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Ich warf dem Hüter des Scheiterhaufens ein paar Münzen zu, nahm Jamie beim Arm und führte ihn blind und würgend aus dem Tal des Todes fort. Unter den Palmen ließ er sich auf die Knie sinken und übergab sich.

»Fass mich nicht an«, keuchte er, als ich versuchte, ihm zu helfen. Wieder und wieder würgte er, doch schließlich hörte er auf und kniete wankend da. Dann erhob er sich langsam und stolpernd.

»Fass mich nicht an«, wiederholte er. Seine Stimme, heiser von Rauch und Brechreiz, war die eines Fremden.

Er schritt an die Kante des Docks, zog sich Rock und Schuhe aus und sprang mitsamt seiner Kleidung ins Wasser. Ich wartete einen Moment, dann bückte ich mich nach dem Rock und den Schuhen, die ich auf Armeslänge von mir hielt. In der Innentasche konnte ich schwach die rechteckige Wölbung der Fotos sehen.

Ich wartete, bis er zurückkam und sich triefend aus dem Wasser hievte. Die Pechspuren waren noch zu sehen, aber der Ruß und der Brandgeruch waren weitgehend verschwunden. Er setzte sich auf das Dock, den Kopf auf den Knien, und atmete schwer. Eine Reihe neugieriger Gesichter säumte über uns die Reling der Artemis.

Da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, beugte ich mich vor und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ohne den Kopf zu heben, hob er den Arm und griff danach.

»Er war nicht da«, sagte er mit seiner gedämpften, rasselnden, fremden Stimme.

Der Wind frischte jetzt auf; er bewegte die nassen Haarsträhnen, die auf seinen Schultern lagen. Als ich mich umblickte, sah ich, dass sich die Rauchwolke, die aus der kleinen Mulde aufstieg, schwarz verfärbt hatte. Sie hing jetzt dichter über dem Boden und begann, auf das Meer hinauszutreiben, und die Seelen der toten Sklaven flohen auf dem Wind zurück nach Afrika.

Kapitel 54

»Der stürmische Pirat«

Ich kann doch keinen Menschen besitzen, Jamie«, sagte ich und blickte voller Bestürzung auf die Papiere, die vor mir im Laternenschein ausgebreitet lagen. »Ich kann es einfach nicht. Es gehört sich nicht.«

»Nun, ich bin eigentlich ganz deiner Meinung, Sassenach. Aber was sollen wir mit dem Mann tun?« Jamie setzte sich dicht neben mir auf die Koje, so dass er die Besitzdokumente über meine Schulter hinweg lesen konnte. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und runzelte die Stirn.

»Wir könnten ihn freilassen – das scheint mir das eigentlich Richtige zu sein –, und doch, wenn wir es tun, was wird dann aus ihm?« Er beugte sich vor und blinzelte auf die Papiere hinunter. »Er spricht nur sehr wenig Französisch und Englisch und besitzt keine nennenswerten Fähigkeiten. Wenn wir ihn freilassen oder ihm sogar etwas Geld geben würden – kann er auf sich gestellt leben?«

Ich knabberte nachdenklich an einem von Murphys Käsebrötchen. Es war zwar gut, aber der Geruch des brennenden Lampenöls ging eine seltsame Verbindung mit dem aromatischen Käse ein, und unter allem lag – wie auf dem ganzen Schiff – der heimtückische Gestank des Guanos.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Lawrence hat mir erzählt, dass auf Hispaniola viele freie Schwarze leben. Viele Kreolen und andere Mischlinge, und viele haben sogar ihre eigenen Geschäfte. Ist es auf Jamaica auch so?«

Er schüttelte den Kopf und nahm sich ein Brötchen vom Tablett.

»Ich glaube nicht. Es ist zwar wahr, dass es freie Schwarze gibt, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können, aber das sind die, die ein Handwerk beherrschen – Näherinnen oder Fischer etwa. Ich habe mich ein bisschen mit diesem Temeraire unterhalten. Er hat Zuckerrohr geschnitten, bevor er den Arm verloren hat, und ansonsten kann er nicht viel.«

Ich legte das Brötchen hin, das ich kaum angerührt hatte, und richtete den Blick mit einem unglücklichen Stirnrunzeln auf die Papiere. Die bloße Vorstellung, einen Sklaven zu besitzen, machte mir Angst und widerte mich an, doch allmählich dämmerte mir, dass es möglicherweise nicht so einfach sein würde, die Verantwortung loszuwerden.

