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»Also schön«, sagte er und übertrieb seinen normalen sanften Akzent ein wenig. »Zwölf schottische Jungen. Wie haben sie ausgesehen?«

Ishmael blinzelte skeptisch und kaute an einem Stück Mango von dem Tablett. Er wischte sich den Saft aus dem Mundwinkel und schüttelte den Kopf.

»Ich sie nur einmal sehe, Mann. Sage alles, was ich sehe.« Er schloss die Augen und runzelte die Stirn, so dass die senkrechten Linien dicht zusammenrückten.

»Vier Junge blond, sechs braun, zwei schwarze Haare. Zwei kleiner als ich, einer groß wie der griffone hier«, er wies kopfnickend auf Fergus, der bei der Beleidigung erstarrte, »einer groß, nicht groß wie Ihr …«

»Aye, und wie waren sie gekleidet?« Langsam, sorgsam ließ sich Jamie alles beschreiben, fragte nach Einzelheiten, verlangte Vergleiche – Wie groß? Wie dick? Welche Augenfarbe? –, während er darauf achtete, sich nicht anmerken zu lassen, was ihn interessierte, während er den Mann immer tiefer in das Gespräch hineinzog.

Mein Kopf hatte zwar aufgehört, sich zu drehen, doch die Erschöpfung lag unvermindert schwer auf meinen Sinnen. Ich ließ meine Augen zufallen, obskur getröstet von den tiefen, murmelnden Stimmen. Mit seinem leise knurrenden Grollen und den abrupten, abgehackten Konsonanten klang Jamie tatsächlich wie ein großer, grimmiger Hund.

»Wuff«, murmelte ich, und meine Bauchmuskeln bebten leise unter meinen verschränkten Händen.

Ishmaels Stimme war genauso tief, aber glatt und leise und satt wie heiße Schokolade mit Sahne. Eingelullt von ihrem Klang, begann ich abzudriften.

Er klang wie Joe Abernathy, dachte ich verschlafen, wenn er einen Autopsiebericht diktierte – unbeschönigte, unappetitliche körperliche Einzelheiten, aufgezählt von einer Stimme, die an ein tiefgoldenes Schlaflied denken ließ.

Ich konnte Joes Hand vor meinem inneren Auge sehen, wie sie dunkel über die bleiche Haut eines betagten Opfers huschte, während er seine Notizen auf Band aufnahm.

»Der Verstorbene ist ein hochgewachsener Mann, etwa einen Meter achtzig groß und von schlankem Körperbau …«

Ein hochgewachsener Mann, schlank.

»– dieser groß, schlank …«

Ich erwachte plötzlich mit hämmerndem Herzen und hörte Joes Stimme keine zwei Meter entfernt vom Tisch kommen.

»Nein!«, sagte ich ganz plötzlich, und alle drei Männer hielten inne und blickten mich überrascht an. Ich schob das Gewicht meines feuchten Haars von mir und winkte ihnen schwach zu.

»Beachtet mich einfach nicht; ich glaube, ich habe geträumt.«

Sie widmeten sich wieder ihrem Gespräch, und ich lag still. Ich hatte die Augen halb geschlossen, doch ich war nicht länger schläfrig.

Es gab keine körperlichen Ähnlichkeiten. Joe war kräftig wie ein Bär; dieser Ishmael schlank und sehnig, obwohl die Rundung der Muskeln auf seiner Schulter von beträchtlicher Kraft zeugte.

Joes Gesicht war breit und liebenswürdig; das Gesicht dieses Mannes schmal und argwöhnisch mit einer hohen Stirn, die seine Stammesnarben noch deutlicher hervorstechen ließ. Joes Haut hatte die Farbe frischen Kaffees, Ishmaels das tiefe Rot-Schwarz einer glühenden Kohle, laut Stern ein Charakteristikum der Sklaven von der Küste Guineas – nicht so kostspielig wie die blauschwarzen Senegalesen, aber wertvoller als die gelbbraunen Yaga und Kongolesen.

Aber wenn ich die Augen vollständig schloss, konnte ich Joes Stimme sprechen hören, trotz des schwachen karibischen Singsangs des Sklaven-Englischs. Ich öffnete die Augenlider einen Spalt und suchte nach Ähnlichkeiten. Es gab keine, doch unter den vielen Narben und Markierungen auf dem kampferprobten Oberkörper des Mannes sah ich etwas, was ich zuvor zwar gesehen, aber nicht registriert hatte. Was ich nur für einen Kratzer gehalten hatte, war tatsächlich eine tiefe Abschürfung über einer breiten, flachen Narbe, die just unterhalb der Schulter in Form eines groben Quadrats herausgeschnitten worden war. Ich hätte es sofort sehen sollen, doch im Orlopdeck war es zu dunkel gewesen, und auch jetzt war die Stelle durch die Abschürfung gut getarnt.

