»Natürlich«, sagte ich und lächelte sie an. »Komm mit, dann machen wir dich hübsch für deine Hochzeit.« Ich betrachtete sie abschätzend von ihrem runden, leuchtenden Gesicht bis zu den schmutzigen, nackten Füßen. Der zerknitterte Musselin ihres vom Salzwasser eingelaufenen Kleides spannte sich eng über ihren Busen, so klein dieser auch war, und der schmutzige Saum schwebte mehrere Zentimeter über ihren sandigen Knöcheln.
Mir kam ein Gedanke, und ich wandte mich an Jamie. »Sie sollte ein hübsches Kleid für ihre Hochzeit haben«, sagte ich.
»Sassenach«, sagte er, und seine Geduld schwand jetzt hörbar dahin, »wir haben aber kein …«
»Wir nicht, aber der Priester«, unterbrach ich ihn. »Sag Lawrence, er soll Vater Fogden fragen, ob wir eines seiner Kleider ausborgen dürfen; ich meine, eines von Ermenegildas Kleidern. Ich glaube, sie könnten in etwa die richtige Größe haben.«
Jamies Gesicht verlor vor Überraschung jeden Ausdruck.
»Ermenegilda?«, sagte er. »Arabella? Kleider?« Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Was für ein Priester ist dieser Mann, Sassenach?«
Ich blieb in der Tür stehen; Marsali wartete schon ungeduldig im Gang.
»Nun«, sagte ich, »er trinkt gern. Und er hat eine Vorliebe für Schafe. Aber an den Wortlaut der Ehezeremonie könnte er sich vielleicht erinnern.«
Es war eine der ungewöhnlichsten Hochzeiten, die ich je erlebt hatte. Bis alle Vorbereitungen getroffen waren, war die Sonne längst im Meer versunken. Zur großen Verstimmung des Steuermanns Mr. Warren hatte Jamie verkündet, dass wir erst am nächsten Tag aufbrechen würden, um den frisch Verheirateten eine Nacht unter vier Augen an Land zu gewähren.
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich gern eine Ehe in einem dieser gottverdammten Pestlöcher vollziehen würde, die sich Kojen schimpfen«, sagte er unter vier Augen zu mir. »Und wenn sie sich erst darin verknoten, bekommen wir sie nie wieder heraus. Und die Vorstellung, jemanden in einer Hängematte zu entjungfern …«
»Äh«, sagte ich. Ich schüttete ihm noch einen Schluck Essig über den Kopf und lächelte vor mich hin. »Sehr rücksichtsvoll von dir.«
Jetzt stand Jamie neben mir am Strand. Er roch zwar kräftig nach Essig, war aber adrett und würdevoll mit einem blauen Rock, sauberer Wäsche und einer grauen Serge-Kniehose bekleidet, und sein Haar war ordentlich geflochten. Der wilde rote Bart passte nicht ganz zu seiner ansonsten nüchternen Aufmachung, doch er war ordentlich zurechtgestutzt und ebenfalls mit Essig durchkämmt, und obwohl Jamie auf Strümpfen war, machte er eine gute Figur als Brautvater.
Murphy und Maitland, die beiden Trauzeugen, sahen etwas weniger einnehmend aus, obwohl sich Murphy die Hände gewaschen hatte und Maitland das Gesicht. Fergus hätte lieber Lawrence Stern als Trauzeugen gehabt, und Marsali hatte mich gebeten, doch wir redeten ihnen beides aus, weil Stern kein Christ war, geschweige denn katholisch, und ich kam zwar kraft meiner Religion in Frage, doch das würde Laoghaire kaum interessieren, wenn sie es herausfand.
»Ich habe Marsali gesagt, sie muss ihrer Mutter schreiben, dass sie geheiratet hat«, murmelte mir Jamie zu, während wir die Vorbereitungen am Strand beobachteten. »Aber vielleicht lege ich ihr nahe, sonst lieber nicht viel darüber zu sagen.«
Ich verstand, was er meinte; Laoghaire würde ohnehin nicht begeistert sein, wenn sie hörte, dass ihre älteste Tochter mit einem einhändigen Ex-Taschendieb durchgebrannt war, der doppelt so alt war wie sie. Es würde ihre mütterlichen Gefühle auch nicht beschwichtigen, wenn sie hörte, dass die Ehe mitten in der Nacht an einem Strand auf den Westindischen Inseln geschlossen worden war, und zwar durch einen in Ungnade gefallenen – wenn nicht sogar seines Amtes enthobenen – Priester, unter den Augen von fünfundzwanzig Seemännern, zehn französischen Pferden, einer kleinen Herde von Schafen – die alle zu Ehren des festlichen Anlasses bunte Schleifen trugen – und eines King Charles Spaniels, der zur allgemeinen Heiterkeit beitrug, indem er bei jeder Gelegenheit versuchte, mit Murphys Holzbein zu kopulieren. Das Einzige, was es für Laoghaire noch schlimmer machen konnte, war zu erfahren, dass ich an der Zeremonie teilgenommen hatte.
