»Mmpfm.« Er presste die Lippen aufeinander, kniete sich neben das Bett und wischte mir sanft mit dem kühlen, feuchten Bausch über eine Stelle auf meinem Hintern. »Ist es so richtig?«
»Gut. Du musst die Spitze etwas schräg ansetzen, nicht gerade – siehst du, wie die Spitze der Kanüle im Winkel zugeschnitten ist? Drücke sie einen knappen Zentimeter tief hinein – keine Angst vor dem Zustoßen; es ist schwerer, als du denkst, durch die Haut zu dringen –, und dann drückst du ganz langsam zu, nur nicht zu schnell.«
Ich schloss die Augen und wartete. Nach ein paar Sekunden öffnete ich sie wieder und blickte hinter mich. Er war bleich, und ein feiner Schweißfilm schimmerte auf seinen Wangen.
»Ach, zum Kuckuck.« Ich hievte mich zum Sitzen hoch und kämpfte das Schwindelgefühl nieder. »Gib das her.« Ich riss ihm den Bausch aus der Hand und wischte damit über eine Stelle hoch auf meinem Oberschenkel. Meine Hand zitterte vom Fieber.
»Aber …«
»Still jetzt!« Ich nahm die Spritze, zielte, so gut ich es mit der linken Hand konnte, und stieß sie in den Muskel. Es tat weh. Es tat noch mehr weh, als ich zudrückte, und mein Daumen rutschte ab.
Dann waren Jamies Hände da, eine, um mein Bein ruhig zu halten, die andere an der Spritze, und er drückte langsam zu, bis der letzte Tropfen der weißen Flüssigkeit aus dem Kolben verschwunden war. Ich holte schnell und inbrünstig Luft, als er die Nadel wieder herauszog.
»Danke«, sagte ich nach einigen Sekunden.
»Es tut mir leid«, sagte er kurz darauf leise. Seine Hand legte sich in meinen Rücken und half mir zum Liegen hinunter.
»Schon gut.« Meine Augen waren geschlossen, und auf der Innenseite meiner Augenlider zeichneten sich kleine bunte Muster ab. Sie erinnerten mich an das Innenfutter eines Puppenköfferchens, das ich als Kind gehabt hatte, silberne und rosa Sternchen auf dunklem Hintergrund. »Ich hatte vergessen, wie schwer es die ersten paar Male ist. Vermutlich ist es leichter, jemanden mit einem Dolch zu durchbohren«, fügte ich hinzu. »Zumindest machst du dir keine Gedanken darüber, wie du es vermeidest, demjenigen Schmerzen zuzufügen.«
Er sagte nichts, sondern atmete kräftig durch die Nase aus. Ich konnte hören, wie er sich im Zimmer bewegte, um die Schatulle mit den Spritzen fortzuräumen und meinen Rock wieder aufzuhängen. Ich spürte die Injektionsstelle wie einen Knoten unter meiner Haut.
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich habe es nicht so gemeint.«
»Das solltest du aber«, sagte er gleichmütig. »Es ist einfacher, jemanden umzubringen, um sich selbst zu retten, als jemandem Schmerzen zuzufügen, um ihm das Leben zu retten. Du bist um einiges tapferer als ich, und es macht mir nichts aus, es aus deinem Mund zu hören.«
Ich öffnete die Augen und sah ihn an.
»Das glaubst du doch selber nicht.«
Er blickte mit zusammengekniffenen Augen auf mich hinunter. Sein Mundwinkel verzog sich nach oben.
»Das glaube ich selber nicht«, pflichtete er mir bei.
Ich lachte, doch das war nicht gut für meinen Arm.
»Ich bin nicht tapferer als du, du bist nicht gedankenlos, und ich habe es wirklich nicht so gemeint«, sagte ich und schloss die Augen wieder.
»Mmpfm.«
Oben auf dem Deck konnte ich Schritte poltern hören und Mr. Warrens Stimme, die sich in organisierter Ungeduld erhob. In der Nacht hatten wir Great Abaco und Eleuthera passiert und hielten jetzt mit Rückenwind südwärts auf Jamaica zu.
»Ich würde es nicht riskieren, dass man auf mich schießt und auf mich einhackt, dass man mich festnimmt und hängt, wenn ich die Wahl hätte«, sagte ich.
»Ich auch nicht«, sagte er trocken.
»Aber du …«, begann ich, dann hielt ich inne. Ich blickte ihn neugierig an. »Du denkst das wirklich«, sagte ich langsam. »Dass du keine Wahl hast. Nicht wahr?«
Er stand leicht von mir abgewandt, den Blick auf die Luke geheftet. Die Sonne schien ihm auf den langen, geraden Nasenrücken, und er rieb langsam mit einem Finger daran auf und ab. Seine breiten Schultern hoben sich ein wenig und sackten wieder zusammen.
