Das Problem lag auf der Hand. Der Mann war mit ziemlicher Sicherheit ein entlaufener Sklave. Er hatte nicht mit uns sprechen wollen, weil er Angst hatte, dass sein Dialekt die Insel seines Besitzers verraten würde und wir diesen ausfindig machen und ihn wieder zurück in die Gefangenschaft schicken würden.
Jetzt, da wir wussten, dass er Englisch sprach – oder es zumindest verstand –, würde sein Argwohn zwangsweise noch zunehmen. Selbst wenn wir ihm noch so sehr versicherten, dass wir weder vorhatten, ihn seinem Besitzer zurückzugeben, noch ihn selbst zu versklaven, würde er uns kaum vertrauen. Unter den Umständen konnte ich nicht sagen, dass ich ihm das verübelte.
Andererseits stellte dieser Mann unsere beste – und möglicherweise die einzige – Chance dar, herauszufinden, was an Bord der Bruja mit Ian Murray geschehen war.
Als ich ihm schließlich die Handgelenke und die Knöchel verbunden hatte, half mir Jamie auf, indem er mir die Hand reichte, dann sprach er den Gefangenen an.
»Ich nehme an, Ihr habt Hunger«, sagte er. »Kommt mit in die Kajüte, dann essen wir etwas.« Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er meinen unverletzten Arm und wandte sich der Tür zu. Hinter uns herrschte Stille, als wir in den Korridor traten, doch als ich mich umblickte, war der Sklave da und folgte ein kleines Stück hinter uns.
Jamie führte uns in meine Kajüte, ohne die neugierigen Blicke der Seeleute zu beachten, an denen wir vorüberkamen. Er blieb nur kurz bei Fergus stehen, um uns etwas zu essen aus der Kombüse schicken zu lassen.
»Ab ins Bett mit dir, Sassenach«, sagte er entschlossen, als wir die Kajüte erreichten. Ich widersprach ihm nicht. Mein Arm schmerzte, mein Kopf schmerzte, und ich konnte kleine Hitzewellen hinter meinen Augen flackern spüren. Es sah ganz danach aus, als müsste ich mich meinem Schicksal fügen und doch ein wenig meines kostbaren Penizillins selbst benutzen. Noch bestand die Chance, dass mein Körper die Entzündung selbst besiegen konnte, aber ich konnte es mir nicht erlauben, zu lange zu warten.
Jamie hatte ein Glas Whisky für mich eingeschenkt und ein weiteres für unseren Gast. Immer noch argwöhnisch, nahm der Mann es an, trank einen Schluck und riss vor Überraschung die Augen auf. Ich ging davon aus, dass schottischer Whisky etwas Neues für ihn war.
Jamie nahm sich ebenfalls ein Glas, setzte sich und wies dem Sklaven den Stuhl auf der anderen Seite des kleinen Tischs an.
»Mein Name ist Fraser«, sagte er. »Ich bin hier Kapitän. Meine Frau«, fügte er hinzu und wies kopfnickend auf meine Koje.
Der Gefangene zögerte, doch dann setzte er entschlossen sein Glas ab.
»Man nennt mich Ishmael«, sagte er mit einer Stimme wie Honig, der über Kohlen fließt. »Kein Pirat. Ich bin Koch.«
»Das wird Murphy gefallen«, stellte ich fest, aber Jamie ignorierte mich. Er hatte eine kleine Falte zwischen den roten Augenbrauen, während er sich jetzt in das Gespräch vortastete.
»Ein Schiffskoch?«, fragte er, um einen beiläufigen Ton bemüht. Einzig das Pochen seiner Finger auf seinem Oberschenkel verriet ihn – und das auch nur an mich.
»Nein, Mann, hab nichts mit diesem Schiff zu tun!«, sagte Ishmael vehement. »Männer mich vom Ufer geholt, gesagt, bringen mich um, gehe ich nicht mit. Bin kein Pirat!«, wiederholte er, und mir dämmerte etwas verspätet, dass er natürlich nicht für einen Piraten gehalten werden wollte – ob er einer war oder nicht. Auf Piraterie stand der Galgen, und er konnte ja nicht wissen, dass wir nicht weniger als er daran interessiert waren, uns von der Königlichen Marine fernzuhalten.
»Aye, ich verstehe.« Jamie traf genau die richtige Mischung aus Beruhigung und Skepsis. Er lehnte sich ein wenig in dem hohen Lehnstuhl zurück. »Und wie ist es dann gekommen, dass Euch die Bruja gefangen genommen hat? Nicht wo«, fügte er hinzu, als ein erschrockener Ausdruck über das Gesicht des Sklaven hinweghuschte.
