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»Ich habe eine Tochter«, sagte er. »Und zwei Enkelsöhne; liebe Jungen. Aber das habe ich ganz vergessen; Sie haben sie ja letzte Woche gesehen, aye?«

So war es. Sie kamen ihn mindestens zweimal in der Woche besuchen und brachten ihrem Großvater ihre Klassenarbeiten oder ihre signierten Basebälle mit, um sie ihm zu zeigen.

»Dann ist da meine Mutter, die in Canterbury im Altersheim lebt«, sagte er nachdenklich. »Das Heim ist furchtbar teuer, aber es ist sauber, und sie kochen so gut, dass sie ihren Spaß daran hat, sich beim Essen darüber zu beschweren.«

Er warf einen leidenschaftslosen Blick auf die flache Bettdecke und hob seinen Beinstumpf.

»Noch einen Monat, was meinen Sie? Vier? Drei?«

»Vielleicht drei«, sagte ich. »Mit etwas Glück«, fügte ich idiotischerweise hinzu.

Er schnaubte verächtlich und wies mit einem Ruck seines Kopfes auf die Infusion über ihm.

»Pah! Diese Art Glück würde ich nun wirklich niemandem wünschen.« Er betrachtete die Geräte, die ihn umgaben; die Beatmungsmaschine, den blinkenden Herzmonitor, das ganze Aufgebot medizinischer Technologie. »Es kostet fast hundert Dollar am Tag, mich hierzubehalten«, sagte er. »Drei Monate, das wären ja … großer Gott, zehntausend Dollar!« Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn.

»Das nenne ich einen schlechten Handel. Es lohnt sich nicht.« Seine hellgrauen Augen glitzerten plötzlich zu mir auf. »Ich bin schließlich Schotte. Ein geborener Geizkragen, und das werde ich mir jetzt wohl kaum noch abgewöhnen.«

»Also habe ich es für ihn getan«, sagte ich, den Blick immer noch zur Decke gerichtet. »Oder vielmehr, wir haben es gemeinsam getan. Er bekam Morphium gegen die Schmerzen verschrieben – das ist ähnlich wie Laudanum, nur viel stärker. Ich habe die Hälfte aus jeder Ampulle gezogen und sie durch Wasser ersetzt. Das bedeutete zwar, dass er vierundzwanzig Stunden ohne die Linderung einer vollen Dosis auskommen musste, aber es war die sicherste Methode, unentdeckt an eine große Dosis zu gelangen. Wir haben uns darüber unterhalten, eins der botanischen Mittel zu benutzen, die ich gleichzeitig studierte; ich kannte mich zwar gut genug aus, um etwas Tödliches herzustellen, aber ich war mir nicht sicher, ob es schmerzlos sein würde, und er wollte das Risiko vermeiden, dass man mich in Verdacht brachte, falls jemand argwöhnisch wurde und es eine forensische Untersuchung gab.« Ich sah, wie Jamie die Augenbraue hochzog, und winkte mit einer Handbewegung ab. »Es ist nicht wichtig; es ist eine Methode herauszufinden, wie jemand gestorben ist.«

»Ah. Wie der Leichenbeschauer?«

»So ähnlich. Jedenfalls war ja davon auszugehen, dass er Morphium im Blut hatte; das hätte also nichts bewiesen. Also haben wir diese Methode gewählt.«

Ich holte tief Luft.

»Es wäre alles reibungslos verlaufen, wenn ich ihm die Injektion verabreicht hätte und gegangen wäre. Darum hatte er mich eigentlich auch gebeten.«

Jamie schwieg und sah mich konzentriert an.

»Aber ich konnte es nicht.« Ich richtete den Blick auf meine linke Hand, sah aber nicht meine eigene glatte Haut, sondern die kräftigen, geschwollenen Knöchel eines Berufsfischers und die dicken grünen Adern, die ihm über die Handgelenke liefen.

»Ich habe die Nadel eingeführt«, sagte ich. Ich rieb mit dem Finger über die Stelle, an der ein großes Blutgefäß über das Ende der Speiche läuft. »Aber ich konnte nicht zudrücken.«

In meiner Erinnerung sah ich, wie sich Graham Menzies’ andere Hand samt Schläuchen von seiner Seite hob und sich um die meine schloss. Er hatte nicht mehr viel Kraft, aber es reichte.

»Ich bin sitzen geblieben, bis es vorbei war, und habe seine Hand gehalten.« Ich spürte ihn jetzt noch, den rhythmischen Pulsschlag des Handgelenks unter meinem Daumen, der langsamer wurde und noch langsamer, während ich seine Hand hielt und auf einen Schlag wartete, der nicht kam.

Ich blickte zu Jamie auf und schüttelte die Erinnerung von mir.