»Ich bin ein Mann, Sassenach«, sagte er leise. »Wenn ich das Gefühl hätte, ich hätte die Wahl … dann könnte ich es vielleicht gar nicht. Man braucht viel weniger Courage, wenn man so oder so nichts an einer Situation ändern kann, aye?« Dann sah er mich an und lächelte schwach. »Wie eine Frau bei der Geburt, aye? Man muss es tun, und es ändert nichts, wenn man Angst hat – man tut es. Mut braucht man nur, wenn man weiß, dass man nein sagen kann.«
Ich lag eine Weile still und beobachtete ihn. Er saß mit geschlossenen Augen zurückgelehnt auf dem Stuhl, und die Art, wie ihm die langen, rotbraunen Wimpern auf den Wangen lagen, erinnerte mich absurd an ein Kind. Sie bildeten einen seltsamen Kontrast zu den Ringen unter seinen Augen und den ausgeprägteren Falten in den Augenwinkeln. Er war müde; er hatte kaum geschlafen, seit das Piratenschiff in Sicht gekommen war.
»Ich habe dir noch nicht von Graham Menzies erzählt, oder?«, sagte ich schließlich. Die blauen Augen öffneten sich sofort.
»Nein. Wer war das?«
»Ein Patient. Im Krankenhaus in Boston.«
Graham war Ende sechzig gewesen, als ich ihn kennenlernte; ein schottischer Immigrant, der seinen Akzent auch nach fast vierzig Jahren in Boston nicht verloren hatte. Er war Fischer, zumindest war er es gewesen; als ich ihn kennenlernte, besaß er mehrere Hummerkutter und ließ andere für sich fischen.
Er erinnerte sehr an die schottischen Soldaten, die ich in Prestonpans und Falkirk erlebt hatte; stoisch und humorvoll zugleich, und wenn etwas zu schmerzhaft war, um es schweigend zu ertragen, machte er Witze darüber.
»Passen Sie ja gut auf, Kleine«, war das Letzte, was er zu mir sagte, während ich zusah, wie der Anästhesist ihm die Infusion legte, die ihn versorgen würde, während ich ihm das vom Krebs zerfressene linke Bein amputierte. »Passen Sie auf, dass Sie mir auch das richtige abnehmen.«
»Keine Sorge«, versicherte ich ihm und tätschelte die wettergegerbte Hand, die auf dem Laken lag. »Ich mache das schon.«
Die Amputation war gut verlaufen, und Graham hatte sich erholt und war entlassen worden, aber ich war eigentlich nicht überrascht gewesen, ihn sechs Monate später wiederzusehen. Der Laborbericht über den ursprünglichen Tumor war nicht eindeutig gewesen, und nun bestätigten sich die Zweifel; Metastasen in den Lymphknoten der Leiste.
Ich entfernte die befallenen Lymphknoten. Er wurde mit Kobalt bestrahlt. Ich entfernte ihm die Milz, als es sich dorthin ausbreitete. Mir war völlig klar, dass die Operation vollkommen vergeblich war, aber ich wollte nicht aufgeben.
»Es ist um einiges leichter, nicht aufzugeben, wenn man nicht selbst der Kranke ist«, sagte ich und blickte an die Holzdecke hinauf.
»Und hat er aufgegeben?«, fragte Jamie.
»Ganz so würde ich es, glaube ich, nicht bezeichnen.«
»Ich habe nachgedacht«, verkündete Graham. Der Klang seiner Stimme hallte blechern durch die Hörer meines Stethoskops.
»Ach ja?«, sagte ich. »Bitte denken Sie nicht laut, bis ich hier fertig bin, danke.«
Er lachte prustend auf, lag aber still, während ich seine Brust auskultierte und die Scheibe des Stethoskops rasch von den Rippen bis zum Brustbein bewegte.
»Also schön«, sagte ich schließlich. Ich nahm mir die Hörer aus den Ohren und ließ mir die Schläuche über die Schultern fallen. »Worüber haben Sie denn nachgedacht?«
»Über Selbstmord.«
Seine Augen blickten mich direkt an, und es lag ein Hauch von Herausforderung darin. Ich blickte mich sorgfältig um, um sicherzugehen, dass die Schwester auch wirklich gegangen war, dann zog ich den blauen Plastikstuhl aus der Besucherecke heran und setzte mich neben ihn.
»Wird der Schmerz zu stark?«, fragte ich. »Dagegen können wir etwas tun. Sie brauchen nur zu fragen.« Ich sprach diesen Satz nur zögernd aus; er hatte noch nie danach gefragt. Obwohl es nicht zu übersehen war, dass er Medikamente brauchte, erwähnte er mit keinem Wort, dass er litt. Es jetzt meinerseits zu tun, erschien mir wie ein Eindringen in seine Privatsphäre; ich sah, wie sich seine Mundwinkel kaum merklich anspannten.