»Hol Marsali, Sassenach, und geht nach unten. So weit nach hinten, wie es geht – in den großen Frachtraum, wo die Guanoblöcke sind. Versteckt euch dahinter und bleibt dort!« Dann war er fort.
Ich tastete mich hastig durch den Wandschrank über meiner Koje, um die Lederschatulle zu suchen, die mir Mutter Hildegarde bei meinem Besuch in Paris geschenkt hatte. Gegen Piraten konnte ein Skalpell zwar vermutlich nicht viel ausrichten, doch ich würde mich besser fühlen, wenn ich eine Waffe in der Hand hatte, ganz gleich, wie klein.
»Mutter Claire?«, erklang Marsalis Stimme schrill und ängstlich an der Tür.
»Ich bin hier«, sagte ich. Ich sah helle Baumwolle aufschimmern, als sie sich bewegte, und drückte ihr den Brieföffner aus Elfenbein in die Hand. »Hier, nimm das, für alle Fälle. Komm, wir sollen nach unten gehen.«
Mit einer Amputationssäge in einer Hand und ein paar Skalpellen in der anderen führte ich sie zum Heckfrachtraum. Über uns donnerten Schritte über das Deck, und Flüche und Schreie gellten durch die Nacht, begleitet von einem grauenvollen, ächzenden Knirschen – vermutlich die Bordwand der Artemis, die sich am Rumpf des unbekannten Schiffes rieb, das uns gerammt hatte.
Im Frachtraum war es pechschwarz und stickig. Langsam und hustend bahnten wir uns den Weg zur Rückseite des Frachtraums.
»Wer ist das?«, fragte Marsali. Ihre Stimme klang seltsam gedämpft, denn der Hall im Frachtraum wurde durch die ringsum aufgestapelten Guanoblöcke geschluckt. »Meinst du, es sind Piraten?«
»Ich vermute es.« Lawrence hatte uns erzählt, dass die Karibik ein Paradies für Piratenlogger und skrupellose Gefährte aller Art darstellte, doch wir hatten nicht mit Schwierigkeiten gerechnet, da unsere Fracht nicht übermäßig wertvoll war. »Vermutlich haben sie schlechte Nasen.«
»Häh?«
»Nicht wichtig«, sagte ich. »Komm, setz dich; wir können jetzt nur warten.«
Ich wusste aus Erfahrung, dass es zu den schwierigsten Dingen im Leben gehörte zu warten, während die Männer kämpften, doch in diesem Fall gab es keine vernünftige Alternative.
Hier unten waren die Kampfgeräusche zu einem fernen Poltern gedämpft, obwohl das konstante, durchdringende Stöhnen der ächzenden Planken im ganzen Schiff widerhallte.
»O Gott, Fergus«, flüsterte Marsali mit gequälter Stimme, während sie lauschte. »Selige Jungfrau, rette ihn!«
Lautlos wiederholte ich ihr Stoßgebet und dachte dabei an Jamie irgendwo in dem Chaos über uns. Ich bekreuzigte mich im Dunklen und berührte die kleine Stelle zwischen meinen Augenbrauen. Ich durfte gar nicht daran denken, dass es so leicht seine letzte Berührung gewesen sein konnte.
Plötzlich erscholl oben eine Explosion, ein Donnern, dessen Vibrationen die Bohlen durchliefen, auf denen wir saßen.
»Sie jagen das Schiff in die Luft!« Marsali sprang in Panik auf. »Sie werden uns versenken! Wir müssen hier fort! Wir werden hier unten ertrinken!«
»Warte!«, rief ich. »Es sind nur die Kanonen!« Doch sie hatte meine Worte nicht abgewartet. Ich konnte sie in blinder Panik jammernd zwischen den Guanoblöcken umherstolpern hören.
»Marsali! Komm zurück!« Im Frachtraum gab es keinerlei Licht; ich bewegte mich ein paar Schritte durch die drückende Atmosphäre, um sie nach dem Gehör ausfindig zu machen, doch die schallschluckende Wirkung der bröckelnden Blöcke hielt ihre Bewegungen vor mir verborgen. Über mir donnerte eine weitere Explosion, dicht gefolgt von einer dritten. Alles war voll Staub, den die Vibrationen aufgewirbelt hatten, und ich würgte mit tränenden Augen.
Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen und blinzelte. Es war keine Einbildung; da war Licht im Frachtraum, ein dumpfer Schimmer, der sich hinter der Kante des nächsten Blocks abzeichnete.
»Marsali?«, rief ich. »Wo bist du?«
Die Antwort war ein angsterfülltes Kreischen aus der Richtung des Lichts. Ich raste um den Block herum, zwischen zwei weiteren hindurch und erreichte den Fuß der Leiter, wo ich Marsali in der Umklammerung eines großen, halbnackten Mannes fand.
