»Ich bedaure Euer Unglück wirklich sehr, Reverend«, sagte ich und versuchte, mich beiseitezustehlen. »Miss Cowden hat mir ein wenig von der Tragödie Eurer Schwester erzählt. Falls ich irgendwie helfen kann …«
»Es gibt keine Hilfe«, unterbrach er mich. Sein Blick war trostlos. »Es war die Schuld der papistischen Stuarts mit ihrem verderbten Versuch, den Thron zu erobern, und der zügellosen Highlander, die ihnen gefolgt sind. Nein, der Einzige, der helfen kann, ist Gott. Er hat das Haus Stuart vernichtet, er wird auch den Menschen Fraser vernichten, und an diesem Tag wird meine Schwester geheilt.«
»Fraser?« Bei dieser Wendung des Gesprächsverlaufs wurde mir unbehaglich. Ich ließ den Blick hastig durch das Zimmer schweifen, doch Jamie war glücklicherweise nirgendwo in Sicht.
»Das ist der Name des Mannes, der Margaret verführt hat, ihre Familie und ihre wahren Wurzeln zu verraten. Es mag nicht seine Hand gewesen sein, die sie vernichtet hat, doch es ist seinetwegen geschehen, dass sie ihr Haus und jede Sicherheit aufgegeben hat und sich in Gefahr begeben hat. Aye, Gott wird an James Fraser Gerechtigkeit verüben«, sagte er mit einer Art grimmiger Genugtuung bei dieser Vorstellung.
»Ja, das wird er gewiss«, murmelte ich. »Wenn Ihr mich entschuldigen würdet; ich glaube, ich sehe eine Freundin …« Ich versuchte, ihm zu entwischen, doch eine Prozession von Dienstboten mit Fleischplatten verstellte mir den Weg.
»Gott wird es nicht dulden, dass die Lüsternheit obsiegt«, fuhr der Reverend fort. Offenbar war er der Meinung, dass die Ansichten des Allmächtigen weitgehend mit den seinen übereinstimmten. Seine kleinen grauen Augen ruhten voll eisiger Missbilligung auf mehreren Damen in unserer Nähe, die Mr. Willoughby umschwärmten wie bunte Motten eine chinesische Laterne.
Mr. Willoughby leuchtete tatsächlich munter vor sich hin. Sein schrilles Gekicher übertönte das Lachen der Damen, und ich sah ihn schwerfällig wankend mit einem Dienstboten zusammenprallen, der um ein Haar sein Tablett mit Sorbetschälchen verloren hätte.
»Lasset die Frauen Nüchternheit erlernen«, intonierte der Reverend jetzt, »auf dass sie bunte Kleider und geflochtene Haare meiden.« Er schien jetzt in Fahrt zu kommen; zweifellos waren Sodom und Gomorrha als Nächstes dran. »Eine Frau, die keinen Ehemann hat, sollte sich dem Dienst am Herrn weihen, und sich niemals öffentlich zur Schau stellen. Seht Ihr Mrs. Alcott? Eine Witwe, die fromme Werke tun sollte?«
Ich folgte der Richtung, in die sich sein Stirnrunzeln wandte, und sah, dass sein Blick auf eine rundliche, fröhliche Frau Mitte dreißig gerichtet war, deren hellbraunes Haar zu kleinen Löckchen frisiert war und die gerade über Mr. Willoughby kicherte. Ich betrachtete sie neugierig. Das war also die lustige Witwe von Kingston!
Der kleine Chinese hatte sich jetzt auf seine Hände und Knie begeben und kroch auf dem Boden umher, angeblich, um einen verlorenen Ohrring zu suchen, und Mrs. Alcott kreischte in gespieltem Schrecken auf, als er ihre Füße erkundete. Ich hielt es für besser, mich unverzüglich auf die Suche nach Fergus zu machen, damit er Mr. Willoughby von seinen neuen Bekannten trennte, ehe die Dinge außer Kontrolle gerieten.
Der Reverend, den dieses Schauspiel offenbar unerträglich brüskierte, stellte abrupt sein Limonadenglas hin, wandte sich ab und bahnte sich rücksichtslos mit den Ellbogen den Weg zur Terrasse.
Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus; sich mit Reverend Campbell zu unterhalten, hatte etwas von einer fröhlichen Plauderei mit einem Henker – obwohl der einzige Henker, den ich je persönlich kennengelernt hatte, ein deutlich angenehmerer Gesprächspartner gewesen war als der Reverend.
Plötzlich sah ich Jamies hochgewachsene Gestalt auf die Tür zusteuern, hinter der ich die Privatgemächer des Gouverneurs vermutete. Also würde er sich jetzt vermutlich mit Lord John unterhalten. Neugierig beschloss ich mitzugehen.
