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»Aye. Wenn du dir sicher bist, dass du stehen kannst, Sassenach?«

Ich war mir zwar alles andere als sicher, versuchte es aber. Das Zimmer wankte, als ich aufstand, und mir tanzten schwarze und gelbe Flecken vor den Augen, aber ich hielt mich aufrecht, indem ich mich an Jamies Arm festklammerte. Nach einigen Sekunden erklärte sich eine kleine Menge Blut widerstrebend einverstanden, in meinen Kopf zurückzufließen, und die Flecken verschwanden, so dass mir Jamies Gesicht nervös entgegenblickte.

»Also schön«, sagte ich und holte tief Luft. »Weiter.«

Der Gefangene befand sich unten an dem Ort, den die Besatzung das Orlopdeck nannte, ein Raum unter Deck, der mit diversen Frachtstücken gefüllt war. Am Bug des Schiffes war ein kleiner Verschlag abgetrennt, in dem manchmal betrunkene oder unkooperative Seemänner untergebracht wurden, und dort hatte man ihn eingesperrt.

Im Bauch des Schiffes war es dunkel, und die Luft war knapp. Ich spürte, wie mir erneut schwindelig wurde, als ich langsam hinter Jamie und dem Leuchten seiner Laterne die Leiter hinunterstieg.

Als er die Tür aufschloss, sah ich zunächst nicht das Geringste in der improvisierten Gefängniszelle. Als sich Jamie dann mit der Laterne bückte, um einzutreten, verriet der Glanz seiner Augen den Mann, ehe sich die Umrisse seines Gesichts und seiner Gestalt vor den dunklen Brettern abzuzeichnen begannen.

Kein Wunder, dass ihn Jamie für einen entlaufenen Sklaven hielt. Der Mann sah afrikanisch aus, nicht so, als wäre er hier geboren. Abgesehen vom tiefen Rotschwarz seiner Haut war auch sein Verhalten nicht das eines Mannes, der als Sklave aufgewachsen war. Er saß auf einem Fass, die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden und die Füße gefesselt, doch ich sah, wie er den Kopf hob und sich aufrichtete, als sich Jamie durch die Tür der kleinen Kammer duckte. Er war sehr dünn, aber auch sehr muskulös, und eine zerschlissene Hose war sein einziges Kleidungsstück. Seine Körperhaltung war eindeutig; er war darauf vorbereitet, anzugreifen oder sich zu verteidigen, nicht aber, sich zu ergeben.

Jamie sah es ebenfalls und winkte mir, mich abseits an der Wand zu halten. Er stellte die Laterne auf ein Fass und hockte sich auf Augenhöhe vor den Gefangenen hin.

»Amiki«, sagte er und spreizte die nach oben gewandten, leeren Hände. »Amiki. Bene-bene.« Freund. Ist gut. Es war Taki-Taki, die polyglotte Universalsprache, die die Händler von Barbados bis Trinidad in den Häfen sprachen.

Im ersten Moment starrte der Mann Jamie reglos an, die Augen still wie Gezeitentümpel. Dann zog er zuckend eine Augenbraue hoch und streckte die gefesselten Füße vor sich aus.

»Bene-bene, amiki?«, sagte er mit einem ironischen Unterton, der nicht zu überhören war, ganz gleich, in welcher Sprache. Ist gut, Freund?

Jamie schnaubte belustigt und rieb sich die Nase.

»Unrecht hat er nicht«, sagte er auf Englisch.

»Spricht er Englisch oder Französisch?« Ich trat ein wenig näher. Der Gefangene ließ den Blick kurz auf mir ruhen, dann wandte er ihn gleichgültig ab.

»Falls es so ist, gibt er das nicht zu. Picard und Fergus haben gestern Abend versucht, mit ihm zu sprechen. Er sagt kein Wort, sondern starrt sie nur an. Was er gerade gesagt hat, waren seine ersten Worte, seit er an Bord gekommen ist. ¿Habla Español?«, sagte er plötzlich zu dem Gefangenen. Es kam keine Antwort. Der Mann sah Jamie nicht einmal an; er starrte nur weiter unbeteiligt auf den offenen Eingang hinter mir.

»Äh, sprecht Ihr Deutsch?«, sagte ich zögernd. Er antwortete nicht, was auch nicht schlimm war, da mein eigenes Deutsch mit dieser Frage erschöpft war. »Holländisch vermutlich auch nicht.«

Jamie warf mir einen sardonischen Blick zu. »Ich kann zwar nicht viel über ihn sagen, Sassenach, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er kein Holländer ist.«

»Es gibt doch Sklaven auf Eleuthera, oder? Das ist eine holländische Insel«, sagte ich gereizt. »Oder St. Croix … das gehört den Dänen, nicht wahr?« So langsam mein Verstand auch arbeitete, mir war doch nicht entgangen, dass der Gefangene unser einziger Schlüssel zu den Piraten war – und die einzige zerbrechliche Verbindung zu Ian. »Sprichst du genug Taki-Taki, um ihn nach Ian zu fragen?«

Jamie schüttelte den Kopf, ohne den Blick von dem Gefangenen abzuwenden. »Nein. Abgesehen von dem, was ich schon zu ihm gesagt habe, kann ich ›nicht gut‹, ›wie viel‹, ›gib her‹ und ›loslassen, du Schuft‹ sagen, was mir im Moment alles nicht besonders hilfreich erscheint.«

Vorerst schachmatt gesetzt, starrten wir den Gefangenen an, der unsere Blicke teilnahmslos erwiderte.

