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»Temeraire?«, platzte ich erstaunt heraus. »Warum?«

Ishmael warf mir zwar einen flüchtigen Blick zu, doch seine Worte richtete er an Jamie, halb kühn, halb beschwörend.

»Dir nützt er nichts, Mann; mit einem Arm keine Arbeit auf dem Feld, keine Arbeit auf dem Schiff.«

Statt einer direkten Erwiderung blickte Jamie Ishmael einen Moment an. Dann wandte er sich ab und rief Fergus zu, er solle den einarmigen Sklaven holen.

Nachdem man Temeraire an Deck geholt hatte, stand er ausdruckslos in der Sonne wie ein Holzklotz, und selbst seine Augen blinzelten kaum. Auch ihn hatten wir mit Seemannskleidern ausgestattet, doch es mangelte ihm an Ishmaels verwegener Eleganz. Er sah aus wie ein Baumstumpf, auf dem man Wäsche zum Trocknen ausgebreitet hatte.

»Dieser Mann möchte, dass Ihr ihn auf diese Insel begleitet«, sagte Jamie langsam und sorgfältig auf Französisch zu Temeraire. »Möchtet Ihr das tun?«

Auch jetzt blinzelte Temeraire nicht, doch seine Augen weiteten sich flüchtig vor Verblüffung. Ich vermutete, dass ihn seit Jahren niemand mehr gefragt hatte, was er wollte – falls überhaupt jemals. Argwöhnisch ließ er den Blick von Jamie zu Ishmael wandern und zurück, doch er sagte nichts.

Jamie versuchte es erneut.

»Ihr braucht nicht mit diesem Mann zu gehen«, versicherte er dem Sklaven. »Ihr könnt bei uns bleiben, und wir werden für Euch sorgen. Niemand wird Euch etwas tun. Aber wenn Ihr wollt, könnt Ihr mit ihm gehen.«

Immer noch zögerte der Sklave, und sein Blick huschte von rechts nach links, sichtlich verblüfft und verstört angesichts der unerwarteten Entscheidung. Es war Ishmael, der den Entschluss für ihn fällte. Er sagte etwas in einer seltsamen Sprache voller flüssiger Vokale und Silben, die sich wie der Rhythmus einer Trommel wiederholten.

Temeraire keuchte auf, fiel auf die Knie und presste die Stirn vor Ishmaels Füßen auf das Deck. Alle Blicke an Deck richteten sich auf ihn, dann auf Ishmael, der mit verschränkten Armen in einer Art argwöhnischer Trotzhaltung dastand.

»Er geht mit mir«, sagte er.

Und so geschah es. Picard ruderte die beiden Schwarzen im Beiboot an Land und ließ sie auf den Felsen am Rand des Dschungels zurück. Jeder der beiden hatte ein Messer bekommen, und wir hatten sie mit einem kleinen Proviantbeutel ausgestattet.

»Warum dort?«, fragte ich mich laut, während ich zusah, wie die beiden kleinen Gestalten langsam den waldigen Hang hinaufstiegen. »Es gibt doch in der Nähe keine Ortschaften, oder? Oder Plantagen?« Für das Auge stellte das Ufer eine unberührte Dschungelfläche dar.

»Oh, es gibt Plantagen«, versicherte mir Lawrence. »Oben in den Hügeln, wo sie Kaffee und Indigo anbauen – das Zuckerrohr gedeiht in Küstennähe besser.« Er blinzelte zum Ufer, wo die beiden dunklen Gestalten jetzt verschwunden waren. »Es ist aber wahrscheinlicher, dass sie sich einer Bande von entlaufenen Sklaven anschließen wollen«, sagte er.

»Auf Jamaica gibt es diese Banden auch, nicht nur auf Hispaniola?«, fragte Fergus neugierig.

Lawrence lächelte etwas grimmig.

»Es gibt sie, wo immer es Sklaven gibt, mein Freund«, sagte er. »Es gibt immer Menschen, die lieber das Risiko eingehen, wie Tiere zu sterben, als in Gefangenschaft zu leben.«

Jamie wandte Lawrence scharf den Kopf zu, sagte aber nichts.

Jareds Plantage an der Sugar Bay hieß Blue Mountain House, vermutlich nach dem niedrigen, dunstverhangenen Gipfel, der sich eine Meile landeinwärts hinter ihr erhob, bläulich gefärbt durch seine Kiefern und die Entfernung. Das Haus selbst stand in Ufernähe in der flachen Rundung der Bucht, und die Veranda an der einen Seite ragte über eine kleine Lagune hinweg. Das Gebäude selbst stand auf stabilen Pfählen aus silbrig gewordenem Holz, die mit schwammigen Gebilden aus Manteltieren und Muscheln überwuchert waren und einem feinen, grünen Tang, den man Meerjungfrauenhaar nannte.

