Ich ließ mich von ihm zurück in die Kajüte führen, denn ich fühlte mich tatsächlich nicht gut, doch zuvor erteilte ich ihm meine Anweisungen. Als wir die Kajüte betraten, erhob sich Jamie vom Tisch, um uns zu empfangen.
»Da bist du ja, Sassenach! Geht es dir gut?«, fragte er und blickte stirnrunzelnd auf mich herunter. »Du siehst aus wie ein verdorbener Pudding.«
»Es geht mir bestens«, sagte ich zähneknirschend und ließ mich in die Koje sinken, um mir nicht den Arm zu stoßen. »Habt ihr eure Unterhaltung beendet, du und Mr. Ishmael?«
Jamie sah den Gefangenen an, und ich sah den ausdruckslosen schwarzen Blick, der dem seinen folgte. Die Atmosphäre zwischen ihnen war zwar nicht feindselig, aber sie war irgendwie geladen. Jamie nickte.
»Wir sind fertig – vorerst«, sagte er. Er wandte sich an Fergus. »Bring unseren Gast nach unten, Fergus, ja?, und sorge dafür, dass er Kleider und etwas zu essen bekommt.« Er blieb stehen, bis Ishmael in Fergus’ Begleitung gegangen war. Dann setzte er sich neben meine Koje und blinzelte zu mir ins Zwielicht.
»Du siehst furchtbar aus«, sagte er. »Soll ich deine Truhe holen und dir irgendeinen Trank verabreichen?«
»Nein«, sagte ich. »Hör zu, Jamie – ich glaube, ich weiß, woher unser Freund Ishmael gekommen ist.«
Er zog eine Augenbraue hoch.
»Ach ja?«
Ich erzählte ihm von Ishmaels Narbe und dem beinahe identischen Brandzeichen des Sklaven Temeraire, ohne jedoch zu erwähnen, was mich auf die Idee gebracht hatte.
»Ich wette, dass sie von derselben Plantage gekommen sind – von dieser Mrs. Abernathy auf Jamaica«, sagte ich.
»Nun, du könntest recht haben, Sassenach, und ich hoffe es. Der durchtriebene schwarze Schuft wollte nicht sagen, woher er kommt. Nicht, dass ich ihm das verdenken kann«, fügte er gerechterweise hinzu. »Gott, wenn ich einem solchen Leben entronnen wäre, bekäme mich keine Macht der Erde dorthin zurück!«, sagte er mit überraschender Vehemenz.
»Nein, ich würde es ihm auch nicht verdenken«, sagte ich. »Aber was hat er dir über die Jungen erzählt? Hat er Ian gesehen?«
Die Falten in seinem Gesicht glätteten sich.
»Aye, ich bin mir beinahe sicher.« Ungeduldig ballte er die Hand auf seinem Knie zur Faust. »Zwei der Jungen, die er beschrieben hat, könnten Ian sein. Und wenn du recht hast, was seine Herkunft betrifft, Sassenach, ist es möglich, dass wir ihn haben – dass wir ihn endlich finden!« Ishmael hatte sich zwar geweigert, auch nur anzudeuten, wo ihn die Bruja aufgelesen hatte, aber hatte sich dazu durchgerungen zu sagen, dass die zwölf Jungen – alles Gefangene – bald nach seiner Festnahme gemeinsam vom Schiff gebracht worden waren.
»Zwölf Jungen«, wiederholte Jamie, und wieder machte seine Erregung einem Stirnrunzeln Platz. »Was in Gottes Namen könnte jemand mit zwölf entführten Jungen aus Schottland wollen?«
»Vielleicht ist es ein Sammler«, sagte ich, und mir wurde mit jeder Sekunde mulmiger. »Münzen, Edelsteine und schottische Jungen.«
»Du meinst, wer auch immer Ian hat, hat auch den Schatz?« Er blickte mich neugierig an.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich und fühlte mich plötzlich sehr müde. Ich gähnte herzhaft. »Aber vielleicht bekommen wir ja eine Antwort, was Ishmael betrifft. Ich habe Fergus gesagt, er soll dafür sorgen, dass Temeraire ihn zu Gesicht bekommt. Wenn sie vom selben Ort stammen …« Wieder gähnte ich, denn mein Körper verlangte nach dem Sauerstoff, den mir der Blutverlust geraubt hatte.
»Das ist sehr vernünftig von dir«, sagte Jamie und klang ein wenig überrascht, dass ich zu vernünftigen Überlegungen imstande war. Allerdings überraschte mich das selbst ein wenig; meine Gedanken zerfielen zunehmend in Bruchstücke, und es kostete mich große Mühe, mich weiter logisch auszudrücken.
Jamie sah das; er tätschelte mir die Hand und stand auf.