»Ach, hol’s der Teufel«, sagte Jamie plötzlich. Er zog den Dolch aus seinem Gürtel, trat hinter das Fass und schnitt die Riemen an den Handgelenken des Gefangenen durch.

Die Fußfesseln durchtrennte er ebenfalls und verharrte dann in der Hocke, das Messer quer über dem Oberschenkel.

»Freund«, sagte er entschlossen auf Taki-Taki. »Ist gut?«

Der Gefangene sagte nichts, doch nach einigen Sekunden nickte er kaum merklich und ebenso argwöhnisch wie verwundert.

»In der Ecke steht ein Nachttopf«, sagte Jamie auf Englisch. Er erhob sich und steckte den Dolch wieder ein. »Benutzt ihn, dann kümmert sich meine Frau um Eure Wunden.«

Ein sehr schwaches Flackern der Belustigung huschte über das Gesicht des Mannes hinweg. Er nickte noch einmal, diesmal, um sich geschlagen zu geben. Er erhob sich langsam von dem Fass und wandte sich ab, um mit steifen Händen seine Hose zu öffnen. Ich sah Jamie fragend an.

»Es ist eins der schlimmsten Dinge daran, so gefesselt zu sein«, erklärte er sachlich. »Man kann nicht allein pinkeln.«

»Ich verstehe«, sagte ich und dachte lieber nicht darüber nach, woher er das wusste.

»Das und die Schulterschmerzen«, sagte er. »Sei vorsichtig, wenn du ihn anfasst, Sassenach.« Sein warnender Unterton war nicht zu überhören, und ich nickte. Es waren nicht die Schultern des Mannes, um die er sich sorgte.

Mir war immer noch schwindelig, und in der stickigen Umgebung hatte mein Kopf wieder zu pochen begonnen, aber ich war weniger zerschlagen als der Gefangene, dem tatsächlich »übel mitgespielt« worden war.

Jedoch schienen seine Verletzungen zum Großteil oberflächlich zu sein. Er hatte eine Beule auf der Stirn, und ein tiefer Kratzer hatte eine rötliche Kruste auf seiner Schulter zurückgelassen. Er hatte zweifellos auch diverse Prellungen, doch dank seiner bemerkenswert dunklen Hautschattierung und der finsteren Umgebung konnte ich nicht erkennen, wo.

Um seine Knöchel und Handgelenke zogen sich wunde Ringe, weil er an den Riemen gezerrt hatte. Ich hatte zwar keine Weißdornlotion mehr, aber ich hatte ein Töpfchen Enziansalbe dabei. Ich ließ mich neben ihm auf dem Deck nieder, doch er nahm von mir nicht mehr Notiz als von den Planken unter seinen Füßen, selbst als ich anfing, die kühle blaue Salbe auf seine Wunden aufzutragen.

Interessanter als die frischen Wunden waren jedoch die verheilten. Aus der Nähe konnte ich die schwachen weißen Linien dreier paralleler Schnitte sehen, die ihm über beide Wangen liefen, und drei kurze vertikale Linien auf der hohen, schmalen Stirn, genau zwischen seinen Augenbrauen. Stammesnarben. Er war also mit Sicherheit in Afrika geboren; solche Narben waren Teil der Männlichkeitsrituale, zumindest hatte mir Murphy das erzählt.

Seine Haut war warm unter meinen Fingern und glatt vom Schweiß. Auch mir war warm; ich fühlte mich verschwitzt und unwohl. Das Deck hob sich sacht unter mir, und ich legte ihm die Hand auf den Rücken, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Seine Schultern waren mit einem Netz dünner, harter Linien überzogen, verheilte Peitschenhiebe, als hätten kleine Würmer unter seiner Haut ihre Furchen gegraben. Es war ein unerwartetes Gefühl, ähnlich wie die Narben auf Jamies Rücken. Ich schluckte, weil mir mulmig wurde, doch ich setzte seine Behandlung fort.

Der Mann schenkte mir keinerlei Beachtung, selbst wenn ich Stellen berührte, von denen ich wusste, dass sie schmerzen mussten. Seine Augen waren auf Jamie geheftet, der den Gefangenen nicht minder konzentriert beobachtete.