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»Ja«, sagte ich. »Daher die Frage.«

Dann schwieg ich und überließ es ihm, die Tatsache sacken zu lassen. Er hatte so lange vogelfrei gelebt, hatte sich zunächst tatsächlich versteckt und war dem Gesetz später mit Hilfe von Heimlichtuerei und Decknamen entwischt, indem er von einer Identität in die nächste schlüpfte.

Doch diese waren nun alle bekannt; er hatte keine Möglichkeit, auch nur eine seiner bisherigen Tätigkeiten wieder aufzunehmen – oder sich in Schottland überhaupt in der Öffentlichkeit sehen zu lassen.

Lallybroch war immer seine letzte Zuflucht gewesen. Doch selbst dieser Rückzugsort war ihm jetzt versperrt. Lallybroch würde zwar immer sein Zuhause sein, doch es gehörte ihm nicht mehr; es gab dort einen neuen Herrn. Ich wusste, dass er Jennys Familie den Besitz des Anwesens nicht missgönnte – aber da er auch nur ein Mensch war, konnte er gar nicht anders, als den Verlust seines Erbes zu bedauern.

Ich konnte sein leises Prusten hören und vermutete, dass er in Gedanken an demselben Punkt angelangt war wie ich.

»Jamaica und die Inseln in englischer Hand genauso wenig«, stellte er reumütig fest. »Tom Leonard und die Königliche Marine mögen uns ja vorerst beide für tot halten, aber sie werden das Gegenteil schnell bemerken, wenn wir uns irgendwo länger aufhalten.«

»Hast du schon einmal an Amerika gedacht?«, fragte ich vorsichtig. »Die Kolonien, meine ich?«

Er rieb sich skeptisch die Nase.

»Nein. Darüber habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht. Es stimmt zwar, dass wir dort vermutlich vor der Krone sicher wären, aber …« Er verstummte und runzelte die Stirn, dann nahm er seinen Dolch und ritzte die Orange schnell und zielsicher an, um sie zu schälen.

»Niemand würde dort Jagd auf dich machen«, argumentierte ich. »Sir Percival interessiert sich nur für dich, solange du in Schottland bist, wo er von deiner Verhaftung profitieren würde. Die britische Marine kann dich schlecht an Land verfolgen, und die Gouverneure der Westindischen Inseln haben in den Kolonien ebenfalls nichts zu sagen.«

»Das stimmt«, sagte er langsam. »Aber die Kolonien …« Er nahm die geschälte Orange in die Hand und fing an, sie ein paar Zentimeter in die Luft zu werfen. »Es ist sehr primitiv dort, Sassenach«, sagte er. »Richtige Wildnis, aye? Ich möchte dich nicht in Gefahr bringen.«

Das brachte mich zum Lachen, und er sah mich scharf an, doch dann begriff er, was ich dachte, und entspannte sich zu einem halb reumütigen Lächeln.

»Aye, nun ja, ich vermute, dich aufs Meer zu schleppen, wo du entführt und auf einem Seuchenschiff gefangen gehalten wirst, ist auch nicht ungefährlich. Aber noch habe ich immerhin nicht zugelassen, dass du von Kannibalen verspeist wirst.«

Am liebsten hätte ich erneut gelacht, aber seine Stimme hatte einen derart bitteren Unterton, dass ich mir stattdessen auf die Unterlippe biss.

»In Amerika gibt es keine Kannibalen«, sagte ich.

»Doch!«, sagte er hitzig. »Ich habe ein Buch für eine Gesellschaft katholischer Missionare gedruckt, in dem alles über die heidnischen Irokesen im Norden stand. Sie fesseln ihre Gefangenen und hacken ihnen Körperteile ab, und dann reißen sie ihnen das Herz heraus und essen es vor ihren eigenen Augen!«

»Sie essen erst die Herzen und dann die Augen, wie?«, sagte ich und musste unwillkürlich lachen. »Also schön«, sagte ich angesichts seiner finsteren Miene, »es tut mir leid. Aber erstens kann man nicht alles glauben, was man liest, und zweitens …«

Weiter kam ich nicht. Er beugte sich vor und griff so fest nach meinem unverletzten Arm, dass ich überrascht aufquietschte.