»Mach dir jetzt keine Gedanken mehr, Sassenach. Ruh dich aus, und Marsali soll dir Tee bringen.«
»Whisky«, sagte ich, und er lachte.
»Also schön, Whisky«, stimmte er zu. Er strich mir das Haar zurück, beugte sich in die Koje und küsste mich auf die heiße Stirn.
»Besser?«, fragte er und lächelte.
»Viel besser.« Ich erwiderte das Lächeln und schloss die Augen.
Kapitel 56
Schildkrötensuppe
Als ich am späten Nachmittag wieder erwachte, hatte ich Schmerzen am ganzen Körper. Ich hatte im Schlaf die Decken von mir geworfen und lag im Hemd auf dem Rücken. Meine Haut war heiß und trocken in der milden Luft. Mein Arm schmerzte fürchterlich, und ich konnte Mr. Willoughbys dreiundvierzig elegante Stiche einzeln spüren, als hätte ich heiße Sicherheitsnadeln in der Haut stecken.
Es war nicht zu ändern; ich würde das Penizillin benutzen müssen. Ich mochte ja immun gegen Pocken, Typhus und die Grippe des achtzehnten Jahrhunderts sein, aber ich war nicht unsterblich, und der Himmel allein wusste, mit was für unhygienischen Substanzen der Portugiese sein Entermesser in Berührung gebracht hatte, ehe er es bei mir benutzte.
Der kurze Weg zu dem Schrank mit meinen Kleidern löste heftigen Schüttelfrost aus, und ich musste mich abrupt hinsetzen, um nicht hinzufallen, den Rock an meine Brust geklammert.
»Sassenach! Geht es dir gut?« Jamie steckte mit besorgter Miene den Kopf durch die niedrige Tür.
»Nein«, sagte ich. »Komm einen Moment herein, ja? Du musst etwas für mich tun.«
»Wein? Ein Plätzchen? Murphy hat extra ein Süppchen für dich gekocht.« Er war sofort an meiner Seite und legte mir den Handrücken an die errötete Wange. »Gott, du brennst ja!«
»Ja, ich weiß«, sagte ich. »Aber mach dir keine Sorgen; ich habe ein Mittel dagegen.«
Ich kramte mit einer Hand in meiner Rocktasche und zog die Schatulle mit den Spritzen und Ampullen heraus. Mein rechter Arm war so wund, dass ich mir bei jeder Bewegung auf die Zähne beißen musste.
»Du bist dran«, sagte ich ironisch und schob die Schatulle über den Tisch auf ihn zu. »Hier ist deine Chance, dich zu rächen, wenn du willst.«
Verständnislos richtete er den Blick erst auf die Schatulle, dann auf mich.
»Was?«, sagte er. »Du willst, dass ich dich mit einem von diesen Dornen steche?«
»Ich wünschte, du würdest es nicht so ausdrücken, aber ja«, sagte ich.
»In den Hintern?« Seine Lippen zuckten.
»Ja, verdammt!«
Er sah mich einen Moment an, und sein Mundwinkel verzog sich nach oben. Dann beugte er den Kopf über die Schatulle, und sein rotes Haar leuchtete in dem Sonnenstrahl auf, der durch das Fenster fiel.
»Dann sag mir, was ich tun soll«, sagte er.
Ich wies ihn sorgfältig an und erklärte ihm, wie er die Spritze vorbereiten und füllen musste, dann nahm ich sie selbst unbeholfen in die linke Hand, um sie auf Luftbläschen zu überprüfen. Als ich sie ihm schließlich zurückgegeben und mich auf der Koje zurechtgelegt hatte, fand er die Situation nicht einmal mehr ansatzweise komisch.
»Bist du sicher, dass ich es tun soll?«, fragte er skeptisch. »Ich bin kein besonders guter Handarbeiter.«
Da musste ich trotz meines pochenden Arms lachen. Ich hatte ihn schon alles mit seinen Händen tun sehen – ob er Fohlen zur Welt brachte, eine Mauer baute, einen Hirsch häutete oder Type setzte, seine Finger waren immer leicht und geschickt.
»Nun, aye«, sagte er, als ich das zu ihm sagte. »Aber das ist nicht ganz dasselbe, oder? Ich habe höchstens schon einmal einem Mann den Dolch in den Bauch gerammt, und der Gedanke, dir so etwas anzutun, ist ein wenig seltsam, Sassenach.«
Ich blickte mich nach ihm um und sah ihn skeptisch auf seiner Unterlippe kauen, den brandygetränkten Baumwollbausch in der einen Hand, die Spritze mit großer Vorsicht in der anderen.
»Hör zu«, sagte ich. »Ich habe es bei dir auch gemacht. So schlimm war es doch gar nicht, oder?« Allmählich machte er mich furchtbar nervös.