Der Mann war vor fünf Jahren von der Küste Guineas gekommen. Mein ursprünglicher Impuls, ihn heimzuschicken, war eindeutig ein Ding der Unmöglichkeit; selbst wenn wir ein Schiff gefunden hätten, das ihn als Passagier mitnahm, bestand eine überwältigend große Wahrscheinlichkeit, dass er auf der Stelle wieder versklavt werden würde, entweder durch das Schiff, das ihn mitnahm, oder durch ein anderes Sklavenschiff in den Häfen Westafrikas.

Allein, einarmig und unwissend würde er auf der Reise völlig schutzlos sein. Und selbst wenn er durch ein Wunder unbehelligt nach Afrika gelangte und sowohl den europäischen als auch den afrikanischen Sklavenjägern entging, war es so gut wie ausgeschlossen, dass er jemals in sein Dorf heimkehren konnte. Wenn er es versuchte, so hatte uns Lawrence freundlicherweise erklärt, so würde man ihn entweder umbringen oder vertreiben, da seine eigenen Leute ihn jetzt als Geist und als eine Gefahr für sie betrachten würden.

»Ich gehe davon aus, dass du es nicht in Erwägung ziehen würdest, ihn zu verkaufen?«, fragte Jamie vorsichtig und zog eine Augenbraue hoch. »An jemanden, von dem wir sicher sein könnten, dass er ihn gut behandelt?«

Ich massierte mit zwei Fingern die Stelle zwischen meinen Augenbrauen, um die wachsenden Kopfschmerzen zu lindern.

»Ich wüsste nicht, inwiefern das besser wäre, als wenn wir ihn selbst besitzen«, protestierte ich. »Vermutlich schlechter, weil wir ja nicht wüssten, was die neuen Besitzer mit ihm machen würden.«

Jamie seufzte. Er hatte den Großteil des Tages damit zugebracht, mit Fergus durch die dunklen, stinkenden Frachträume zu steigen und vor unserem Eintreffen in Jamaica eine Inventur durchzuführen, und er war müde.

»Aye, ich verstehe«, sagte er. »Aber ich sehe auch nichts Gutes darin, ihn freizulassen, wenn er dann verhungert.«

»Nein.« Ich kämpfte den wenig menschenfreundlichen Wunsch nieder, ich wäre dem einarmigen Sklaven nie begegnet. Für mich wäre es um einiges leichter gewesen, wenn es nicht geschehen wäre – für ihn jedoch vermutlich nicht.

Jamie erhob sich von der Koje und räkelte sich. Er stützte sich auf den Schreibtisch und ließ die Schultern kreisen, um seine Verspannung zu lösen. Er beugte sich vor und küsste mich zwischen den Brauen auf die Stirn.

»Mach dir keine Sorgen, Sassenach. Ich spreche mit dem Verwalter von Jareds Plantage. Vielleicht hat er ja Arbeit für den Mann, oder er …«

Ein Warnruf von oben unterbrach ihn.

»Schiff ahoi! Backbord voraus, ahoi!« Der Ruf aus dem Ausguck klang drängend, und überall kam plötzlich Bewegung auf, als die Seeleute ihre Posten bezogen. Dann folgten weitere Rufe, ein Ruck und ein Zittern, und die Artemis backbrasste ihre Segel.

»Was in Gottes Namen …«, begann Jamie. Ein durchdringendes Krachen ertränkte seine Worte, und er kippte mit vor Schreck geweiteten Augen seitwärts, als sich die Kajüte schräg legte. Der Schemel, auf dem ich saß, kippte um und warf mich zu Boden. Die Öllampe war aus ihrer Halterung geflogen, glücklicherweise aber von selbst erloschen, ehe sie auf dem Boden landete, und der Raum war finster.

»Sassenach! Geht es dir gut?«, kam Jamies Stimme scharf vor Angst aus der Dunkelheit in meiner Nähe.

»Ja«, sagte ich und kam unter dem Tisch hervorgekrochen. »Dir auch? Was ist passiert? Ist jemand mit uns zusammengestoßen?«

Jamie, der nicht stehen geblieben war, um auch nur eine dieser Fragen zu beantworten, war schon an der Tür und öffnete sie. Ein babylonisches Gewirr von Rufen und Hieben drang vom Deck herunter, unterbrochen durch die plötzlichen Popcorngeräusche kleiner Schusswaffen.

»Piraten«, sagte er knapp. »Wir sind geentert worden.« Meine Augen gewöhnten sich jetzt an das Zwielicht; ich sah seinen Schatten zum Schreibtisch springen und nach der Pistole in der Schublade greifen. Er hielt inne, um den Dolch unter dem Kissen in seiner Koje hervorzureißen, und rief mir im Gehen seine Anweisungen zu.