Während ich zitternd im Schatten an der Wand lehnte, öffnete sich die Tür zu den Gemächern des Gouverneurs, und der Gouverneur trat heraus, um zu seinem Empfang zurückzukehren. Sein Gesicht war errötet, und seine Augen leuchteten. Ich hätte ihn in diesem Moment mit Wonne ermorden können, hätte ich irgendetwas Tödlicheres als eine Haarnadel zur Hand gehabt.
Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür ein weiteres Mal, und Jamie kam keine zwei Meter neben mir zum Vorschein. Wieder trug er die Maske kühler Zurückhaltung, doch ich kannte ihn gut genug, um die Spuren tiefer Emotion darunter zu sehen. Doch ich konnte sie zwar sehen, aber nicht deuten. Erregung? Anspannung? Eine Mischung aus Angst und Freude? Etwas völlig anderes? Ich hatte diese Miene noch nie bei ihm gesehen.
Er suchte weder Gespräche noch Getränke, sondern begann stattdessen, durch den Raum zu schlendern, wo er offensichtlich nach jemandem Ausschau hielt. Nach mir.
Ich schluckte krampfhaft. Ich konnte ihm nicht gegenübertreten – nicht vor den Leuten. Ich blieb, wo ich war, und beobachtete ihn, bis er schließlich auf die Terrasse ging. So schnell ich konnte, verließ ich mein Versteck und durchquerte den Saal, um mich in den Ruheraum zu flüchten. Wenigstens würde ich mich dort kurz hinsetzen können.
Ich drückte die schwere Tür auf, trat ein und fühlte mich augenblicklich entspannter, als mich die warmen, tröstenden Gerüche von Frauenparfum und Puder umströmten. Dann traf mich der andere Geruch. Auch er war vertraut – einer der Gerüche meines Berufs. Doch hier hatte ich ihn nicht erwartet.
Noch war es still im Ruheraum; das laute Tosen des Salons war abrupt zu einem fernen Murmeln verstummt, wie ein Gewitter in der Ferne. Doch eine Zuflucht war er nicht mehr.
Mina Alcott lag mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem roten Samtdiwan. Ihr Kopf hing rückwärts über die Lehne, die Röcke waren ihr wirr über den Hals geworfen. Ihre Augen standen offen, kopfunter in Überraschung erstarrt. Das Blut aus ihrer durchtrennten Kehle hatte den Samt unter ihr schwarz gefärbt und sammelte sich tropfend unter ihrem Kopf in einer Pfütze. Ihr hellbraunes Haar hatte sich aus ihrer Frisur gelöst, und die verklebten Enden ihrer Löckchen baumelten in der Pfütze.
Erstarrt stand ich da, zu gelähmt, auch nur um Hilfe zu rufen. Dann hörte ich fröhliche Stimmen im Flur, und die Tür schwang auf. Im ersten Moment herrschte Stille, als die Frauen hinter mir es ebenfalls sahen.
Licht ergoss sich aus dem Flur durch die Tür auf den Boden, und in der Sekunde, ehe das Schreien begann, sah ich die Fußabdrücke, die zum Fenster führten – die schmalen, adretten Spuren einer Filzsohle, deren Konturen in Blut gezeichnet waren.
Kapitel 59
In welchem vieles ans Licht kommt
Sie hatten Jamie irgendwo hingebracht. Mich hatte man – zitternd und inkohärent – nicht ohne Ironie im privaten Schreibzimmer des Gouverneurs untergebracht, gemeinsam mit Marsali, die darauf beharrte, mir trotz meines Widerstandes das Gesicht mit einem Handtuch zu befeuchten.
»Sie können doch nicht glauben, dass Pa etwas damit zu tun hatte!«, sagte sie inzwischen zum fünften Mal.
»Das glauben sie auch nicht.« Ich riss mich endlich so weit zusammen, dass ich mit ihr sprechen konnte. »Aber sie glauben, dass Mr. Willoughby etwas damit zu tun hatte – und Jamie hat ihn mitgebracht.«
Sie starrte mich mit schreckgeweiteten Augen an.
»Mr. Willoughby? Aber das ist doch unmöglich!«
»Das hätte ich auch gedacht.« Ich fühlte mich, als hätte jemand mit einem Knüppel auf mich eingeschlagen; mir tat alles weh. Ich saß zusammengesackt auf einem kleinen Samtsofa und drehte ziellos ein Glas Brandy zwischen meinen Händen hin und her, denn ich konnte es nicht trinken.
