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Barnabas Abernathy war vor fünf Jahren aus Schottland gekommen und hatte Rose Hall erworben. Er hatte die Plantage anständig betrieben, mit Zucker und Kaffee einen kleinen Profit erwirtschaftet und den Nachbarn keinen Anlass zum Reden gegeben. Dann hatte er vor zwei Jahren eine Frau geheiratet, die niemand kannte und die er von einer Reise nach Guadeloupe mitgebracht hatte.

»Und sechs Monate später war er tot«, schloss Mrs. MacIver mit genussvollem Ingrimm.

»Und es heißt, Mrs. Abernathy hätte etwas damit zu tun gehabt?« Angesichts der Fülle tropischer Parasiten und Seuchen, denen die Europäer auf den Westindischen Inseln ausgesetzt waren, hatte ich persönlich meine Zweifel. Barnabas Abernathy konnte problemlos an irgendetwas von der Malaria bis hin zur Elephantiasis gestorben sein, doch Rosie MacIver hatte recht – die Leute redeten gerne schlecht.

»Gift«, sagte Rosie leise mit einem hastigen Blick zur Tür, die in die Küche führte. »Das hat der Arzt gesagt, der ihn besichtigt hat. Es hätten natürlich auch die Sklavinnen sein können. Es gab Gerede über Barnabas und seine Sklavinnen, und es kommt öfter vor, als den Leuten lieb ist, dass ein Küchenmädchen auf einer Plantage etwas in den Eintopf schüttet, aber …« Sie brach ab, weil in diesem Moment eine andere Bedienstete mit einem Chutneytöpfchen aus Kristallglas hereinkam. Alles schwieg, als sie es auf den Tisch stellte und sich mit einer Verbeugung vor ihrer Herrin wieder entfernte.

»Ihr braucht Euch nicht zu sorgen«, sagte Mrs. MacIver beruhigend, als sie sah, wie ich der Frau hinterherblickte. »Wir haben einen Jungen, der alles kostet, ehe es aufgetischt wird. Es besteht keine Gefahr.«

Ich hatte Schwierigkeiten, den Fisch in meinem Mund hinunterzuschlucken.

»Und hat Reverend Campbell Mrs. Abernathy besucht?«, meldete sich Jamie zu Wort.

Rosie nahm die Ablenkung dankbar an. Sie schüttelte den Kopf, dass die Rüschen auf ihrer Haube in Aufruhr gerieten.

»Nein, ich bin mir sicher, dass er es nicht getan hat, denn am nächsten Tag passierte das Drama mit seiner Schwester.«

In der ganzen Aufregung über die Suche nach Ian und der Bruja hatte ich Margaret Jane Campbell fast vergessen.

»Was war denn mit seiner Schwester?«, fragte ich neugierig.

»Nun, sie ist verschwunden!« Mrs. MacIvers blaue Augen weiteten sich bedeutungsvoll. Blue Mountain House war ein abgelegener Ort, der sich auf dem Landweg zehn Meilen von Kingston entfernt befand, und unsere Anwesenheit bot ihr eine einzigartige Gelegenheit zum Tratschen.

»Was?« Fergus hatte sich bis jetzt hingebungsvoll über seinen Teller hergemacht, doch bei diesen Worten blickte er auf und blinzelte. »Verschwunden? Wohin denn?«

»Die ganze Insel spricht darüber«, entriss Kenny seiner Frau den Gesprächsfaden. »Anscheinend hatte der Reverend eine Frau als Zofe für seine Schwester eingestellt, aber die Frau ist auf der Reise am Fieber gestorben.«

»Oh, wie traurig!« Ich empfand echtes Mitleid mit Nellie Cowden, der Frau mit dem breiten, freundlichen Gesicht.

»Aye.« Kenny nickte oberflächlich. »Also hat der Reverend eine Unterkunft für seine Schwester gesucht. Schwachsinnig, wenn ich es recht verstehe?« Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.

»Etwas in der Art.«

»Aye, nun ja, sie machte einen ruhigen, friedlichen Eindruck, und Mrs. Forrest, in deren Haus sie untergebracht war, hat sie während der kühlen Tagesstunden oft auf die Veranda gesetzt. Und nun kommt letzten Dienstag ein Junge und sagt, Mrs. Forrest soll schnell zu seiner Schwester kommen, die ein Kind bekommt. Und in ihrer Aufregung ist Mrs. Forrest einfach gegangen und hat Miss Campbell auf der Veranda vergessen. Und als es ihr eingefallen ist und sie jemanden zurückgeschickt hat, um nach ihr zu sehen … nun, da war Miss Campbell fort. Und seitdem keine Spur von ihr, obwohl der Reverend Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, könnte man sagen.« MacIver lehnte sich zurück und blies seine sonnenfleckigen Wangen auf.