»Verdammt, hör mir zu!«, sagte er. »Das ist doch kein Witz!«

»Nun … nein, vermutlich nicht«, sagte ich zögernd. »Ich hatte auch nicht vor, mich über dich lustig zu machen – aber Jamie, ich habe fast zwanzig Jahre in Boston gelebt. Du hast noch nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt!«

»Das stimmt«, sagte er gelassen. »Und du glaubst, der Ort, an dem du gelebt hast, hat Ähnlichkeit mit dem, der er heute ist, Sassenach?«

»Nun …«, begann ich, dann hielt ich inne. Ich kannte zwar die historischen Gebäude rings um den Stadtpark, deren Alter durch kleine Messingplaketten bezeugt wurde, aber der Großteil war nach 1770 erbaut worden, viele von ihnen noch später. Und über diese paar Gebäude hinaus …

»Nein. Ich weiß, dass es nicht so ist. Aber ich glaube auch nicht, dass überall nur Wildnis ist. Es gibt auch jetzt schon Städte und größere Ortschaften; so viel weiß ich.«

Er ließ meinen Arm los und lehnte sich zurück, die Orange nach wie vor in der anderen Hand.

»Vermutlich ist es so«, sagte er langsam. »Von den Städten hört man nur nicht viel – nur, dass es so ein wildes, unzivilisiertes Land ist, wenn auch wunderschön. Aber ich bin kein Narr, Sassenach.« Sein Ton wurde etwas schärfer, und er bohrte den Daumen so fest in die Orange, dass er sie glatt halbierte.

»Ich glaube doch etwas nicht nur, weil jemand Worte in ein Buch geschrieben hat – ich drucke die verdammten Dinger, zum Kuckuck! Ich weiß sehr wohl, was für Scharlatane und Dummköpfe manche Schriftsteller sind – ich lerne sie schließlich kennen! Und ganz gewiss kenne ich den Unterschied zwischen einer Schwärmerei und einer Tatsache, die mit kühlem Verstand niedergeschrieben wurde!«

»Also schön«, sagte ich. »Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob Schwärmerei und Tatsachen auf dem Papier so einfach zu unterscheiden sind. Aber selbst wenn das mit den Irokesen zutrifft, ist es nicht so, dass es auf dem ganzen Kontinent von blutrünstigen Wilden wimmelt. Das weiß ich. Es ist nämlich ein sehr großes Land«, fügte ich sanft hinzu.

»Mmpfm«, sagte er, eindeutig nicht überzeugt. Dennoch widmete er sich der Orange und begann, sie in Segmente aufzuteilen.

»Es ist wirklich komisch«, sagte ich reumütig. »Als ich mich entschlossen habe zurückzukommen, habe ich alles über England, Schottland und Frankreich in dieser Zeit gelesen, was ich finden konnte, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Und hier enden wir nun an einem Ort, über den ich nichts weiß, weil ich aufgrund deiner Seekrankheit nie gedacht hätte, dass wir den Ozean überqueren würden.«

Jetzt war er es, der lachte, wenn auch etwas widerstrebend.

»Aye, nun ja, man weiß nie, wozu man imstande ist, solange man nicht dazu gezwungen ist. Glaube mir, Sassenach, sobald ich Ian heil zurückhabe, werde ich nie wieder einen Fuß auf eine dreckige, gottverlassene schwimmende Planke setzen – außer, um nach Schottland zurückzukehren, wenn es gefahrlos möglich ist«, fügte er der Vollständigkeit halber hinzu. Er bot mir ein Orangenstück an, und ich nahm es als Friedensangebot entgegen.

»Apropos Schottland, du hast doch deine Druckerpresse noch in Edinburgh versteckt«, sagte ich. »Wir könnten sie uns vielleicht schicken lassen – wenn wir uns in einer der größeren amerikanischen Städte niederlassen würden.«

Er hob verblüfft den Kopf.

»Meinst du, es wäre möglich, dass ich meinen Lebensunterhalt als Drucker verdiene? Gibt es dort so viele Menschen? Ein Drucker wird nämlich nur in einer einigermaßen großen Stadt gebraucht.«

»Da bin ich mir sicher. Boston, Philadelphia … New York noch nicht, glaube ich. Williamsburg vielleicht? Ich weiß nicht, welche Städte, aber es gibt mehrere, die groß genug sind, um Verwendung für einen Drucker zu haben – die Seehäfen mit Sicherheit.« Ich erinnerte mich an die flatternden Plakate, die die Wände jeder Hafenkneipe in Le Havre zierten und auf Ab- und Anreisedaten hinwiesen, für Waren warben oder Seeleute suchten.

»Mmpf.« Diesmal war es ein nachdenkliches Geräusch. »Aye, nun ja, wenn das denkbar wäre …«