Выбрать главу

»Aye, Sir«, sagte Mr. Warren mit der beiläufigen Kopfbewegung, die auf einem Handelsschiff als Salut durchging. »Sollen wir die Segel setzen?«

»Ja, bitte. Danke, Mr. Warren.« Jamie ließ ihn mit einer kleinen Verbeugung stehen und trat an meine Seite.

»Nichts«, sagte er leise. Sein Gesicht war zwar ruhig, doch ich konnte die Tiefe seiner Enttäuschung spüren. Seine gestrigen Gespräche mit den beiden Männern, die auf dem Sklavenmarkt mit weißen Leibeigenen handelten, hatten nichts Nützliches zutage gefördert – der Pflanzer aus der Freimaurerloge war ein letzter Hoffnungsschimmer gewesen.

Ich konnte nichts sagen, was irgendwie hilfreich gewesen wäre, und legte meine Hand auf der Reling über die seine. Jamie senkte den Blick und lächelte mich schwach an. Er holte tief Luft und richtete sich auf, um sich den Rock auf den Schultern gerade zu rücken.

»Aye, nun ja; etwas habe ich zumindest erfahren. Da war ein gewisser Mr. Villiers, der hier eine große Zuckerrohrplantage besitzt. Er hat vor drei Tagen sechs Sklaven vom Kapitän der Bruja gekauft – doch keiner davon war Ian.«

»Vor drei Tagen?« Ich war verblüfft. »Aber – die Bruja hat Hispaniola doch vor über zwei Wochen verlassen!«

Er nickte und rieb sich die Wange. Er hatte sich rasiert, weil es notwendig gewesen war, ehe er sich in die Öffentlichkeit begab, und seine Haut leuchtete rosig und frisch über dem schneeweißen Leinen seiner Halsbinde.

»So ist es. Und sie ist am Mittwoch hier eingetroffen – vor fünf Tagen.«

»Also ist sie noch irgendwo gewesen, ehe sie nach Barbados gekommen ist! Wissen wir, wo?«

Er schüttelte den Kopf.

»Villiers wusste es nicht. Er sagt, er hat sich eine Weile mit dem Kapitän der Bruja unterhalten, und der Mann hat ein großes Geheimnis darum gemacht, woher er kam und was er dort gemacht hatte. Villiers hat sich nicht viel dabei gedacht, weil er wusste, dass die Bruja einen zwielichtigen Ruf hat – und dass der Kapitän bereit war, die Sklaven für einen guten Preis zu verkaufen.«

»Dennoch«, seine Miene erhellte sich ein wenig, »Villiers hat mir die Papiere der Sklaven gezeigt, die er gekauft hat. Du hast doch die Papiere deines Sklaven gesehen?«

»Ich wünschte, du würdest ihn nicht so nennen«, sagte ich. »Aber ja. Aber ja. Waren die, die du gerade gesehen hast, genauso?«

»Nicht ganz. Bei dreien war kein Vorbesitzer angegeben – obwohl Villiers sagt, keiner der Sklaven kam frisch aus Afrika; sie sprechen alle zumindest ein paar Worte Englisch. Bei einem gab es einen Vorbesitzer, aber der Name war durchgestrichen; ich konnte ihn nicht lesen. Bei zwei weiteren war eine gewisse Mrs. Abernathy aus Rose Hall, Jamaica, als Vorbesitzerin eingetragen.«

»Jamaica? Wie weit …«

»Ich weiß es nicht«, unterbrach er. »Aber Mr. Warren wird es wissen. Vielleicht stimmt es ja. Jedenfalls glaube ich, wir müssen als Nächstes nach Jamaica fahren – und sei es nur, um unsere Fracht loszuwerden, ehe wir alle vor Ekel sterben.« Er rümpfte geziert die Nase, und ich lachte.

»Du siehst aus wie ein Ameisenbär, wenn du das tust«, sagte ich zu ihm.

Der Ablenkungsversuch gelang; sein breiter Mund verzog sich einen Hauch nach oben.

»Oh, aye? Es gibt Tiere, die sich von Ameisen ernähren?« Er gab sich alle Mühe, auf die Neckerei einzugehen, und wandte den Docks von Barbados den Rücken zu. Er lehnte sich an die Reling und lächelte auf mich hinunter. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie besonders satt machen.«

»Vermutlich fressen sie eine Menge davon. Schlimmer als Haggis kann es schließlich auch nicht sein.« Ich holte Luft, ehe ich fortfuhr, und atmete hustend wieder aus. »Gott, was ist denn das?«

Die Artemis hatte sich inzwischen vom Kai gelöst und war in den Hafen hinausgeglitten. Als wir uns jetzt in den Wind legten, wurde das Schiff von einem kräftigen, durchdringenden Geruch getroffen, eine unheilvolle Note in der olfaktorischen Hafensinfonie aus toten Seepocken, nassem Holz, Fisch, verrottendem Tang und dem ständigen warmen Atem der tropischen Vegetation am Ufer.