Ich lag vollkommen reglos da und versuchte, mich zu erinnern. »Kein Sklavenname«, hatte Joe verächtlich über den selbstgewählten Namen seines Sohnes gesagt. Ishmael hatte sich eindeutig ein Brandzeichen herausgeschnitten, um zu verhindern, dass man ihn identifizierte, falls er wieder eingefangen wurde. Aber wessen Brandzeichen? Und der Name Ishmael war doch gewiss nicht mehr als ein Zufall?

Vielleicht jedoch kein sehr weit hergeholter; »Ishmael« war mit Sicherheit nicht der richtige Name des Mannes. »Man nennt mich Ishmael«, hatte er gesagt. Auch das war ein Sklavenname, den ihm der eine oder andere Besitzer gegeben hatte. Und wenn der gute Lenny am Stammbaum seiner Familie in die Höhe geklettert war, wie es ja den Anschein hatte, was war dann wahrscheinlicher, als dass er symbolisch den Namen eines seiner Vorfahren gewählt hatte. Wenn. Aber wenn es so war …

Ich blickte zur klaustrophobischen Decke der Koje auf, und die Vermutungen kreiselten mir durch den Kopf. Ob es eine Verbindung zwischen diesem Mann und Joe gab oder nicht, die Möglichkeit hatte mich auf einen Gedanken gebracht.

Jamie befragte den Mann jetzt nach dem Personal und der Konstruktion der Bruja – denn sie war es tatsächlich gewesen, die uns angegriffen hatte –, doch ich hörte ihm nicht zu. Ich setzte mich vorsichtig auf, um das Schwindelgefühl nicht zu verschlimmern, und gab Fergus ein Zeichen.

»Ich brauche frische Luft«, sagte ich. »Hilf mir nach oben an Deck, ja?« Jamie sah mich mit einer Spur von Sorge an, doch ich lächelte ihm beruhigend zu und nahm Fergus beim Arm.

»Wo sind die Papiere für diesen Sklaven, den wir auf Barbados gekauft haben?«, wollte ich wissen, sobald wir außer Hörweite der Kajüte waren. »Und wo ist eigentlich der Sklave?«

Fergus blickte mich neugierig an, durchsuchte aber bereitwillig seinen Rock.

»Ich habe die Papiere hier, Milady«, sagte er und reichte sie mir. »Was den Sklaven betrifft, ich glaube, er ist im Quartier der Besatzung. Warum?«, fügte er hinzu, weil er seine Neugier nicht zügeln konnte.

Ich ignorierte seine Frage und blätterte die schmuddeligen, abstoßenden Papiere durch.

»Da ist es ja«, sagte ich, als ich die Stelle fand, die Jamie mir vorgelesen hatte. »Abernathy! Es war Abernathy! Trägt ein Brandzeichen in Form einer Lilie auf der linken Schulter. Ist dir dieses Brandzeichen aufgefallen, Fergus?«

Er schüttelte den Kopf und sah etwas verwundert aus.

»Nein, Milady.«

»Dann komm mit mir«, sagte ich und steuerte auf das Quartier der Besatzung zu. »Ich will sehen, wie groß es ist.«

Das Brandzeichen war knapp neun Zentimeter lang und ebenso breit; eine Blume auf dem Buchstaben »A«, ein paar Zentimeter unterhalb der Schulter in die Haut eingebrannt. Es hatte die richtige Größe und befand sich an der richtigen Stelle, um zu der Narbe auf der Brust des Sklaven Ishmael zu passen. Allerdings war es keine Lilie; das war ein Fehler eines achtlosen Schreibers gewesen. Es war eine Rose mit sechzehn Blütenblättern – das jakobitische Emblem Charles Stuarts. Ich blinzelte es erstaunt an; welcher Patriot im Exil mochte diese bizarre Methode gewählt haben, seiner fortwährenden Treue zu den besiegten Stuarts Ausdruck zu verleihen?

»Milady, ich glaube, Ihr solltet wieder ins Bett gehen«, sagte Fergus. Er blickte mich stirnrunzelnd an, während ich mich über Temeraire beugte, der diese Betrachtung genauso stoisch über sich ergehen ließ wie alles andere auch. »Ihr habt die Farbe von Gänseexkrementen, und es wird Milord gar nicht gefallen, wenn ich zulasse, dass Ihr an Deck zusammenbrecht.«

»Ich breche nicht zusammen«, beruhigte ich ihn. »Und meine Gesichtsfarbe interessiert mich nicht. Ich glaube, wir haben eine Glückssträhne erwischt. Hör zu, Fergus, ich möchte, dass du etwas für mich tust.«

»Alles, Milady«, sagte er und packte mich beim Ellbogen, als mich ein Wechsel der Windrichtung über das plötzlich wankende Deck holpern ließ. »Aber erst«, fügte er entschlossen hinzu, »wenn Ihr wieder heil im Bett liegt.«