»Ihr braucht mir nicht zu sagen, woher Ihr kommt; das interessiert mich nicht. Ich wüsste nur gern, wie Ihr ihnen in die Hände gefallen seid und wie lange Ihr mit ihnen unterwegs gewesen seid. Da Ihr ja, wie Ihr sagt, nicht zu ihnen gehört.« Der Wink war unüberhörbar. Wir hatten nicht vor, ihn seinem Besitzer zurückzugeben; wenn er uns allerdings nicht antwortete, würden wir ihn vielleicht einfach als Piraten an die Krone ausliefern.
Der Blick des Gefangenen verfinsterte sich; er war kein Dummkopf und hatte sofort verstanden. Sein Kopf zuckte kurz zur Seite, und er kniff die Augen zusammen.
»Am Fluss geangelt«, sagte er. »Großes Schiff kommt langsam über Fluss, kleine Boote ziehen. Männer in kleinem Boot mich sehen und rufen. Ich lasse Fisch fallen, laufe weg, aber sie sehr nah. Männer springen heraus, fangen, wollen mitnehmen und verkaufen. Das ist alles, Mann.« Er zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, dass es nicht mehr zu erzählen gab.
»Aye, ich verstehe.« Jamies Blick war ganz auf den Gefangenen konzentriert. Er zögerte, weil er gern gefragt hätte, wo sich dieser Fluss befand, es aber nicht wagte, weil er Angst hatte, der Mann würde wieder in Schweigen verfallen. »Auf dem Schiff – habt Ihr da vielleicht Jungen gesehen, unter der Besatzung oder auch als Gefangene? Jungen, junge Männer?«
Die Augen des Mannes weiteten sich ein wenig; das hatte er nicht erwartet. Er hielt argwöhnisch inne, nickte dann aber mit einem etwas verächtlichen Glitzern in den Augen.
»Ja, Mann, sie haben Jungen. Warum? Wollt Ihr haben?« Sein Blick huschte zu mir und dann wieder zu Jamie, und er zog die Augenbraue hoch.
Jamies Kopf fuhr auf, und seine Wangen erröteten angesichts der unverhohlenen Andeutung.
»Ja«, sagte er gleichmütig. »Ich suche nach einem jungen Verwandten, der von Piraten entführt wurde. Ich wäre jedem, der mir behilflich wäre, ihn zu finden, zu großem Dank verpflichtet.« Er zog vielsagend die Augenbraue hoch.
Der Gefangene grunzte leise, und seine Nasenlöcher weiteten sich.
»Ach ja? Was tun für mich, helfe ich zu finden diese Junge?«
»Ich würde Euch in einem Hafen Eurer Wahl an Land setzen und Euch eine anständige Summe in Gold mitgeben«, erwiderte Jamie. »Aber erst würde ich natürlich einen Beweis benötigen, dass Ihr tatsächlich wisst, wo sich mein Neffe befindet.«
»Hah.« Der Gefangene war immer noch argwöhnisch, begann aber, sich zu entspannen. »Sag, Mann – was das für ein Junge?«
Jamie zögerte einen Moment und betrachtete den Gefangenen, doch dann schüttelte er den Kopf.
»Nein«, sagte er nachdenklich. »Ich glaube, so geht das nicht. Ihr beschreibt mir die Jungen, die Ihr auf dem Piratenschiff gesehen habt.«
Der Gefangene betrachtete Jamie einen Moment, dann brach er in tiefes, glucksendes Gelächter aus.
»Kein Dummkopf, Mann«, sagte er. »Weiß?«
»Ich weiß«, sagte Jamie trocken. »Solange Ihr es auch wisst. Also erzählt es mir.«
Ishmael schnaubte flüchtig, doch er leistete Jamies Anweisung Folge und hielt nur inne, um sich eine Stärkung von dem Essenstablett zu nehmen, das uns Fergus brachte. Fergus selbst lehnte sich an die Tür und beobachtete den Gefangenen mit halb geschlossenen Augen.
»Zwölf Junge reden seltsam wie Ihr.«
Jamies Augenbrauen fuhren in die Höhe, und er wechselte einen erstaunten Blick mit mir. Zwölf?
»Wie ich?«, sagte er. »Weiße Jungen, englisch? Oder meint Ihr schottisch?«
Ishmael schüttelte verständnislos den Kopf; »schottisch« gehörte nicht zu seinem Vokabular.
»Reden wie Hunde im Streit«, erklärte er. »Grrr! Wuff!« Er knurrte und schüttelte zur Illustration den Kopf wie ein Hund, der eine Ratte tötet, und ich sah, wie Fergus’ Schultern vor unterdrückter Heiterkeit erbebten.
»Eindeutig Schotten«, sagte ich und gab mir Mühe, nicht zu lachen. Jamie warf mir flüchtig einen bösen Blick zu, dann richtete er sein Augenmerk wieder auf Ishmael.