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Er sah mich argwöhnisch an, als erwartete er einen weiteren Ausbruch der Reimkunst, doch ich lächelte ihn nur an, und er machte sich wieder ans Werk. Fasziniert beobachtete ich die Verwandlung.

Rot bezogene Schuhe und Seidenstrümpfe mit schwarzen Ornamenten an den Fersen. Eine graue Satinkniehose mit Silberschnallen an den Knien. Schneeweißes Leinenhemd mit zwanzig Zentimetern Brüsseler Spitze am Kragen und an den Manschetten. Der Rock, ein Meisterwerk in dunklem Grau mit blauen Satinmanschetten und verzierten Silberknöpfen, hing hinter der Tür und wartete darauf, dass er an die Reihe kam.

Sorgfältig puderte er sich das Gesicht, leckte an seinem Finger, tupfte einen künstlichen Schönheitsfleck von der Kommode, tauchte ihn in Gummiarabikum und klebte ihn sich zielsicher über den Mundwinkel.

»Bitte schön«, sagte er und fuhr auf dem Ankleideschemel zu mir herum. »Sehe ich aus wie ein rothaariger schottischer Schmuggler?«

Ich inspizierte ihn kritisch von der Allongeperücke bis hin zu den Schuhen mit den Lederabsätzen.

»Du siehst aus wie die Fratze eines Wasserspeiers«, sagte ich. Sein Gesicht erblühte zu einem breiten Grinsen. Umrandet von weißem Puder, wirkten seine Lippen unnatürlich rot, sein Mund noch breiter und ausdrucksvoller, als er es normalerweise war.

»Non!«, sagte Fergus, der just in diesem Moment in das Zimmer trat, entrüstet. »Er sieht aus wie ein Franzose.«

»Ziemlich dasselbe«, sagte Jamie und nieste. Er wischte sich die Nase an einem Taschentuch ab und beschwichtigte den jungen Mann: »Verzeihung, Fergus.«

Er stand auf und griff nach dem Rock, zog ihn sich über die Schultern und rückte die Kanten zurecht. Mit Acht-Zentimeter-Absätzen erreichte er eine Körpergröße von einem guten Meter fünfundneunzig; fast streifte sein Kopf die verputzte Zimmerdecke.

»Ich weiß nicht«, sagte ich und blickte skeptisch an ihm auf. »Ich habe noch nie einen Franzosen gesehen, der so groß war.«

Jamie zuckte mit den Schultern, und sein Rock raschelte wie Herbstlaub. »Aye, nun ja, meine Körpergröße lässt sich nicht verbergen. Aber solange mein Haar nicht zu sehen ist, ist, glaube ich, alles gut. Außerdem«, fügte er hinzu und blickte mich beifällig an, »wird mich sowieso niemand beachten. Steh auf und lass dich betrachten, aye?«

Ich befolgte seine Bitte und drehte mich langsam um mich selbst, um ihm den herrlichen Fall des violetten Seidenrocks zu demonstrieren. Das Dekolleté war tief ausgeschnitten und überschäumend mit Spitze ausgefüllt, die sich in einer Abfolge von Vs über das Mieder zog. Von den Dreiviertelärmeln ergoss sich die gleiche Spitze in einer eleganten weißen Kaskade über meine Unterarme und ließ nur meine Handgelenke frei.

»Sehr schade, dass ich die Perlen deiner Mutter jetzt nicht habe«, stellte ich fest. Ich bedauerte ihr Fehlen nicht; ich hatte sie Brianna in dem Karton mit den Fotos und Familiendokumenten zurückgelassen. Dennoch, da der Ausschnitt so tief und mein Haar zu einem Knoten hochgesteckt war, sahen mir im Spiegel sehr viel nackter, weißer Hals und Busen aus der violetten Seide entgegen.

»Daran habe ich gedacht.« Mit dem Gebaren eines Zauberers holte Jamie eine kleine Schachtel aus seiner Innentasche und hielt sie mir mit seiner besten Versailler Hofverbeugung entgegen.

In der Schachtel lag ein kleiner glänzender Fisch aus einem harten schwarzen Material, dessen Schuppen einen Hauch von Gold an den Rändern trugen.

»Es ist eine Brosche«, erklärte er. »Vielleicht könntest du sie an einem weißen Band um den Hals tragen?«

»Sie ist wunderschön«, sagte ich entzückt. »Woraus besteht sie? Ebenholz?«

»Schwarze Koralle«, sagte er. »Ich habe sie gestern gekauft, als ich mit Fergus in Montego Bay war.« Gemeinsam mit Fergus war er auf die andere Seite der Insel gefahren, um die Artemis von ihrer restlichen Fracht zu befreien und den Fledermausguano an seinen Käufer zu überbringen.

