Lange stand ich schweigend da und hielt Jamies Hand. Dann seufzte er, und seine andere Hand schloss sich sehr, sehr sanft um meinen verletzten Arm.
»Zu viele Menschen sind gestorben, Sassenach, oder mussten leiden, weil sie mich kannten. Ich würde meinen eigenen Körper geben, um dir eine schmerzvolle Sekunde zu ersparen – und doch würde ich jetzt am liebsten meine Hand schließen, um deinen Schrei zu hören und die Sicherheit zu haben, dass ich dich nicht auch umgebracht habe.«
Ich beugte mich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Haut seiner Brust. Bei dieser Hitze schlief er nackt.
»Du hast mich nicht umgebracht. Du hast Murtagh nicht umgebracht. Und wir werden Ian finden. Bring mich wieder zu Bett, Jamie.«
Etwas später hörte ich am Rande des Schlafs seine Stimme vom Boden neben meinem Bett.
»Weißt du. Ich habe mich kaum je darauf gefreut, zu Laoghaire nach Hause zu gehen«, sagte er nachdenklich. »Und doch, wenn ich es getan habe, habe ich sie zumindest immer dort angetroffen, wo ich sie zurückgelassen hatte.«
Ich drehte den Kopf zur Seite, wo sein leiser Atem vom dunklen Boden kam. »Oh? Und ist das die Sorte Frau, die du dir wünschst? Die Sorte, die bleibt, wo sie ist?«
Er stieß einen kleinen Laut aus, irgendwo zwischen Kichern und Hüsteln, antwortete aber nicht, und Sekunden später gingen seine Atemgeräusche in leises, rhythmisches Schnarchen über.
Kapitel 55
Ishmael
Ich schlief unruhig und erwachte spät und fiebrig mit dröhnenden Kopfschmerzen hinter den Augen. Ich fühlte mich so krank, dass ich nicht protestierte, als Marsali darauf bestand, mir die Stirn zu kühlen, entspannte mich aber dankbar mit geschlossenen Augen und genoss die Kühle des essiggetränkten Tuchs auf meinen hämmernden Schläfen.
Es war sogar so entspannend, dass ich wieder einschlief, als sie gegangen war. Ich träumte unangenehm von dunklen Minenschächten und dem Kalk verkohlter Knochen, als mich plötzlich ein Poltern weckte, das mich auffahren ließ und meinen Kopf mit weißglühendem Schmerz durchbohrte.
»Was?«, rief ich aus und umklammerte mit beiden Händen meinen Kopf, als könnte ich dadurch verhindern, dass er abfiel. »Was ist?« Das Fenster war verhängt, damit ich nicht durch das Licht gestört wurde, und meine verblüfften Augen brauchten einen Moment, um sich an das Zwielicht zu gewöhnen.
Auf der anderen Seite der Kajüte äffte mich eine große Gestalt nach, indem sie sich ihrerseits sichtlich schmerzerfüllt den Kopf hielt. Dann sonderte sie in einem Gemisch aus Chinesisch, Französisch und Gälisch eine Salve von Beschimpfungen ab.
»Verdammt!«, sagte sie, als die Ausrufe schließlich zu milderem Englisch abflauten. »Verdammt und zugenäht!« Jamie stolperte zum Fenster und rieb sich den Kopf, den er sich an meinem Wandschrank gestoßen hatte. Er schob den Vorhang beiseite und öffnete das Fenster, so dass mit dem gleißenden Licht auch ein willkommener, frischer Luftzug in die Kajüte drang.
»Was in Dreiteufelsnamen machst du da?«, fragte ich scharf. Das Licht stach wie Nadeln auf meine empfindlichen Augäpfel ein, und mir so abrupt an den Kopf zu fassen, hatte der Naht in meinem Arm alles andere als gutgetan.
»Ich wollte deine Truhe suchen«, erwiderte er und fuhr zusammen, als er seinen Scheitel betastete. »Verdammt, ich habe mir den Schädel zertrümmert. Sieh dir das an!« Er hielt mir zwei etwas blutige Finger unter die Nase. Ich warf ihm das Tuch mit dem Essig zu und ließ mich wieder auf das Kissen fallen.
»Wozu brauchst du denn meine Arzneitruhe, und warum hast du mich nicht einfach gefragt, statt hier umherzupoltern wie eine Biene in einer Flasche?«, fragte ich gereizt.
»Ich wollte dich nicht wecken«, sagte er so verlegen, dass ich trotz meiner von diversen Schmerzen geplagten Anatomie lachte.
