Выбрать главу

Auch wir ließen unsere – oder vielmehr Jareds – Kutsche weiterfahren, blieben aber noch einen Moment auf der Zufahrt stehen, um abzuwarten, bis sich eine kleine Lücke unter den Neuankömmlingen auftat. Jamie schien ein wenig nervös zu sein – für seine Verhältnisse; seine Finger zuckten zwar hin und wieder gegen den grauen Satin, doch äußerlich verhielt er sich so wie immer.

Im Foyer fand ein kurzes Defilee statt; mehrere nachrangige Würdenträger waren eingeladen worden, dem neuen Gouverneur beim Empfang seiner Gäste behilflich zu sein. Ich passierte die Schlange vor Jamie und nickte dem Bürgermeister von Kingston und seiner Frau lächelnd zu. Beim Anblick eines reichlich mit goldenen Tressen und Epauletten dekorierten Admirals, der der Nächste war, sank mir ein wenig der Mut, doch seine Züge legten nicht mehr als leises Erstaunen an den Tag, als er dem gigantischen Franzosen und dem winzigen Chinesen in meiner Begleitung die Hände schüttelte.

Da war ja mein Bekannter von der Porpoise; heute Abend war Lord Johns Haar zwar unter einer formellen Perücke verborgen, doch ich erkannte seine feinen, klaren Gesichtszüge und seinen schlanken, muskulösen Körper sofort. Er stand allein, ein wenig abseits der übrigen Würdenträger. Den Gerüchten nach hatte sich seine Frau geweigert, England zu verlassen, um ihn auf seinen Posten zu begleiten.

Er wandte sich mir zu, um mich zu begrüßen, eine Miene förmlicher Höflichkeit im Gesicht. Er sah hin, blinzelte und brach dann in ein Lächeln von außergewöhnlich freudiger Wärme aus.

»Mrs. Malcolm!«, rief er aus und ergriff meine Hände. »Ich freue mich so, Euch zu sehen!«

»Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit«, sagte ich und erwiderte sein Lächeln. »Ich wusste bei unserer letzten Begegnung nicht, dass Ihr der Gouverneur seid. Ich fürchte, ich habe wohl die Etikette verletzt.«

Er lachte, und sein Gesicht leuchtete im Schein der Kerzen an der Wand. Jetzt, da ich ihn zum ersten Mal bei Licht betrachtete, wurde mir klar, was für ein auffallend attraktiver Mann er war.

»Ich würde sagen, Ihr hattet eine exzellente Ausrede«, sagte er. Er betrachtete mich sorgfältig. »Darf ich sagen, dass Ihr heute Abend bemerkenswert gut ausseht? Anscheinend bekommt Euch die Inselluft besser als die Miasmen an Bord eines Schiffs. Ich hatte gehofft, dass ich Euch vor dem Verlassen der Porpoise noch einmal begegnen würde, doch als ich mich nach Euch erkundigt habe, teilte mir Mr. Leonard mit, Ihr wärt unpässlich. Ich hoffe, Ihr habt Euch wieder voll und ganz erholt?«

»Oh, voll und ganz«, sagte ich belustigt zu ihm. Unpässlich, wie? Anscheinend hatte Tom Leonard nicht zugeben wollen, dass er mich von Bord verloren hatte. Ich fragte mich, ob er mein Verschwinden wohl im Logbuch notiert hatte.

»Darf ich Euch meinen Mann vorstellen?« Ich drehte mich um und winkte Jamie zu, der in angeregter Unterhaltung mit dem Admiral aufgehalten worden war, jetzt aber mit Mr. Willoughby auf uns zukam.

Als ich mich wieder umdrehte, stellte ich fest, dass der Gouverneur grün wie eine Stachelbeere geworden war. Er starrte von Jamie zu mir und wieder zurück, als hätte er gleich zwei Gespenster vor sich stehen.

Jamie kam neben mir zum Halten und neigte den Kopf elegant in Richtung des Gouverneurs.

»John«, sagte er leise. »Es ist schön, dich zu sehen, Mann.«

Der Mund des Gouverneurs öffnete und schloss sich, ohne dass ein Laut herauskam.

»Lass uns später miteinander reden«, murmelte Jamie. »Vorerst jedoch – ist mein Name Etienne Alexandre.« Er nahm meinen Arm und verbeugte sich förmlich. »Und dürfte ich dir meine Frau vorstellen, Claire?«, sagte er laut und wechselte mühelos ins Französische.

»Claire?« Der Gouverneur warf mir einen wilden Blick zu. »Claire?«

»Äh, ja«, sagte ich und hoffte, dass er nicht in Ohnmacht fallen würde. Er sah ganz danach aus, obwohl ich keine Ahnung hatte, warum es eine solche Wirkung auf ihn haben sollte, meinen Vornamen zu erfahren.

Die nächsten Ankömmlinge warteten ungeduldig darauf, dass wir den Weg frei machten. Ich verbeugte mich mit einer kleinen Bewegung meines Fächers, und wir spazierten in den großen Salon der Residenz. Als ich mich noch einmal umschaute, sah ich, wie uns der Gouverneur, der bereits mechanisch dem nächsten Gast die Hand schüttelte, weiß wie Papier hinterherstarrte.

