Fergus und Marsali, die sich selbst wie üblich vollkommen genug waren, tanzten an einem Ende der Tanzfläche, und ihr leuchtendes Gesicht blickte lächelnd zu ihm auf. Aus gegebenem Anlass hatte Fergus auf seinen praktischen Haken verzichtet und trug stattdessen einen mit Kleie gefüllten schwarzen Lederhandschuh, den er mit Sicherheitsnadeln am Ärmel seines Rocks befestigt hatte. Dieser ruhte nun auf dem Rücken von Marsalis Kleid, wo er zwar etwas steif wirkte, jedoch nicht so unnatürlich, dass er für Gerede sorgte.
Ich tanzte an ihnen vorüber und drehte mich im Schneckentempo in den Armen eines kleinen, runden englischen Pflanzers namens Carstairs, der mir Belanglosigkeiten in den Busen murmelte, während ihm der Schweiß über das rote Gesicht strömte.
Unterdessen genoss Mr. Willoughby einen nie dagewesenen gesellschaftlichen Triumph im Zentrum der Aufmerksamkeit eines ganzen Schwarms von Damen, die miteinander darum wetteiferten, ihm Leckerbissen und Getränke aufzudrängen. Seine Augen leuchteten, und seine gelblichen Wangen erblühten in einer leichten Röte.
Am Ende des Tanzes setzte mich Mr. Carstairs bei einer anderen Damengruppe ab und machte sich ritterlich auf den Weg, um mir ein Glas Rotwein zu holen. Ich verlor keine Zeit und fragte die Damen, ob sie mit den Abernathys bekannt seien, die mir als wünschenswerte Kontaktpersonen ans Herz gelegt worden seien.
»Abernathy?« Mrs. Hall, eine jüngere Matrone, fächelte sich Luft zu und blickte mich ausdruckslos an. »Nein, ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen bekannt wäre. Wisst Ihr denn, ob sie überhaupt in der Gesellschaft verkehren?«
»Nicht doch, Joan!« Ihre Freundin, Mrs. Yoakum, setzte ein schockiertes Gesicht auf, und zwar jene genüssliche Sorte Schock, die einer besonders pikanten Enthüllung vorausgeht. »Natürlich hast du von den Abernathys gehört! Du weißt schon, der Mann, der Rose Hall gekauft hat, oben am Yallahs River?«
»Oh ja!« Mrs. Halls blaue Augen wurden groß. »Der so kurz nach dem Kauf gestorben ist?«
»Ja, genau«, meldete sich eine andere Dame zu Wort, die bis jetzt nur zugehört hatte. »Malaria, hieß es, aber ich habe mit dem Arzt gesprochen, der ihn behandelt hat – er war bei uns, um Mamas Bein zu verbinden, sie leidet ja so an der Wassersucht –, und er hat mir erzählt – natürlich strikt im Vertrauen …«
Und dann gab es kein Halten mehr. Rosie MacIver war eine akribische Berichterstatterin; hier bekam ich alles zu hören, was sie uns erzählt hatte, und noch mehr dazu. Ich bekam den Gesprächsfaden zu fassen und versetzte ihm einen Ruck in die gewünschte Richtung.
»Hat Mrs. Abernathy eigentlich neben ihren Sklaven auch Leibeigene?«
Hier unterschieden sich die Meinungen. Manche glaubten, sie hätte mehrere Leibeigene unter ihren Bediensteten, manche glaubten, nur einen oder zwei – keiner der Anwesenden hatte Rose Hall je betreten, aber die Leute sagten schließlich …
Einige Minuten später hatte sich das Gerede frischer Nahrung zugewandt, nämlich dem unglaublichen Auftreten des neuen Vikars, Mr. Jones, mit der Witwe Mina Alcott, doch was konnte man von einer Frau von ihrem Ruf schon erwarten; gewiss war es nicht allein die Schuld des jungen Mannes, wo sie doch so viel älter war, obwohl man natürlich von einem Mann des Glaubens mehr erwarten konnte … Ich entschuldigte mich, weil mir die Ohren rauschten, und schlüpfte in den Ruheraum der Damen davon.
Unterwegs sah ich Jamie am Buffet stehen. Er unterhielt sich mit einer hochgewachsenen, rothaarigen jungen Frau mit einem bestickten Baumwollkleid, eine Spur von unbewachter Zärtlichkeit in seinem Blick. Sie lächelte selig zu ihm auf, weil sie sich durch seine Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlte. Ich lächelte über den Anblick und fragte mich, was die junge Dame wohl denken würde, wenn sie begriff, dass sein Blick eigentlich gar nicht auf sie gerichtet war, sondern er sie sich als die Tochter vorstellte, der er nie begegnet war.