Er war furchtbar fett; seine Speckrollen waren mit einer Vielzahl von Tätowierungen verziert, und er trug ein klirrendes Halsband aus Münzen und Knöpfen. Marsali schlug kreischend nach ihm, und er riss ungeduldig das Gesicht beiseite.
Dann fiel sein Blick auf mich, und er bekam große Augen. Er hatte ein breites, flaches Gesicht und trug das schwarze Haar in einem geteerten Knoten auf dem Kopf. Mit einem böswilligen Grinsen, das einen deutlichen Mangel an Zähnen erkennen ließ, sagte er etwas, das wie lallendes Spanisch klang.
»Lass sie los!«, sagte ich laut. »Basta, cabrón!« Mehr Spanisch fiel mir im Moment nicht ein; er schien es komisch zu finden, denn sein Grinsen wurde noch breiter, er ließ Marsali los und wandte sich mir zu. Ich warf eins meiner Skalpelle nach ihm.
Es prallte an seinem Kopf ab; er erschrak und duckte sich wild. Marsali schoss an ihm vorbei und sprang auf die Leiter.
Zwischen uns hin- und hergerissen, zögerte der Pirat einen Moment, doch dann drehte er sich zur Leiter um und sprang mehrere Sprossen mit einer Beweglichkeit hinauf, die sein Gewicht Lügen strafte. Er erwischte Marsali am Fuß, als sie sich gerade durch die Luke stürzte, und sie schrie.
Leise fluchend rannte ich zum Fuß der Leiter, hob den Arm und holte mit dem Amputationsmesser nach seinem Fuß aus, so heftig ich konnte. Der Pirat schrie kreischend auf. Irgendetwas flog an meinem Kopf vorbei, und mir spritzte Blut auf die Wange, nass und heiß auf meiner Haut.
Erschrocken ließ ich mich von der Leiter sinken und schaute automatisch nach, was heruntergefallen war. Es war ein kleiner, schwieliger brauner Zeh mit einem schwarzen Nagel und schmutzigen Flecken.
Der Pirat prallte so heftig neben mir auf das Deck, dass die Planken am Boden bebten, und stürzte sich auf mich. Ich duckte mich zwar, aber er erwischte eine Handvoll meines Ärmels. Ich riss mich los, der Stoff gab nach, und ich stieß mit der Klinge in meiner Hand nach seinem Gesicht.
Er fuhr überrascht zurück, rutschte in seinem eigenen Blut aus und fiel hin. Ich stürzte auf die Leiter zu, ließ das Messer fallen und kletterte um mein Leben.
Er war mir so dicht auf den Fersen, dass es ihm gelang, meinen Rocksaum zu fassen, doch ich befreite mich mit einem Ruck und stürzte weiter aufwärts. In meinen Lungen brannte der Staub des stickigen Frachtraums. Der Mann brüllte in einer Sprache, die ich nicht verstand. Irgendein entlegener Winkel meines Hirns, der nicht mit meinem unmittelbaren Überleben beschäftigt war, vermutete, dass es Portugiesisch sein könnte.
Ich platzte aus dem Frachtraum in das tobende Chaos an Deck. In der Luft hing dichter Schwarzpulverrauch, und überall stolperten kleine Gruppen von Männern fluchend und ringend über das Deck.
Ich hatte keine Zeit, mich umzusehen; hinter mir aus der Luke drang heiseres Gebrüll, und ich schoss auf die Reling zu. Einen Moment balancierte ich zögernd auf dem schmalen Holzbalken, während die schwarze See schwindelerregend unter mir vorüberrauschte. Ich packte in die Wanten und begann zu klettern.
Es war ein Fehler, das war mir beinahe augenblicklich klar. Er war Seemann; ich war es nicht. Hinzu kam, dass er nicht durch ein Kleid behindert wurde. Die Seile tanzten und zuckten unter meinen Händen; sie vibrierten unter seinem Gewicht, als er mir nachstieg.
Er kam an der Unterseite der Wanten hinaufgeklettert wie ein Gibbon, während ich mich langsamer über die Oberseite in die Höhe bewegte. Er erreichte mich und spuckte mir ins Gesicht. Aus schierer Verzweiflung kletterte ich weiter; mir blieb ja gar nichts anderes übrig. Er hielt problemlos mit mir mit und zischte böse grinsend auf mich ein. Es spielte keine Rolle, welche Sprache er benutzte; ich verstand ihn auch so. An einer Hand hängend, zog er das Entermesser aus seiner Schärpe und holte zu einem kräftigen Hieb aus, der mich nur knapp verfehlte.