»Willoughby!«, brüllte er. Sekunden später kam Willoughby strahlend angetrabt und trug ein Tablett mit einer dampfenden Teekanne und einer Flasche Brandy vor sich her.
»Tee!«, hauchte ich und kämpfte mich zum Sitzen hoch. »Ambrosia.« Trotz der stickigen Luft in der Kajüte war der heiße Tee genau das, was ich brauchte. Die mit Brandy versetzte Flüssigkeit lief mir belebend durch die Kehle und glomm friedvoll in der Tiefe meines erschütterten Magens.
»Niemand kocht besseren Tee als die Engländer«, sagte ich und atmete das Aroma der Tasse ein, »außer den Chinesen.«
Mr. Willoughby strahlte vor Genugtuung und verbeugte sich feierlich. Jamie prustete erneut und brachte es damit auf dreimal an diesem Nachmittag.
»Aye? Nun, genieße ihn, solange du es kannst.«
Das klang mehr oder weniger unheilvoll, und ich starrte ihn über den Rand der Teetasse hinweg an. »Und was genau willst du damit sagen?«, fragte ich.
»Ich werde deinen Arm verarzten, wenn du fertig bist«, verkündete er mir. Er ergriff die Kanne und blickte hinein.
»Wie viel Blut, sagst du, hat ein Mensch in seinem Körper?«, fragte er.
»Ungefähr sechs Liter«, sagte ich verwundert. »Warum?«
»Weil du«, sagte er präzise, »der Menge nach zu urteilen, die du auf dem Deck hinterlassen hast, vielleicht noch drei davon übrig hast. Hier, trink noch etwas.« Er füllte die Tasse, stellte die Kanne hin und stapfte aus der Kajüte.
»Ich fürchte, Jamie ist sehr verärgert über mich«, sagte ich reumütig zu Mr. Willoughby.
»Nicht wütend«, sagte er beruhigend. »Tsei-mi große Angst.« Der kleine Chinese legte mir eine Hand auf die rechte Schulter, zart wie ein ruhender Schmetterling. »Das tut weh?«
Ich seufzte. »Wenn ich ganz ehrlich bin«, sagte ich, »ja, das tut weh.«
Mr. Willoughby lächelte und tätschelte mich sanft. »Ich helfe«, sagte er tröstend. »Später.«
Trotz des Pochens in meinem Arm fühlte ich mich genügend wiederhergestellt, um mich nach dem Rest der Besatzung zu erkundigen, deren Verletzungen sich, wie Mr. Willoughby berichtete, auf Platzwunden und Prellungen beschränkten, dazu eine Gehirnerschütterung und ein unkomplizierter Armbruch.
Geklapper im Korridor verkündete Jamies Rückkehr. Er wurde von Fergus begleitet, der meine Arzneitruhe unter dem Arm trug und eine weitere Flasche Brandy in der Hand hielt.
»Also schön«, sagte ich resigniert. »Sehen wir es uns an.«
Entstellende Verletzungen waren mir nicht fremd, und diese hier war – technisch betrachtet – nicht besonders schlimm. Andererseits war hier meine eigene Haut betroffen, daher war mir das Technische herzlich egal.
»Ooh«, sagte ich ziemlich schwach. Jamie hatte die Natur der Verletzung zwar dramatisch, aber auch völlig akkurat beschrieben. Es war ein langer, glattkantiger Schnitt, der leicht schräg über die Vorderseite meines Bizeps lief, von der Schulter bis vielleicht drei Zentimeter oberhalb des Ellbogengelenks. Ich konnte meinen Oberarmknochen zwar nicht direkt sehen, doch es war unleugbar eine sehr tiefe Verletzung, deren Ränder weit auseinanderklafften.
Trotz des fest darum gewickelten Tuchs blutete sie noch, jedoch nur noch langsam; es schienen keine bedeutenden Gefäße durchtrennt zu sein.
Jamie hatte meine Arzneitruhe aufgeklappt und durchsuchte sie nachdenklich mit seinem großen Zeigefinger.
»Du brauchst Fäden und eine Nadel«, sagte ich, und plötzlich durchfuhr mich der Schreck, denn ich begriff, dass mein Arm mit dreißig oder vierzig Stichen genäht werden musste und wir außer Brandy kein Betäubungsmittel hatten.
»Kein Laudanum?«, fragte Jamie mit einem stirnrunzelnden Blick in die Truhe. Er hatte offenbar gerade das Gleiche gedacht.
»Nein. Ich habe es auf der Porpoise aufgebraucht.« Ich unterdrückte das Zittern in meiner linken Hand, goss mir einen anständigen Schluck puren Brandy in meine leere Teetasse und trank.