Mrs. MacIver wackelte mit dem Kopf und schnalzte traurig mit der Zunge.

»Myra Dalrymple hat dem Reverend gesagt, er soll den Gouverneur um Hilfe bei der Suche bitten«, sagte sie. »Aber der Gouverneur ist ja kaum angekommen, und er ist noch nicht bereit, jemanden zu empfangen. Nächsten Donnerstag gibt er einen großen Empfang, um die Personen kennenzulernen, die auf der Insel von Bedeutung sind. Myra sagt, der Reverend muss hingehen und den Gouverneur dort ansprechen, aber das möchte er nicht, weil es so ein weltlicher Anlass ist, aye?«

»Ein Empfang?« Jamie legte seinen Löffel beiseite und sah Mrs. MacIver neugierig an. »Wisst Ihr, ob man eine Einladung benötigt?«

»Oh, nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Jeder, der möchte, kann kommen, zumindest habe ich das gehört.«

»Tatsächlich?« Jamie blickte mich an und lächelte. »Was meinst du, Sassenach – möchtest du mit mir ausgehen und die Residenz des Gouverneurs besuchen?«

Erstaunt starrte ich ihn an. Ich hätte gedacht, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, wäre das Letzte, was er im Sinn haben könnte. Außerdem überraschte es mich, dass es irgendetwas geben konnte, was ihn davon abhielt, sich bei nächster Gelegenheit nach Rose Hall zu begeben.

»Es ist eine gute Gelegenheit, uns nach Ian zu erkundigen, nicht wahr?«, erklärte er. »Es ist schließlich möglich, dass er sich nicht in Rose Hall befindet, sondern anderswo auf der Insel.«

»Nun ja, abgesehen von der Tatsache, dass ich nichts anzuziehen habe …«, sagte ich, um Zeit zu schinden, während ich versuchte zu erraten, was er tatsächlich im Schilde führte.

»Och, das ist kein Problem«, versicherte mir Rosie MacIver. »Ich habe eine der besten Schneiderinnen auf der ganzen Insel; sie staffiert Euch in null Komma nichts aus.«

Jamie nickte nachdenklich. Er lächelte und kniff die Augen zusammen, während er mich über die Kerzenflamme hinweg betrachtete.

»Violette Seide, glaube ich«, sagte er. Er zupfte vorsichtig die Gräten aus seinem Fisch und legte sie beiseite. »Was den Rest betrifft – keine Sorge, Sassenach, ich habe schon eine Idee. Du wirst sehen.«

Kapitel 58

Die Maske des Roten Todes

»Oh, wer ist der junge Sünder mit den Eisen an der Hand?

Und was hat er getan, dass sie schreien ›große Schand‹?

Warum scheint er getroffen von der Schuld so sonderbar?

Oh, man bringt ihn in den Kerker, die falsche Farbe hat sein Haar.«

Jamie legte die Perücke aus der Hand und blickte mir mit hochgezogener Augenbraue aus dem Spiegel entgegen. Ich grinste ihn an und deklamierte gestikulierend weiter:

»Eine Schande für die Menschheit, das Haar auf seinem Kopf;

In guter alter Zeit hätt man gehängt den tumben Tropf;

Doch der Galgen ist nicht schlimm genug, die Peitsch’ ihm widerfahr’,

Denn namenlos und grauenvoll, solch Farbe hat sein Haar!«

»Hast du mir nicht gesagt, du hättest studiert, um Ärztin zu werden, Sassenach?«, erkundigte er sich. »Oder wolltest du doch Dichterin werden?«

»Ich nicht«, versicherte ich ihm und trat vor ihn hin, um ihm die Halsbinde zurechtzurücken. »Diese Zeilen stammen von einem gewissen A. E. Housman.«

»Es hätte mich auch gewundert, wenn das tatsächlich deine Meinung wäre«, sagte Jamie trocken. Er griff wieder nach der Perücke und setzte sie sich vorsichtig auf. Kleine duftende Puderwölkchen stiegen auf, als er hier und dort mit dem Finger zustieß. »Dann ist dieser Mr. Housman ein Bekannter von dir?«

»So könnte man es ausdrücken.« Ich setzte mich auf das Bett, um ihn zu beobachten. »Es war nur so, dass im Aufenthaltsraum des Krankenhauses, in dem ich gearbeitet habe, ein Exemplar seiner gesammelten Werke herumlag, das jemand dort liegengelassen hatte. Für die meisten Romane reicht die Zeit zwischen zwei Einsätzen nicht, aber Gedichte sind ideal. Inzwischen dürfte ich Housman zum Großteil auswendig kennen.«