Der Salon war ein riesiger Raum mit einer niedrigen Decke, der voller Menschen war, lärmend und bunt wie ein Käfig voller Papageien. Der Anblick erleichterte mich ein wenig. In dieser Menschenmenge würde Jamie trotz seiner Körpergröße nicht allzu sehr auffallen.

An einer Seite des Zimmers spielte ein kleines Orchester neben einer Flügeltür, die zur Terrasse hin offen stand. Ich sah eine Reihe von Gästen dorthin schlendern, entweder auf der Suche nach frischer Luft oder nach Ruhe, um sich unter vier Augen zu unterhalten. Auf der anderen Seite des Salons führte eine weitere geöffnete Flügeltür in einen kurzen Flur, in dem sich die Ruheräume befanden.

Wir kannten niemanden und hatten keinen Gönner, der uns hätte vorstellen können. Dank Jamies weiser Voraussicht hatten wir das jedoch auch gar nicht nötig. Innerhalb weniger Sekunden nach unserem Eintreffen begannen sich die Frauen um uns zu drängen, weil sie von Mr. Willoughby fasziniert waren.

»Mein Bekannter, Mr. Yi Tien Cho«, stellte ihn Jamie einer kräftigen jungen Dame in straffem gelbem Satin vor. »Unlängst noch im himmlischen Königreich China beheimatet.«

»Ooh!« Beeindruckt ließ die junge Dame ihren Fächer vor ihrem Gesicht hin und her flattern. »Wirklich aus China? Wie unvorstellbar weit Ihr gereist sein müsst! Bitte lasst mich Euch auf unserer kleinen Insel willkommen heißen, Mr. – Cho?« Sie hielt ihm die Hand entgegen und erwartete eindeutig, dass er sie küsste.

Mr. Willoughby verneigte sich tief, die Hände in seinen Ärmeln, und sagte pflichtschuldigst etwas auf Chinesisch. Die junge Frau sah begeistert aus. Jamie wirkte im ersten Moment verblüfft, doch dann legte sich die Maske des Weltmanns wieder über sein Gesicht. Ich sah, wie sich Mr. Willoughbys glänzende schwarze Augen auf die Schuhspitzen der Dame hefteten, die unter dem Saum ihres Kleids hervorlugten, und fragte mich, was er wohl genau zu ihr gesagt hatte.

Jamie ergriff die Gelegenheit – und die Hand der Dame, über die er sich mit extremer Höflichkeit beugte.

»Euer Diener, Madame«, sagte er auf Englisch mit starkem Akzent. »Etienne Alexandre. Und darf ich Euch meine Frau vorstellen, Claire?«

»Oh, ja, freut mich so, Euch kennenzulernen!« Rot vor Aufregung, nahm die junge Frau meine Hand und drückte sie. »Ich bin Marcelline Williams; vielleicht kennt Ihr meinen Bruder Judah? Er ist der Besitzer von Twelvetrees – Ihr wisst schon, die große Kaffeeplantage? Ich darf die Saison bei ihm verbringen, und es ist ja alles so herrlich!«

»Nein, wir kennen hier leider niemanden«, sagte ich entschuldigend. »Wir sind selbst gerade erst eingetroffen – aus Martinique, wo mein Mann mit Zucker handelt.«

»Oh«, rief Miss Williams und riss die Augen weit auf. »Aber dann müsst Ihr mir gestatten, Euch mit meinen ganz besonderen Freunden bekannt zu machen, den Stephens’. Ich glaube, sie sind auch schon einmal auf Martinique gewesen, und Georgina Stephens ist so eine wunderbare Person – Ihr werdet sie auf der Stelle ins Herz schließen, das verspreche ich Euch.«

Und mehr gehörte gar nicht dazu. Innerhalb einer Stunde war ich Dutzenden von Menschen vorgestellt worden, und die Strömung trug mich langsam durch den Raum, so dass ich mich von einem Grüppchen zum nächsten treiben lassen konnte und auf der Welle der Begrüßungen, die Miss Williams ins Rollen gebracht hatte, von Hand zu Hand weitergeschwemmt wurde.

Am anderen Ende des Salons konnte ich Jamie sehen, der seine Begleiter um mehr als einen Kopf überragte, der Inbegriff aristokratischer Würde. Er unterhielt sich freundlich mit einer Gruppe von Männern, die nur so darauf brannten, die Bekanntschaft eines wohlhabenden Geschäftsmanns zu machen, der ihnen womöglich nützliche Kontakte zum französischen Zuckerhandel eröffnen konnte. Einmal erhaschte ich im Vorübergehen flüchtig seinen Blick, und er lächelte mich strahlend an, ehe er sich elegant verbeugte. Ich fragte mich zwar immer noch, was in Gottes Namen er im Schilde führte, doch ich zuckte innerlich mit den Schultern. Er würde es mir schon sagen, wenn er so weit war.