»Das war sehr rücksichtsvoll von dir, Fergus«, sagte ich und wies kopfnickend auf die frische Brandyflasche, während ich trank, »aber ich glaube nicht, dass ich zwei Flaschen brauchen werde.« Jareds Brandy war so kräftig, dass ich vermutlich nicht einmal mehr als eine Teetasse brauchen würde.
Ich fragte mich, ob ich mich besser sofort besinnungslos trank oder zumindest halb nüchtern bleiben sollte, um die Operation zu beaufsichtigen; es war völlig unmöglich, dass ich die Wunde selbst nähte, mit links und zitternd wie Espenlaub. Auch Fergus konnte es mit einer Hand nicht tun. Zugegeben, Jamies große Hände vollbrachten manche Aufgaben mit erstaunlicher Leichtigkeit, aber …
Jamie unterbrach mich in meinen Gedanken, indem er den Kopf schüttelte und die zweite Flasche ergriff.
»Die ist nicht zum Trinken, Sassenach, sie ist dazu da, die Wunde zu spülen!«
»Was!« In meinem Schockzustand hatte ich die Notwendigkeit der Desinfektion ganz vergessen. Da ich nichts Besseres hatte, reinigte ich Verletzungen normalerweise mit destilliertem Kornschnaps, den ich zur Hälfte mit Wasser verschnitt, doch diesen Vorrat hatte ich ebenfalls auf dem Kriegsschiff aufgebraucht.
Ich spürte, wie meine Lippen taub wurden, und das nicht nur, weil der Brandy in meinem Inneren zu wirken begann. Highlander zählten zu den stoischsten und mutigsten Kriegern, und Seeleute standen ihnen im Großen und Ganzen kaum nach. Oft schon hatte ich mit angesehen, wie solche Männer ohne ein Wort dalagen, während ich Knochenbrüche richtete, kleine Operationen durchführte, klaffende Verletzungen nähte und ihnen das Leben ganz allgemein zur Hölle machte, doch eine Desinfektion mit Alkohol war etwas anderes – man konnte die Schreie meilenweit hören.
»Äh … einen Moment«, sagte ich. »Vielleicht würde ja ein bisschen abgekochtes Wasser …«
Jamies Blick war nicht ohne Mitgefühl auf mich gerichtet.
»Es wird nicht leichter, wenn wir warten, Sassenach«, sagte er. »Fergus, nimm die Flasche.« Und ehe ich protestieren konnte, hatte er mich aus der Koje gehoben und mich auf seinen Schoß gesetzt. Er umklammerte meine Taille und hielt meinen linken Arm fest, so dass ich mich nicht wehren konnte, während er mein rechtes Handgelenk packte und den verletzten Arm zur Seite hielt.
Ich glaube, es war der verdammte Ernest Hemingway, der gesagt hat, eigentlich sollte man vor Schmerzen ohnmächtig werden, aber leider passiert es nie. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass Ernest entweder ein feines Gespür für unterschiedliche Bewusstseinszustände hatte oder ihm nie jemand Brandy über mehrere Quadratzentimeter wunder Haut geschüttet hatte.
Genau gesagt, verlor auch ich das Bewusstsein wohl nicht ganz, denn als meine Wahrnehmung zurückkehrte, sagte Fergus gerade: »Bitte, Milady! Ihr dürft nicht so schreien; es geht den Männern an die Nieren.«
Auf jeden Fall ging es Fergus an die Nieren; sein schmales Gesicht war blass, und der Schweiß rann ihm in Tropfen über das Kinn. Was die Männer betraf, so hatte er ebenfalls recht – mehrere Gesichter lugten zur Tür und zum Fenster herein, und ihre Mienen waren entsetzt und besorgt.
Ich brachte die Geistesgegenwart auf, ihnen zuzunicken, wenn auch schwach. Jamie hatte den Arm nach wie vor fest um meine Taille geklemmt; ich konnte nicht sagen, wer von uns beiden zitterte; beide, dachte ich.
Mit viel Hilfe schaffte ich es bis in den breiten Kapitänssessel und ließ mich keuchend zurücksinken, während das Feuer in meinem Arm weiterzischte. Jamie hielt eine meiner gebogenen Chirurgennadeln und ein Stück sterilisiertes Nähgut in der Hand, und seine Miene drückte genau die Skepsis über das Vorhaben aus, die ich empfand.
Es war Mr. Willoughby, der eingriff und Jamie die Nadel wortlos aus den Händen nahm.
»Ich kann das«, sagte er in selbstbewusstem Ton. »Einen Moment.« Und er verschwand im Korridor, anscheinend, um etwas zu holen.
Jamie äußerte keine Einwände, genauso wenig wie ich. Stattdessen stießen wir identische Seufzer der Erleichterung aus, und ich musste lachen.