Ich konnte nicht einmal entscheiden, was ich empfinden sollte, ganz zu schweigen davon, die widersprüchlichen Ereignisse und Gefühle des Abends auseinanderzudividieren. Meine Gedanken hüpften immer wieder zwischen der grauenvollen Szene im Ruheraum und dem Tableau hin und her, das ich vor einer halben Stunde genau in diesem Zimmer beobachtet hatte.
Ich saß vor dem breiten Schreibtisch des Gouverneurs. Auch jetzt noch konnte ich die beiden sehen, Jamie und Lord John, als wären sie vor mir auf die Wand gemalt.
»Ich glaube es einfach nicht«, sagte ich und fühlte mich ein wenig besser, weil ich es ausgesprochen hatte.
»Ich auch nicht«, sagte Marsali. Sie tigerte im Zimmer auf und ab, und ihre Schritte wechselten von Absatzklappern auf dem Parkett zu gedämpftem Pochen, sobald sie den geblümten Teppich betrat. »Er kann es nicht gewesen sein! Ich weiß, dass er ein Heide ist, aber wir haben schließlich mit dem Mann zusammengelebt! Wir kennen ihn!«
War das so? Kannte ich Jamie? Ich hätte schwören können, dass ich ihn kannte, und doch … Ich musste immer wieder daran denken, was er während unserer ersten gemeinsamen Nacht im Bordell zu mir gesagt hatte. Wirst du mich nehmen – und das Risiko eingehen mit dem Mann, der ich bin, um des Mannes willen, den du einmal kanntest? Ich hatte damals – und seitdem – gedacht, es gäbe keinen großen Unterschied zwischen den beiden. Aber wenn ich mich irrte?
»Ich irre mich nicht!«, murmelte ich und klammerte mich an meinem Glas fest. »Auf keinen Fall!« Wenn es möglich war, dass Jamie Lord John Grey zum Geliebten nahm und es vor mir verborgen hielt, war er nicht im Entferntesten der Mann, für den ich ihn gehalten hatte. Es musste eine andere Erklärung geben.
Von Laoghaire hat er dir auch nichts erzählt, sagte eine heimtückische Stimme in meinem Kopf.
»Das ist etwas anderes«, entgegnete ich standhaft.
»Was ist etwas anderes?« Marsali sah mich überrascht an.
»Ich weiß es nicht; beachte mich einfach nicht.« Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht und versuchte, die Verwirrung und die Erschöpfung beiseitezuwischen. »Wie lange sie doch brauchen.«
Die Nussbaumstanduhr hatte zwei Uhr nachts geschlagen, ehe sich endlich die Tür des Schreibzimmers öffnete und Fergus hereinkam, begleitet von einem grimmigen Milizionär.
Fergus sah ziemlich mitgenommen aus; der Puder war zum Großteil aus seinem Haar verschwunden und hatte sich wie Schuppen auf die Schultern seines dunkelblauen Rocks gelegt. Das, was noch übrig war, verlieh seinem Haar einen gräulichen Schimmer, als sei er um zwanzig Jahre gealtert. Keine Überraschung; ich fühlte mich, als hätte ich genau das getan.
»Wir können jetzt gehen, chérie«, sagte er leise zu Marsali. Er wandte sich mir zu. »Werdet Ihr mit uns kommen, Milady, oder auf Milord warten?«
»Ich warte«, sagte ich. Ich hatte nicht vor, zu Bett zu gehen, solange ich Jamie nicht gesehen hatte, ganz gleich, wie lange es dauerte.
»Dann schicke ich Euch die Kutsche zurück«, sagte er und legte Marsali die Hand in den Rücken, um sie hinauszugeleiten.
Der Milizionär murmelte etwas, als sie an ihm vorübergingen. Ich verstand es nicht, Fergus dagegen offenbar schon. Er erstarrte, kniff die Augen zusammen und wandte sich zu dem Mann zurück. Erwartungsvoll baute sich der Milizionär mit einem bösen Lächeln vor ihm auf. Ihm wäre sichtlich nichts lieber gewesen als eine Ausrede, um Fergus einen Fausthieb zu verpassen.
Zu seiner Überraschung lächelte ihn Fergus herzlich an und ließ seine weißen Nagerzähne aufglänzen.
»Ich danke Euch, mon ami«, sagte er, »für Eure Unterstützung in dieser schwierigen Lage.« Er hielt dem Mann eine Hand mit einem schwarzen Handschuh hin, und der Milizionär nahm sie überrascht an.
Mit einem Ruck zog Fergus den Arm zurück. Ein kurzes Reißen ertönte, dann raschelte es leise, und die Kleie rieselte auf den Parkettboden.