»Und dann ist eine Schwester hereingekommen.« Es war eine der jüngeren Schwestern gewesen, die sich immer schnell aufregte und keine Diskretion besaß. Sie besaß zwar nicht viel Erfahrung, doch sie erkannte einen Toten, wenn sie einen sah. Und ich saß einfach nur untätig da – ein sehr untypisches Verhalten für einen Arzt. Und die leere Morphiumspritze, die neben mir auf dem Tisch lag.

»Natürlich hat sie geredet«, sagte ich.

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Allerdings war ich so geistesgegenwärtig, die Spritze in die Müllverbrennung zu werfen, als sie fort war. Am Ende stand ihre Aussage gegen die meine, und die Angelegenheit wurde nicht weiterverfolgt.«

Ich verzog ironisch den Mund. »Nur dass sie mir eine Woche später eine Stelle an der Spitze der Abteilung angeboten haben. Sehr prestigeträchtig. Ein schönes Büro in der sechsten Etage des Krankenhauses – in sicherer Entfernung von den Patienten, wo ich niemanden mehr ermorden konnte.«

Mein Finger rieb mir immer noch mechanisch über das Handgelenk. Jamie streckte den Arm aus und brachte ihn zur Ruhe, indem er seine Hand auf die meine legte.

»Wann ist das gewesen, Sassenach?«, fragte er mit sanfter Stimme.

»Kurz bevor ich mit Brianna nach Schottland gefahren bin. Eigentlich war das der Grund; sie haben mir verlängerten Urlaub genehmigt – ich hätte viel zu hart gearbeitet und mir einen schönen Urlaub verdient.« Ich versuchte erst gar nicht, die Ironie in meiner Stimme zu unterdrücken.

»Ich verstehe.« Trotz der Fieberhitze spürte ich die Wärme seiner Hand. »Wenn das nicht geschehen wäre, du deine Arbeit nicht verloren hättest – wärst du trotzdem gekommen, Sassenach? Nicht nur nach Schottland? Zu mir?«

Ich blickte zu ihm auf, drückte ihm die Hand und holte tief Luft.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Wirklich nicht. Wenn ich nicht nach Schottland gereist wäre, Roger Wakefield nicht begegnet wäre, nicht herausgefunden hätte, dass du …« Überwältigt hielt ich inne und schluckte. »Es war Graham, der mich nach Schottland geschickt hat«, sagte ich schließlich halb erstickt. »Er hat gesagt, ich soll eines Tages hinfahren und Aberdeen von ihm grüßen.« Ich blickte plötzlich zu Jamie auf.

»Das habe ich gar nicht getan! Ich bin nie in Aberdeen gewesen.«

»Mach dir keine Gedanken, Sassenach.« Jamie drückte mir die Hand. »Ich gehe mit dir hin – wenn wir zurückkehren. Nicht«, fügte er pragmatisch hinzu, »dass es dort etwas zu sehen gäbe.«

Allmählich wurde es heiß in der Kajüte. Er erhob sich, um eins der Fenster zu öffnen.

»Jamie«, sagte ich, während ich seinen Rücken betrachtete, »was möchtest du?«

Er blickte sich um und runzelte nachdenklich die Stirn.

»Oh – eine Orange wäre schön«, sagte er. »Sie liegen im Schreibtisch, aye?« Ohne eine Antwort abzuwarten, rollte er die Abdeckung des Schreibtischs hoch, und ich sah eine kleine Schüssel Orangen zwischen den Papieren und Schreibgeräten aufleuchten. »Möchtest du auch eine?«

»Gern«, sagte ich und lächelte. »Das war es aber eigentlich nicht, was ich meinte. Was ich meinte, war – was hast du vor, wenn wir Ian gefunden haben?«

»Oh.« Er setzte sich mit einer Orange in den Händen neben die Koje und blickte sie einen Moment an.

»Weißt du«, sagte er schließlich, »ich glaube, das hat mich noch nie jemand gefragt – was ich tun möchte.« Er klang ein wenig überrascht.

»Es ist ja auch noch nicht oft vorgekommen, dass du die Wahl hattest, oder?«, sagte ich trocken. »Aber jetzt hast du sie.«

»Aye, das stimmt.« Er rollte die Orange zwischen den Händen hin und her und beugte den Kopf über ihre unebene Schale. »Ich vermute, dir ist klar, dass wir vermutlich nicht zurück nach Schottland können – zumindest vorerst?«, sagte er. Ich hatte ihm natürlich erzählt, was mir Tompkins über Sir Percival und seine Machenschaften enthüllt hatte, aber wir waren bis jetzt kaum dazu gekommen, uns weiter darüber zu unterhalten – und über die möglichen Folgen.