Mehrere Fackeln brannten auf Pflöcken, die in den Sand gerammt waren, und die Flammen flackerten wie rote und orange Bänder seewärts, leuchtend hell in der samtschwarzen Nacht. Die gleißenden Sterne der Karibik schienen über uns wie die Lichter des Himmels. Es war zwar keine Kirche, doch selten hatte eine Braut in einer schöneren Umgebung geheiratet.
Ich wusste nicht, welche Überzeugung es Lawrence gekostet hatte, doch Vater Fogden war da, gebrechlich und substanzlos wie ein Geist, und die blauen Funken seiner Augen waren das einzige echte Lebenszeichen. Seine Haut war so grau wie seine Robe, und seine Hände zitterten auf dem abgenutzten Leder seines Gebetbuchs.
Jamie sah ihn scharf an und schien etwas sagen zu wollen, doch dann murmelte er nur etwas auf Gälisch vor sich hin und presste die Lippen fest aufeinander. Vater Fogden war von würzigem Sangriaduft eingehüllt, doch er hatte den Strand immerhin ohne fremde Hilfe erreicht. Schwankend stand er zwischen zwei Fackeln und versuchte mühsam, die Seiten seines Gebetbuchs umzublättern, die ihm der leichte Abendwind flatternd aus den Fingern riss.
Schließlich gab er auf und ließ das Buch mit einem leisen Klatschen in den Sand fallen.
»Ähm«, sagte er und rülpste. Er sah sich um und betrachtete uns mit einem kleinen, seligen Lächeln. »Liebe Gemeinde.«
Es dauerte einige Momente, bis die tuschelnden Zuschauer begriffen, dass die Zeremonie begonnen hatte, und sie anfingen, einander anzustoßen und zur Ordnung zu rufen.
»Nimmst du diese Frau«, wollte Vater Fogden wissen und baute sich plötzlich vehement vor Murphy auf.
»Nein!«, sagte der Koch erschrocken. »Ich halte nichts von Frauen. Sie bringen nur alles durcheinander.«
»Nicht?« Vater Fogden schloss ein Auge, während das andere anklagend leuchtete. Er richtete den Blick auf Maitland.
»Nehmt Ihr diese Frau?«
»Ich nicht, Sir, nein. Nicht, dass es nicht schön wäre«, fügte er hastig hinzu. »Er, bitte.« Maitland zeigte auf Fergus, der neben dem Kajütenjungen stand und den Priester finster ansah.
»Er? Seid Ihr sicher? Ihm fehlt eine Hand«, sagte Vater Fogden skeptisch. »Wird das die Braut nicht stören?«
»Nein!« Marsali stand neben Fergus, wie eine Königin in einem von Ermenegildas Kleidern, blaue Seide mit Puffärmeln und goldener Stickerei entlang des tiefen, quadratischen Ausschnitts. Sie sah wunderhübsch aus; ihr Haar lag ihr sauber und hell wie frisches Stroh, glänzend gebürstet und lose auf den Schultern, wie es sich für eine Jungfrau geziemte. Außerdem sah sie wütend aus.
»Weiter!« Sie stampfte mit dem Fuß auf, was zwar im Sand kein Geräusch machte, den Priester aber aufzuschrecken schien.
»Oh, ja«, sagte er nervös und trat einen Schritt zurück. »Nun, dann ist es wohl doch kein Hym–, Him–, Hindernis. Nicht so, als hätte er seinen Schwanz verloren. Den hat er doch noch, oder?«, erkundigte sich der Priester nervös, als ihm der Gedanke kam. »In diesem Fall könnte ich Euch nicht verheiraten. Es ist nicht erlaubt.«
Marsalis Gesicht war im Fackelschein ohnehin rot. Die Miene, die es in diesem Moment trug, erinnerte mich sehr an den Blick ihrer Mutter, als sie mich in Lallybroch angetroffen hatte. Fergus’ Schultern bebten sichtlich, doch ich konnte nicht sagen, ob vor Wut oder vor Lachen.
Jamie unterdrückte den drohenden Aufruhr, indem er entschlossen in die Mitte der Hochzeitsgesellschaft trat und Fergus und Marsali seine Hände auf die Schultern legte.
»Dieser Mann«, sagte er und wies kopfnickend auf Fergus, »und diese Frau«, mit einem weiteren Nicken in Marsalis Richtung. »Traut sie, Vater. Jetzt. Bitte«, fügte er noch hinzu. Er trat einen Schritt zurück und rief die Anwesenden mittels finsterer Blicke zur Ordnung.