Ich fand ein weißes Band, und Jamie band es mir hilfsbereit um den Hals, um sich dann vorzubeugen und über meine Schulter hinweg mein Spiegelbild zu betrachten.

»Nein, ihre Blicke werden nicht auf mich gerichtet sein«, sagte er. »Die Hälfte von ihnen wird dich anstarren, Sassenach, und die andere Hälfte Mr. Willoughby.«

»Mr. Willoughby? Ist das denn nicht gefährlich? Ich meine …« Ich warf einen verstohlenen Blick auf den kleinen Chinesen, der geduldig im Schneidersitz auf einem Schemel saß und in sauberer blauer Seide erstrahlte, und senkte meine Stimme. »Ich meine, es wird doch Wein geben, oder nicht?«

Jamie nickte. »Und Whisky und Rotwein und Portwein und Champagnerpunsch – und ein kleines Fässchen feinsten französischen Brandy, mit den besten Wünschen von Monsieur Etienne Marcel des Provac Alexandre.« Er hob die Hand an seine Brust und verbeugte sich erneut in einer derart übertriebenen Pantomime, dass ich lachen musste. »Keine Sorge«, sagte er und richtete sich auf. »Er wird sich benehmen, sonst will ich seine Korallenkugel zurück – nicht wahr, kleiner Heide?«, fügte er hinzu und grinste Mr. Willoughby an.

Der chinesische Gelehrte nickte außerordentlich würdevoll. Die bestickte schwarze Seide seiner runden Kappe war mit einer kleinen, kugelförmigen Schnitzerei aus roter Koralle verziert – das Zeichen seiner Profession, das er dank einer zufälligen Begegnung mit einem Korallenhändler auf den Docks von Montego – und dank Jamies Großzügigkeit – jetzt wieder trug.

»Bist du dir wirklich sicher, dass wir gehen müssen?« Mein Herzklopfen wurde zwar zum Teil durch die Enge meines Korsetts verursacht, zum weitaus größeren Teil jedoch dadurch, dass ich mir immer wieder ausmalte, wie Jamie die Perücke vom Kopf fiel und der Empfang zum Stillstand kam, weil sämtliche Anwesenden sein Haar anstarrten, ehe sie im Chor nach der Königlichen Marine riefen.

»Aye, das müssen wir.« Er lächelte mir beruhigend zu. »Keine Sorge, Sassenach; falls irgendjemand von der Porpoise dort ist, ist es kaum wahrscheinlich, dass er mich erkennen wird – nicht so.«

»Ich hoffe es. Glaubst du denn, es wird heute Abend jemand von dem Schiff dort sein?«

»Ich bezweifle es.« Er kratzte sich heftig über dem linken Ohr an der Perücke. »Woher hast du dieses Ding, Fergus? Ich glaube, es hat Läuse.«

»Oh nein, Milord«, beschwichtigte ihn Fergus. »Der Perückenmacher, von dem ich sie ausgeliehen habe, hat mir versichert, dass sie mit Ysop und Pferdenesseln eingepudert wurde, um derartige Heimsuchungen zu verhindern.« Fergus selbst trug sein eigenes Haar kräftig gepudert und machte in einem neuen Anzug aus dunkelblauem Samt eine gute Figur – wenn auch weniger auffallend als Jamie.

Es klopfte zögernd an der Tür, und Marsali trat ein. Auch sie war neu eingekleidet worden und schimmerte in einem zartrosa Kleid mit einer dunkleren rosa Schärpe.

Allerdings, so fand ich, schimmerte sie etwas mehr, als allein durch das Kleid zu erklären war. Auf dem Weg durch den schmalen Korridor mussten wir unsere Röcke einziehen, um zu verhindern, dass sie die Wände berührten, und es gelang mir, mich zu ihr hinüberzubeugen und ihr etwas zuzuflüstern.

»Benutzt du auch das Rainfarnöl?«

»Mm?«, sagte sie geistesabwesend, denn ihr Blick hing an Fergus, der sich in diesem Moment verneigte und ihr die Tür der Kutsche aufhielt. »Was hast du gesagt?«

»Nicht wichtig«, sagte ich resigniert. Das war im Moment die geringste unserer Sorgen.

Der Gouverneurspalast war hell erleuchtet. Laternen standen auf der niedrigen Mauer der Veranda und hingen an den Bäumen, die die Gartenwege säumten. Buntgekleidete Menschen stiegen aus ihren Kutschen auf den Muschelkalk der Auffahrt, um dann durch eine riesige gläserne Flügeltür in das Haus zu treten.