Wir wurden erwartet; Jared hatte einen Brief auf einem Schiff geschickt, das eine Woche vor der Artemis aus Le Havre abgefahren war. Dank der Verzögerung auf Hispaniola war der Brief beinahe einen Monat vor uns eingetroffen, und der Aufseher und seine Frau – ein rundliches, gemütliches schottisches Ehepaar namens MacIver – waren erleichtert, uns zu sehen.

»Ich war mir schon sicher, dass Euch die Winterstürme erwischt hätten«, sagte Kenneth MacIver inzwischen zum vierten Mal und schüttelte den Kopf. Er war kahlköpfig, und seine Glatze war durch den jahrelangen Kontakt mit der Tropensonne voller Schuppen und Sommersprossen. Seine Frau war eine runde, herzliche, großmütterliche Seele – welche, wie ich zu meinem Schreck begriff, grob fünf Jahre jünger war als ich selbst. Sie scheuchte Marsali und mich davon, damit wir uns vor dem Essen waschen, bürsten und ein Nickerchen einlegen konnten, während Fergus und Jamie Mr. MacIver begleiteten, um das teilweise Entladen der Fracht und die Unterbringung der Besatzung der Artemis zu beaufsichtigen.

Ich ging mehr als gerne mit; mein Arm war zwar so weit verheilt, dass er nicht mehr als einen leichten Verband benötigte, doch er hatte mich daran gehindert, im Meer zu baden, wie ich es sonst getan hatte. Nachdem ich eine Woche an Bord der Artemis zugebracht hatte, ohne zu baden, freute ich mich mit einer Sehnsucht, die an Hunger grenzte, auf frisches Wasser und saubere Laken.

Meine Beine waren noch an die See gewöhnt; die abgenutzten Holzdielen des Plantagenhauses erweckten verstörend den Anschein, als höben und senkten sie sich, und ich stieß immer wieder gegen die Wände, während ich hinter Mrs. MacIver durch den Flur stolperte.

Das Haus besaß eine richtige Badewanne auf einer kleinen Veranda; sie war zwar aus Holz, aber – mirabile dictu! – mit warmem Wasser gefüllt, dank der treuen Dienste zweier schwarzer Sklavinnen, die das Wasser auf dem Hof in Kesseln erhitzten und diese zur Wanne trugen. Ich hätte ein viel zu schlechtes Gewissen angesichts dieser Ausbeutung haben müssen, um mein Bad zu genießen, doch dem war nicht so. Ich schwelgte genüsslich in der Wanne, schrubbte mir mit einem Luffaschwamm den Schmutz und das Salz von der Haut und schäumte mir das Haar mit einem Shampoo ein, das aus Kamille, Geranienöl, Seifenspänen und einem Eigelb bestand und das mir Mrs. MacIver großzügig zur Verfügung stellte.

Duftend, mit glänzendem Haar und entspannt von der Wärme ließ ich mich dankbar in das Bett fallen, das man mir zuteilte. Ich hatte gerade noch Zeit für den einen Gedanken, wie herrlich es war, mich der Länge nach auszustrecken, als ich auch schon einschlief.

Als ich erwachte, sammelten sich die Schatten der Abenddämmerung auf der Veranda vor den offenen Glastüren meines Schlafzimmers, und Jamie lag nackt neben mir, die Hände auf dem Bauch gefaltet, und atmete tief und langsam.

Er spürte, wie ich erwachte, und öffnete die Augen. Er lächelte verschlafen, streckte die Hand aus und zog mich auf seinen Mund hinunter. Auch er hatte gebadet; er roch nach Seife und Zedernnadeln. Ich küsste ihn ausgiebig und langsam und fuhr ihm mit der Zunge über die breite, geschwungene Unterlippe, bis sich unsere Zungen in einem sanften, dunklen Ringen willkommen hießen.

Schließlich löste ich mich von ihm und erhob mich, um wieder zu Atem zu kommen. Das Zimmer war von einem wabernden grünen Licht erfüllt, Reflexionen der Lagune, als läge das Zimmer selbst unter Wasser. Die Luft war warm und frisch zugleich; sie duftete nach Meer und Regen, und kleine Windströmungen liebkosten die Haut.

»Du riechst gut, Sassenach«, murmelte er heiser vom Schlaf. Er lächelte und streckte die Hand aus, um mir die Finger in das Haar zu schlingen. »Komm her zu mir, Lockenköpfchen.«

Von allen Nadeln befreit und frisch gewaschen, lag mir mein Haar wie eine Wolke um die Schultern, als seien Medusas Locken explodiert. Ich hob den Arm, um es glatt zu streichen, doch er zog mich sanft nach vorn, so dass ihm der Schleier aus Braun, Gold und Silber lose über das Gesicht fiel.

Ich küsste ihn, halb vergraben in den Wolken aus Haar, und legte mich der Länge nach auf ihn, so dass meine vollen Brüste sanft gegen seine Brust gedrückt wurden. Er bewegte sich sacht, um sich an mir zu reiben, und seufzte vor Lust.