»Das macht nichts; ich habe ohnehin nicht gut geschlafen«, versicherte ich ihm. »Warum brauchst du denn die Truhe? Ist jemand verletzt?«
»Aye, ich«, sagte er und betupfte sich vorsichtig mit dem Tuch den Schädel, um dann das Gesicht zu verziehen. »Willst du denn gar keinen Blick auf meinen Kopf werfen?«
Eigentlich lautete die Antwort »lieber nicht«, aber ich winkte ihm gehorsamst, sich vorzubeugen und mir den Scheitel zur Begutachtung hinzuhalten. Sein Zusammenstoß mit der Holzkante hatte eine recht beeindruckende Beule und eine kleine Platzwunde unter dem dichten Haar hinterlassen, doch eine Gehirnerschütterung schien er nicht zu haben.
»Es ist keine Fraktur«, versicherte ich ihm. »Du hast den dicksten Schädel, den ich je gesehen habe.« Aus einem Instinkt heraus, der so alt ist wie die Mutterschaft, beugte ich mich vor und drückte ihm vorsichtig einen Kuss auf die Beule. Er hob den Kopf und sah mich mit großen, überraschten Augen an.
»Davon soll es besser werden«, erklärte ich. Ein kleines Lächeln zuckte in seinem Mundwinkel.
»Oh. Ja, dann.« Er bückte sich sanft und küsste den Verband an meinem Arm.
»Besser?«, erkundigte er sich und richtete sich auf.
»Viel besser.«
Er lachte, griff nach der Karaffe und schenkte ein Schlückchen Whisky ein, das er mir reichte.
»Ich wollte diese Flüssigkeit haben, die du benutzt, um kleine Kratzer zu verarzten«, erklärte er und schenkte sich ebenfalls etwas ein.
»Weißdornlotion. Ich habe keine, weil sie schnell verdirbt«, sagte ich und richtete mich auf. »Aber wenn es dringend ist, kann ich sie ansetzen; es dauert nicht lange.« Die Vorstellung, aufzustehen und zur Kombüse zu gehen, war zwar einschüchternd, aber vielleicht würde ich mich ja besser fühlen, wenn ich erst in Bewegung war.
»Nicht dringend«, versicherte er mir. »Wir haben nur einen Gefangenen im Frachtraum, dem ein bisschen übel mitgespielt worden ist.«
Ich ließ mein Glas sinken und blinzelte ihn an.
»Einen Gefangenen? Woher haben wir denn einen Gefangenen?«
»Von dem Piratenschiff.« Er blickte stirnrunzelnd in seinen Whisky. »Obwohl ich nicht glaube, dass er ein Pirat ist.«
»Was ist er denn?«
Er spülte den Whisky mit einem Schluck hinunter und schüttelte den Kopf.
»Wenn ich das wüsste. Den Narben auf seinem Rücken nach vermutlich ein entlaufener Sklave, aber in diesem Fall weiß ich nicht, warum er sich so benommen hat.«
»Wie denn?«
»Er ist von der Bruja ins Meer gesprungen. MacGregor hat ihn springen gesehen, und nachdem die Bruja die Segel gesetzt hatte, hat er den Mann in den Wellen treiben gesehen und hat ihm ein Seil zugeworfen.«
»Das ist ja seltsam; warum mag er das getan haben?«, fragte ich. Ich wurde jetzt neugierig, und das Dröhnen in meinem Kopf schien nachzulassen, während ich an meinem Whisky nippte.
Jamie fuhr sich mit den Fingern durch das Haar, zuckte zusammen und hielt inne.
»Ich weiß es nicht, Sassenach«, sagte er und strich sich vorsichtig das Haar auf dem Schädel glatt. »Es war nicht zu erwarten, dass ein Schiff wie das unsere versuchen würde, das Piratenschiff zu entern – Handelsschiffe wehren Piraten einfach nur ab; sie sind ja nicht auf Beute aus. Aber wenn er nicht vor uns fliehen wollte – vielleicht wollte er ja vor ihnen fliehen, aye?«
Die letzten goldenen Whiskytropfen rannen mir durch die Kehle. Es war Jareds Eigenmarke, die vorletzte Flasche, und der Whisky machte dem Namen alle Ehre, den Jared ihm gegeben hatte – Ceò Gheasacach. »Zaubernebel«. Ein Stück weit wiederhergestellt, richtete ich mich weiter auf.
»Wenn er verletzt ist, sollte ich vielleicht einen Blick auf ihn werfen«, schlug ich vor und schwang die Füße aus der Koje.
So wie sich Jamie tags zuvor verhalten hatte, war ich ganz darauf eingestellt, dass er mich flach auf die Koje drücken und Marsali rufen würde, damit sie sich auf mich setzte. Stattdessen blickte er mich nachdenklich an und nickte.