Ich hielt mir das Taschentuch fest vor Nase und Mund.

»Was ist das?«

»Wir fahren am Kremationsplatz vorbei, Ma’am, am Ende des Sklavenmarktes«, erklärte Maitland, der meine Frage hörte. Er zeigte zum Ufer, wo hinter einer Reihe von Pimentbäumen weißer Rauch aufstieg. »Sie verbrennen die Leichen der Sklaven, die die Überfahrt aus Afrika nicht überstehen«, erklärte er. »Erst laden sie die lebende Fracht ab, und wenn dann das Schiff gesäubert wird, holen sie die Leichen heraus und werfen sie hier auf den Scheiterhaufen, um zu verhindern, dass sich Seuchen in der Stadt ausbreiten.«

Ich blickte Jamie an und sah dieselbe Angst in seinem Gesicht, die auch in meinem zu sehen sein musste.

»Wie oft verbrennen sie Leichen?«, fragte ich. »Jeden Tag?«

»Ich weiß es nicht, Ma’am, aber ich glaube nicht. Vielleicht einmal in der Woche?« Maitland zuckte mit den Schultern und setzte seinen Dienst fort.

»Wir müssen nachsehen«, sagte ich. Meine Stimme klang für mich selber fremd, ruhig und klar. Ich fühlte mich ganz und gar nicht so.

Jamie war sehr bleich geworden. Er hatte sich wieder umgewandt, und sein Blick war auf die Rauchwolke gerichtet, die dicht und weiß hinter den Palmen aufstieg.

Dann presste er die Lippen fest aufeinander und biss die Zähne zusammen.

»Aye«, war alles, was er sagte, und er wandte sich um und befahl Mr. Warren beizudrehen.

Der Hüter der Flammen, eine verschrumpelte kleine Kreatur von undefinierbarer Hautfarbe und Aussprache, äußerte sich lautstark schockiert darüber, dass eine Frau den Kremationsplatz betreten wollte, doch Jamie stieß ihn unsanft beiseite. Er versuchte weder, mich davon abzuhalten, ihm zu folgen, noch sah er sich nach mir um; er wusste, dass ich ihn dort nicht allein lassen würde.

Es war eine kleine Mulde hinter einer Baumreihe, die an einen Anlegeplatz am Fluss grenzte. Schwarz verschmierte Pechfässer und Brennholzstapel standen wie krümelige, klebrige Klumpen inmitten leuchtend grüner Zwergfarne und Caesalpinien. Rechts hatte man einen gewaltigen Scheiterhaufen mit einer Plattform aus Holz errichtet; auf diese hatte man die mit Pech beträufelten Leichen geworfen.

Es brannte erst seit kurzem; eine Seite des Bergs stand lichterloh in Flammen, doch über den Rest leckten nur kleine Flammenzungen hinweg. Der Qualm, der die Toten verhüllte und sich in einem dicken, wabernden Schleier über dem Haufen erhob, war es, der den herabhängenden Gliedmaßen einen grauenhaften Anschein der Lebendigkeit verlieh.

Jamie war stehen geblieben und starrte den Haufen an. Dann sprang er auf die Plattform, ohne den Qualm und die Hitze zu beachten, und begann, an den Leichen zu zerren und sich grimmig durch die schauderhaften Überreste zu wühlen.

Daneben lag ein kleinerer Haufen grauer Asche und reinweißer, bröckeliger Knochensplitter. Ganz oben lag ein Hinterhaupt, zerbrechlich und perfekt wie eine Eierschale.

»Macht Ernte gut.« Die rußverschmierte kleine Kreatur, die das Feuer beaufsichtigte, stand neben mir und hoffte offenbar auf Entlohnung dafür, dass er mir dies mitteilte. Er – oder sie – zeigte auf die Asche. »Auf Pflanzen streuen, wachsen hilft.«

»Nein danke«, sagte ich schwach. Der Qualm verhüllte jetzt Jamies Gestalt, und ich hatte das furchtbare Gefühl, dass er hingefallen war und auf dem Scheiterhaufen brannte. Der grässliche, fröhliche Geruch gebratenen Fleischs erhob sich in die Luft, und mir war, als müsste ich mich übergeben.

»Jamie!«, rief ich. »Jamie!«

Er antwortete nicht, doch ich hörte krampfhaftes Husten im Herzen des Feuers. Einige lange Minuten später teilte sich der Rauchschleier, und er kam würgend hervorgestolpert.

Er kletterte von der Plattform, blieb vornübergebeugt stehen und hustete sich die Lungen aus dem Leib. Er war mit öligem Ruß bedeckt und an Händen und Kleidern mit Pech beschmiert. Er war blind vor Rauch; Tränen liefen ihm über die Wangen und zogen Spuren durch den Ruß.