»Ein bisschen«, sagte ich, weil ich jede Dramatik vermeiden wollte. Ich biss die Zähne zusammen und stand zitternd auf. Dabei wiegte ich den rechten Ellbogen in der linken Hand.
»Das ist gut«, sagte er.
»Das ist gut?«, fragte ich und hob entrüstet die Stimme.
In der Dunkelheit gluckste es leise, und er setzte sich. Sein Kopf kam plötzlich in Sicht, als er sich aus dem Schatten in den Mondschein hob.
»Aye, das ist es«, sagte er. »Wenn eine Verletzung anfängt zu schmerzen, bedeutet das, dass sie heilt. Du hast es nicht gespürt, als es passiert ist, oder?«
»Nein«, gab ich zu. Jetzt jedenfalls spürte ich den Arm. Auf dem offenen Meer war es um einiges kühler, und der salzige Wind, der durch das Fenster drang, hauchte mir angenehm über das Gesicht. Ich war völlig verschwitzt, und das dünne Hemd klebte mir an den Brüsten fest.
»Das konnte ich sehen. Das war es, was mir Angst gemacht hat. Eine tödliche Verletzung spürt man nie, Sassenach«, sagte er leise.
Ich lachte auf, brach aber ab, als die Bewegung meinen Arm erschütterte.
»Und woher weißt du das?«, fragte ich und versuchte ungeschickt, mir mit links etwas Wasser in ein Glas zu schütten. »Ich meine, so etwas kann man doch nicht aus erster Hand erfahren.«
»Murtagh hat es mir erzählt.«
Das Wasser schien geräuschlos in das Glas zu laufen, denn das Gluckern ging im Zischen des Kielwassers unter. Ich stellte den Krug hin und hob das Glas. Die Wasseroberfläche schimmerte schwarz im Mondschein. In all den Monaten seit unserem Wiedersehen hatte Jamie Murtagh nie erwähnt. Ich hatte Fergus gefragt, und er hatte mir erzählt, dass der drahtige kleine Schotte in Culloden gestorben war, doch mehr als diese nackte Tatsache war ihm nicht bekannt.
»In Culloden.« Jamies Stimme war im Ächzen der Bohlen und im Rauschen des Fahrtwinds kaum zu hören. »Hast du gewusst, dass sie dort die Toten verbrannt haben? Ich konnte es hören und habe mich gefragt, wie es wohl im Inneren des Feuers sein würde, wenn ich an die Reihe kam.« Inmitten der Geräusche des Schiffs hörte ich ihn schlucken. »Nun, das weiß ich jetzt auch.«
Der Mondschein nahm seinem Gesicht jede Tiefe und Farbe; er sah aus wie ein Totenschädel, die breiten, klaren Flächen seiner Wangen weiß und die Augen leere schwarze Löcher.
»Ich hatte die Absicht zu sterben, als ich nach Culloden gegangen bin«, sagte er, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Die anderen nicht. Ich hätte mich glücklich geschätzt, auf der Stelle eine Musketenkugel abzufangen, und doch habe ich mir mit dem Schwert den Weg über das ganze Feld und halbwegs wieder zurück gebahnt, während rechts und links von mir die Männer in blutige Stücke gerissen wurden.« Jetzt stand er auf und blickte auf mich hinunter.
»Warum?«, sagte er. »Warum, Claire? Warum lebe ich noch und sie nicht?«
»Ich weiß es nicht«, sagte ich leise. »Um deiner Schwester und deiner Familie willen vielleicht? Um meinetwillen?«
»Sie hatten selbst Familien«, sagte er. »Frauen, Liebste; Kinder, die um sie trauerten. Und doch sind sie fort. Und ich bin noch hier.«
»Ich weiß es nicht, Jamie«, sagte ich schließlich. Ich berührte seine Wange, die schon von frischen Bartstoppeln rauh wurde, ein Lebenszeichen, das sich nicht unterdrücken ließ. »Du wirst es nie erfahren.«
Er seufzte, und sein Wangenknochen presste sich kurz gegen meine Handfläche.
»Aye, das weiß ich doch. Aber ich kann die Frage nicht verhindern, wenn ich an sie denke – vor allem an Murtagh.« Rastlos wandte er sich ab; seine Augen waren leere Schatten, und ich wusste, dass er erneut mit den Geistern über das Moor von Drumossie schritt.
»Wir hätten eher gehen sollen; die Männer hatten stundenlang herumgestanden, hungrig und halb erfroren. Aber sie haben darauf gewartet, dass Seine Hoheit den Befehl zum Angriff gab.«
Und Charles Stuart, der aus sicherem Abstand auf einem Felsen weit hinter der Gefechtslinie erstmals selbst das Kommando über seine Männer geführt hatte, hatte gezaudert. Und die Engländer hatten die Zeit genutzt, um ihre Kanonen mitten auf die Reihen der zerlumpten Highlander zu richten, und das Feuer eröffnet.
