Er steckte sich ein Stück Obst in den Mund und aß es langsam.
»Was ist mit dir?«, fragte er abrupt.
Diesmal war ich es, die ihn verblüfft ansah.
»Was ist denn mit mir?«
Seine Augen betrachteten mich konzentriert, um in meinem Gesicht zu lesen.
»Käme es dir entgegen, an einen solchen Ort zu ziehen?« Er senkte den Blick und zerteilte sorgfältig die andere Hälfte der Frucht. »Ich meine – du hast doch auch deine Arbeit, aye?« Er blickte auf und lächelte ironisch.
»Ich habe in Paris gelernt, dass ich dich nicht daran hindern kann. Und du hast selbst gesagt, dass du vielleicht nicht gekommen wärst, wenn Menzies Tod dir dort, wo du warst, nicht zum Hindernis geworden wäre. Meinst du, du kannst in den Kolonien Heilerin sein?«
»Davon gehe ich aus«, sagte ich langsam. »Es gibt schließlich so gut wie überall Kranke und Verletzte.« Ich betrachtete ihn neugierig.
»Du bist ein sehr merkwürdiger Mensch, Jamie Fraser.«
Er lachte und schluckte den Rest seiner Orange hinunter.
»Oh, das bin ich also, aye? Und was meinst du damit?«
»Frank hat mich geliebt«, sagte ich langsam. »Aber es gab … Teile von mir, mit denen er einfach nichts anzufangen wusste. Dinge, die er nicht verstanden hat oder die ihm vielleicht Angst gemacht haben.« Ich sah Jamie an. »Für dich gibt es so etwas nicht.«
Er hatte den Kopf über eine zweite Orange gebeugt, und seine Hände bewegten sich rasch, während er sie mit dem Dolch anritzte, doch ich konnte das schwache Lächeln in seinem Mundwinkel sehen.
»Nein, Sassenach, du machst mir keine Angst. Oder vielmehr, du machst mir Angst, aber nur dann, wenn ich befürchten muss, dass du dich durch deine Achtlosigkeit umbringst.«
Ich prustete leise.
»Genau aus diesem Grund machst du mir ebenfalls Angst, aber ich glaube nicht, dass ich daran etwas ändern kann.«
Sein Glucksen klang tief und befreit.
»Und du glaubst, ich kann es genauso wenig ändern, also sollte ich mir keine Sorgen machen?«
»Ich habe nicht gesagt, dass du dir keine Sorgen machen solltest – glaubst du denn, ich mache mir keine Sorgen? Doch nein, vermutlich kannst du nichts an mir ändern.«
Ich sah, wie er den Mund öffnete, um zu widersprechen. Dann überlegte er es sich anders und lachte noch einmal. Er streckte die Hand aus und schob mir ein Orangenstück in den Mund.
»Nun, vielleicht, Sassenach, vielleicht auch nicht. Aber ich bin jetzt alt genug, um zu denken, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist – solange ich dich lieben kann.«
Mit dem Mund voll Orangensaft starrte ich ihn sprachlos an.
»Und das tue ich«, sagte er leise. Er lehnte sich in die Koje und küsste mich mit seinem warmen, orangensüßen Mund. Dann wich er zurück und berührte sanft meine Wange.
»Jetzt ruh dich aus«, sagte er entschlossen. »Ich bringe dir gleich ein bisschen Suppe.«
Ich schlief mehrere Stunden lang, und beim Aufwachen hatte ich zwar nach wie vor Fieber, aber auch Hunger. Jamie brachte mir etwas von Murphys Suppe – einer kräftigen grünen Brühe, die in Butter ertrank und nach Sherry roch – und bestand trotz meiner Proteste darauf, sie mir mit einem Löffel einzuflößen.
»Ich habe doch eine absolut brauchbare Hand«, sagte ich gereizt.
»Aye, und ich habe gesehen, wie du damit umgehst«, erwiderte er und stopfte mir zielsicher mit dem Löffel den Mund. »Wenn du mit einem Löffel so ungeschickt umgehst wie mit dieser Nadel, wirst du dir die ganze Suppe auf der Brust verschütten, und Murphy wird mir die Kelle über den Schädel ziehen. Hier, Mund auf.«
Ich öffnete den Mund, und mein Widerwille schmolz beim Essen allmählich zu einer Art warm glühendem Rausch dahin. Ich hatte nichts gegen die Schmerzen in meinem Arm genommen, doch während sich mein leerer Magen jetzt dankbar erleichtert weitete, hörte ich mehr oder weniger auf, sie wahrzunehmen.
»Möchtest du noch ein Schüsselchen«, fragte Jamie, als ich den letzten Löffel hinunterschluckte. »Du musst schließlich bei Kräften bleiben.« Ohne auf eine Antwort zu warten, hob er den Deckel von der kleinen Terrine, die uns Murphy geschickt hatte, und füllte die Suppenschale nach.
