die Besatzung stürzen und sie in den Frachtraum sperren.« Ein breites Grinsen erblühte im Gestrüpp. »Nur, dass Fergus den Männern davon erzählt hat; jedes Mal, wenn also ein Soldat an Bord kam, haben ihn zwei Männer der Besatzung an den Armen gepackt, während ihn ein dritter geknebelt, gefesselt und entwaffnet hat. Dann haben wir sie in den Frachtraum gesperrt. Das ist alles.« Ebenso bescheiden wie beiläufig zuckte er mit den Schultern.
»Aha«, sagte ich und atmete aus. »Und was die Tatsache betrifft, wie du überhaupt hierhergekommen bist …«
An diesem Punkt wurden wir durch ein diskretes Klopfen an der Kajütentür unterbrochen.
»Mr. Fraser? Äh … Kapitän, meine ich?« Maitlands kantiges Jungengesicht blinzelte vorsichtig über einer dampfenden Wasserschüssel hinweg am Türpfosten vorbei. »Mr. Murphy hat das Kombüsenfeuer in Betrieb genommen; hier ist Euer heißes Wasser, mit seinen besten Grüßen.«
»Mr. Fraser reicht«, versicherte ihm Jamie und nahm das Tablett mit der Schüssel und dem Rasiermesser in eine Hand. »Ich kann mir kaum einen weniger seetüchtigen Kapitän vorstellen.« Er hielt inne und lauschte dem Trappeln der Füße über unseren Köpfen.
»Obwohl, da ich der Kapitän bin«, sagte er bedächtig, »bedeutet das wohl, dass ich sage, wann wir losfahren und wann wir anhalten?«
»Ja, Sir, das ist eine der Aufgaben des Kapitäns«, sagte Maitland, um dann hilfsbereit hinzuzufügen: »Außerdem sagt der Kapitän, wann die Männer Sonderrationen an Essen und Grog bekommen.«