Im Salon herrschte inzwischen solches Gedränge, dass ich ihn nur mit Schwierigkeiten durchqueren konnte. Als ich endlich die Tür erreichte, durch die Jamie gegangen war, war er längst verschwunden, doch ich durchschritt sie ebenfalls.
Ich fand mich in einem langen Korridor wieder, der durch Kerzen in Wandhaltern gedämpft beleuchtet wurde und in Abständen mit langen Fenstern durchbrochen war. Hier drang der rote Schein der Fackeln auf der Terrasse ein und spiegelte sich im Glanz des metallischen Wandschmucks. Dieser war weitgehend militärischer Natur und bestand aus dekorativ angeordneten Pistolen, Messern, Schilden und Schwertern. Lord Johns persönliche Andenken?, fragte ich mich, oder gehörten sie zum Haus?
Abseits der Geräuschkulisse im Salon war es bemerkenswert still. Ich ging durch den Flur, wo ein Orientläufer auf dem Parkett meine Schritte dämpfte.
Vor mir hörte ich unverständliches Gemurmel von Männerstimmen. Ich bog um eine Ecke in einen kürzeren Korridor ein und sah vor mir eine Tür, aus der Licht hervordrang – dies musste das private Schreibzimmer des Gouverneurs sein. Im Inneren hörte ich Jamies Stimme.
»O Gott, John«, sagte er.
Ich erstarrte, eher durch den Ton der Stimme gebremst als durch die Worte – sie war so voller Emotion, wie ich es selten bei ihm gehört hatte.
Ich näherte mich auf leisen Sohlen. Durch die halboffene Tür sah ich Jamie mit gesenktem Kopf im Zimmer stehen, in enger Umarmung mit Lord John Grey.
Ich stand still, weil ich zu keiner Bewegung, zu keinem Wort imstande war. Während ich sie beobachtete, lösten sie sich voneinander. Jamie drehte mir den Rücken zu, doch Lord John stand dem Korridor zugewandt; er hätte mich problemlos sehen können, wenn er in meine Richtung geblickt hätte. Doch sein Blick war nicht auf den Flur gerichtet. Er starrte Jamie an, und seine Miene war von derart nacktem Hunger erfüllt, dass mir der Anblick das Blut in die Wangen trieb.
Mir fiel der Fächer aus der Hand. Ich sah, wie der Gouverneur, durch das Geräusch aufgeschreckt, den Kopf wandte. Dann rannte ich durch den Flur auf den Salon zu, und mein Herzschlag dröhnte mir in den Ohren.
Ich schoss durch die Tür in den Salon und kam hämmernden Herzens hinter einem Kübel mit einer Palme zum Stehen. Die schmiedeeisernen Kronleuchter waren dicht an dicht mit Bienenwachskerzen bestückt, und an den Wänden brannten Kiefernfackeln, doch selbst so war es in den Zimmerecken dunkel. Ich stand im Schatten und zitterte.
Meine Hände waren kalt, und mir war übel geworden. Was in Gottes Namen ging hier vor?
Das Erschrecken des Gouverneurs, als er erfuhr, dass ich Jamies Frau war, war jetzt zumindest teilweise erklärt; dieser eine Blick der unbewachten Sehnsucht hatte mir genau gezeigt, wie es um ihn stand. Jamie war eine ganz andere Frage.
Er war Gefängnisverwalter in Ardsmuir, hatte er beiläufig gesagt. Und um einiges weniger beiläufig bei einer anderen Gelegenheit, weißt du, was Männer im Gefängnis tun?
Ich wusste es, aber ich hätte auf Briannas Haupt geschworen, dass Jamie es nie getan hatte, es nicht vermocht hatte, unter keinen Umständen. Zumindest hätte ich das bis heute Abend geschworen. Ich schloss keuchend meine Augen und versuchte, nicht an das zu denken, was ich gerade gesehen hatte.
Das war natürlich nicht möglich. Und doch, je mehr ich es bedachte, umso unwahrscheinlicher kam es mir vor. Möglich, dass die Erinnerung an Jack Randall gemeinsam mit den körperlichen Narben verblasst war, die er hinterlassen hatte, doch ich konnte nicht glauben, dass sie jemals so weit verblassen würden, dass er die körperliche Zuwendung eines anderen Mannes zuließ, geschweige denn, sie zu begrüßen.
Doch wenn er Grey auf so intime Weise kannte, dass sich das, was ich gerade mit angesehen hatte, im Namen der Freundschaft erklären ließ, warum hatte er mir dann nicht eher von ihm erzählt? Warum hatte er solchen Aufwand betrieben, um den Mann sehen zu können, sobald er erfuhr, dass Grey in Jamaica war? Wieder verkrampfte sich mein Magen, und das Gefühl der Übelkeit kehrte zurück. Ich hätte mich furchtbar gerne hingesetzt.