Im äußeren Ruheraum trat ich vor den Spiegel, um mir die Locken festzustecken, die sich beim Tanzen gelöst hatten, und genoss die vorübergehende Stille. Der Ruheraum war luxuriös ausgestattet. Eigentlich bestand er aus drei separaten Zimmern, denn von dem eigentlichen Raum, in dem ich stand, gingen zwei weitere Räume mit den Nachtstühlen und der Garderobe ab. Hier gab es nicht nur einen langen Wandspiegel und einen komplett ausgestatteten Schminktisch, sondern auch einen mit rotem Samt bezogenen Diwan, den ich mit einiger Sehnsucht betrachtete – meine Schuhe kniffen furchtbar –, doch die Pflicht rief.
Bis jetzt hatte ich nichts über die Plantage der Abernathys erfahren, was wir nicht schon wussten, obwohl ich eine hilfreiche Liste mit diversen anderen Plantagen in der Nähe von Kingston zusammengetragen hatte, auf denen Leibeigene arbeiteten. Ich fragte mich, ob Jamie vorhatte, seinen Freund, den Gouverneur, um Hilfe bei der Suche nach Ian zu bitten – das wäre vielleicht ein Grund gewesen, der unser riskantes Erscheinen am heutigen Abend rechtfertigte.
Doch Lord Johns Reaktion auf die Enthüllung meiner Identität hatte mich sowohl verwundert als auch bestürzt; man hätte meinen können, der Mann hätte ein Gespenst gesehen. Blinzelnd betrachtete ich mein violettes Spiegelbild und bewunderte den glitzernden schwarz-goldenen Fisch an meinem Hals, doch ich konnte nichts Erschreckendes an meiner Erscheinung finden. Meine Frisur war mit Haarnadeln hochgesteckt, die mit Zuchtperlen und Brillanten verziert waren, und die diskrete Anwendung von Mrs. MacIvers Kosmetika hatte mir auf das Schmeichelhafteste die Lider verdunkelt und die Wangen gerötet – wenn ich das so sagen durfte.
Ich zuckte mit den Schultern und klimperte mein Spiegelbild verführerisch mit den Wimpern an, dann betastete ich ein letztes Mal mein Haar und kehrte in den Salon zurück.
Ich bahnte mir den Weg zum Buffet, wo eine große Vielfalt an Kuchen, Teilchen, Pastetchen, Obst, Pralinen, gefülltem Brot und eine Reihe weiterer Dinge zur Verfügung standen, deren Namen ich zwar nicht kannte, die ich aber für essbar hielt. Als ich mich zerstreut mit einem Obstteller vom Buffet abwandte, stieß ich blindlings mit einer dunklen Weste zusammen. Während ich mich noch bei ihrem Besitzer entschuldigte, stellte ich fest, dass ich mich Reverend Archibald Campbells mürrischem Gesicht gegenübersah.
»Mrs. Malcolm!«, rief er erstaunt aus.
»Äh … Reverend Campbell«, erwiderte ich ziemlich schwach. »Was für eine Überraschung.« Zögerlich betupfte ich ein Stückchen Mango an seinem Wams, doch er trat einen vielsagenden Schritt zurück, und ich ließ es sein.
Mit großer Kälte richtete er den Blick auf meinen Ausschnitt.
»Ich hoffe, es geht Euch gut, Mrs. Malcolm?«, sagte er.
»Ja, danke«, sagte ich und wünschte, er würde aufhören, mich Mrs. Malcolm zu nennen, ehe ihn jemand hörte, dem ich als Madame Alexandre vorgestellt worden war.
»Es tut mir so leid, das mit Eurer Schwester zu erfahren«, sagte ich, um ihn abzulenken. »Habt Ihr inzwischen von ihr gehört?«
»Nein. Meine eigenen Möglichkeiten, eine Suche zu veranlassen, waren natürlich begrenzt«, sagte er. »Eines meiner Gemeindemitglieder hat mir vorgeschlagen, ihn und seine Frau heute Abend hierher zu begleiten, um dem Gouverneur meinen Fall vorzutragen und ihn um Hilfe beim Aufspüren meiner Schwester zu bitten. Ich versichere Euch, Mrs. Malcolm, eine weniger gewichtige Überlegung hätte mich nie bewegen können, einem solchen Anlass beizuwohnen.«
Er warf einen Blick des tiefsten Abscheus auf ein lachendes Grüppchen in unserer Nähe, wo drei junge Männer miteinander darum wetteiferten, wer den geistreichsten Trinkspruch auf eine Gruppe junger Damen auszubringen vermochte, die diese Aufmerksamkeit mit großem Gekicher und energischem Fächeln quittierten.