»Ich glaube, es war für alle eine Erleichterung«, sagte Jamie leise. »Jeder Mann auf dem Feld wusste, dass die Sache verloren war und dass wir tote Männer waren. Und trotzdem haben wir dagestanden und zugesehen, wie die englischen Kanonen aufgefahren wurden und sich ihre schwarzen Mündungen auf uns richteten. Niemand hat etwas gesagt. Ich konnte nichts hören als den Wind und die Rufe der englischen Soldaten auf der anderen Seite des Feldes.«
Und dann kam der Kanonendonner; viele Männer waren gefallen, und die, die noch standen, hatten auf den späten, halbherzigen Befehl hin zu den Schwertern gegriffen und sich auf den Feind gestürzt. Ihr gälisches Kreischen war im Lärm der Kanonen untergegangen und hatte sich im Wind verloren.
»Der Qualm war so dicht, dass ich nicht weiter als ein paar Meter sehen konnte. Ich habe mir die Schuhe von den Füßen getreten und bin mit Gebrüll hineingerannt.« Der blutleere Strich seiner Lippen verzog sich zu einem Lächeln.
»Ich war glücklich«, sagte er und klang ein wenig überrascht. »Ich hatte überhaupt keine Angst. Ich wollte schließlich sterben; das Einzige, was es zu fürchten gab, war, dass ich vielleicht verletzt würde und nicht auf der Stelle umkam. Aber ich würde sterben, und dann würde alles vorbei sein, und ich würde dich wiedersehen, und alles wäre gut.«
Ich rückte dichter an ihn heran, und seine Hand hob sich aus dem Schatten, um nach der meinen zu greifen.
»Rechts und links von mir fielen die Männer, und ich konnte die Granatsplitter und Musketenkugeln an meinem Kopf vorübersausen hören wie Hummeln. Aber sie haben mich nicht berührt.«
Er hatte die britischen Linien unverletzt erreicht, einer der wenigen Highlander, die die Attacke über das Moor von Culloden zu Ende gelaufen waren. Die Besatzung einer englischen Kanone hatte erschrocken zu dem hochgewachsenen Highlander aufgeblickt, der aus dem Qualm gefahren kam wie ein Dämon. Erst hatte der Regen auf der Klinge seines Breitschwerts geglänzt, dann Blut.
»Da war dieser kleine Teil meines Verstandes, der gefragt hat, warum ich sie umbringen sollte«, erinnerte er sich. »Denn ich wusste ja, dass wir verloren waren; es war nichts dadurch zu gewinnen. Doch es gibt eine Lust am Töten – weißt du?« Seine Finger verstärkten fragend ihren Druck auf den meinen, und ich drückte bejahend zu.
»Ich konnte nicht aufhören – oder ich wollte es nicht.« Seine Stimme war leise, ohne Bitterkeit oder Schuld. »Es ist ein sehr altes Gefühl, glaube ich; der Wunsch, einen Feind mit ins Grab zu nehmen. Ich konnte es damals spüren, rote Glut in meiner Brust und meinem Bauch und … ich habe mich ihm hingegeben«, endete er schlicht.
Die Kanone wurde von vier Mann bedient, von denen keiner mit mehr als einer Pistole und einem Messer bewaffnet war, weil keiner mit einem Angriff aus nächster Nähe rechnete. Sie hatten der Berserkerkraft seiner Verzweiflung hilflos gegenübergestanden, und er hatte sie alle getötet.
»Der Boden unter meinen Füßen bebte«, sagte er. »Es war so laut, dass ich so gut wie taub war. Ich konnte nicht denken. Und dann habe ich begriffen, dass ich mich hinter den englischen Kanonen befand.« Es gluckste leise zu meinen Füßen. »Ein ziemlich schlechter Platz, wenn man darauf aus ist, sich umbringen zu lassen, nicht wahr?«
Also hatte er sich auf den Rückweg über das Moor gemacht, um sich den toten Highlandern anzuschließen.
»Er saß ungefähr in der Mitte des Feldes an ein Büschel Pflanzen gelehnt – Murtagh. Er war mindestens ein Dutzend Mal getroffen worden und hatte eine grauenvolle Verletzung am Kopf – ich wusste, dass er tot war.«
Doch er war nicht tot gewesen; als Jamie neben seinem Paten auf die Knie gefallen war und den schmächtigen Körper in die Arme genommen hatte, hatten sich Murtaghs Augen geöffnet.
»Er hat mich gesehen. Und er hat gelächelt.« Und dann hatte ihn die Hand des älteren Mannes kurz an der Wange berührt. »Hab keine Angst, a bhalaich«, hatte Murtagh gesagt und den Kosenamen für einen kleinen, geliebten Jungen benutzt. »Das Sterben tut kein bisschen weh.«