»Wo ist Ishmael?«, fragte ich während der kurzen Unterbrechung.
»Auf dem Achterdeck. Er hat sich unter Deck beklommen gefühlt – und ich kann nicht sagen, dass ich ihm das verdenken kann, nachdem ich die Sklavenschiffe in Bridgetown gesehen habe. Ich habe Maitland gesagt, er soll ihm eine Hängematte anbringen.«
»Hältst du es denn nicht für gefährlich, ihn so frei herumlaufen zu lassen? Was ist das für Suppe?« Der letzte Löffel hatte einen köstlichen Geschmack auf meiner Zunge hinterlassen; der nächste weckte erneut den vollen Geschmack.
»Schildkröte; Stern hat gestern Abend eine große Karettschildkröte gefangen. Er sagt, er bewahrt dir den Panzer auf, um dir Kämme für dein Haar schnitzen zu lassen.« Jamie runzelte schwach die Stirn, ob bei dem Gedanken an Lawrence Sterns Zuvorkommenheit oder an Ishmaels Gegenwart, konnte ich nicht sagen. »Was den Schwarzen betrifft, er läuft nicht frei herum – Fergus beobachtet ihn.«
»Fergus hat Flitterwochen«, protestierte ich. »Du solltest ihn nicht dazu zwingen. Ist das wirklich Schildkrötensuppe? Ich habe sie noch nie gegessen. Sie ist wunderbar.«
Jamie ließ sich von meinem Mitgefühl mit Fergus nicht beeindrucken.
»Aye, nun ja, er wird noch lange verheiratet sein«, sagte er hartherzig. »Es wird ihm nicht schaden, wenn er eine Nacht die Hose anbehält. Außerdem heißt es doch, dass Abstinenz das Herz fester entschlossen macht, oder?«
»Abwesenheit«, sagte ich und wich kurz dem Löffel aus. »Und verliebter. Wenn durch Abstinenz etwas fester wird, wird es sicher nicht sein Herz sein.«
»Das sind sehr unanständige Worte für eine respektable, verheiratete Frau«, sagte Jamie tadelnd und steckte mir den Löffel in den Mund. »Und wirklich sehr rücksichtslos.«
Ich schluckte. »Rücksichtslos?«
»Ich bin im Moment selbst ein bisschen fest«, erwiderte er ungerührt und tauchte den Löffel ein. »So wie du hier sitzt mit deinem offenen Haar und deinen Brustwarzen, die mich wie Kirschen anstarren.«
Ich senkte unwillkürlich den Blick, und der nächste Löffel prallte mir gegen die Nase. Jamie schnalzte mit der Zunge, ergriff einen Lappen und betupfte mir damit energisch die Brust. Es stimmte natürlich, dass mein Hemd aus dünner Baumwolle bestand und selbst in trockenem Zustand recht durchsichtig war.
»Es ist aber nicht so, als hättest du sie noch nie gesehen«, sagte ich belustigt.
Er legte den Lappen hin und zog die Augenbrauen hoch.
»Ich trinke jeden Tag Wasser, seit ich entwöhnt wurde«, führte er an. »Das heißt nicht, dass ich nicht trotzdem Durst bekomme.« Er nahm den Löffel. »Möchtest du noch etwas?«
»Nein danke«, sagte ich und wich dem nahenden Löffel aus. »Ich würde gern mehr über deine Festigkeit hören.«
»Nein, das würdest du nicht; du bist krank.«
»Es geht mir schon viel besser«, versicherte ich ihm. »Soll ich einen Blick darauf werfen?« Er trug die losen Pluderhosen der Seemänner und hätte problemlos drei tote Meerbarben darin verstecken können, von einer flüchtigen Festigkeit ganz zu schweigen.
»Nein«, sagte er mit leicht schockierter Miene. »Es könnte jemand hereinkommen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwie helfen würde, wenn du einen Blick darauf wirfst.«
»Nun, das kannst du doch gar nicht sagen, solange ich keinen Blick darauf geworfen habe, oder? Außerdem kannst du ja die Tür verriegeln.«
»Die Tür verriegeln? Was glaubst du denn, was ich vorhabe? Sehe ich etwa aus wie ein Mann, der eine Frau übervorteilen würde, die nicht nur verletzt ist und hohes Fieber hat, sondern auch betrunken ist?«, wollte er wissen. Dennoch erhob er sich.
»Ich bin nicht betrunken«, sagte ich entrüstet. »Man wird doch von Schildkrötensuppe nicht betrunken!« Allerdings war mir bewusst, dass die angenehme Wärme in meinem Magen in die Tiefe gewandert zu sein schien, um sich zwischen meinen Oberschenkeln anzusiedeln, und mein Schwindelgefühl war unleugbar nicht nur dem Fieber zuzuschreiben.