»Behaltet sie«, sagte er großzügig zu dem Milizionär. »Ein kleines Zeichen meiner Anerkennung.« Und dann waren sie fort, und der Mann blieb mit offenem Mund zurück und starrte entsetzt auf die augenscheinlich abgetrennte Hand hinunter, die er in der seinen hielt.
Eine weitere Stunde verging, bis sich die Tür das nächste Mal öffnete, diesmal, um den Gouverneur einzulassen. Er war unverändert attraktiv und so gepflegt wie eine weiße Kamelie, doch allmählich wurde er an den Rändern ein wenig braun. Ich stellte das unberührte Brandyglas beiseite und erhob mich, um ihm gegenüberzutreten.
»Wo ist Jamie?«
»Er wird noch durch Hauptmann Jacobs verhört, den Kommandeur der Miliz.« Er ließ sich in seinen Sessel sinken und wirkte verwundert. »Ich wusste gar nicht, dass er so erstaunlich gut Französisch spricht.«
»Anscheinend kennt Ihr ihn doch nicht so gut«, sagte ich bewusst provozierend. Was ich unbedingt wissen wollte, war, wie gut er Jamie kannte. Doch er ging nicht darauf ein, sondern setzte nur die Perücke ab und legte sie beiseite, um sich erleichtert mit der Hand durch das feuchte blonde Haar zu fahren.
»Glaubt Ihr, er kann eine solche Tarnung aufrechterhalten?«, fragte er stirnrunzelnd, und ich begriff, dass er so sehr mit dem Mord und mit Jamie beschäftigt war, dass er mich kaum beachtete, wenn überhaupt.
»Ja«, sagte ich knapp. »Wo halten sie ihn fest?« Ich wandte mich ab und steuerte auf die Tür zu.
»Im kleinen Salon«, sagte er. »Aber Ihr solltet vielleicht besser nicht …«
Ich hielt nicht inne, um ihm zuzuhören, sondern riss die Tür auf und steckte den Kopf in den Flur, dann zog ich ihn hastig wieder ein und schlug die Tür zu.
Im Flur näherte sich der Admiral, dem ich während des Defilees begegnet war. Mit Admirälen konnte ich umgehen. Allerdings befand er sich in Begleitung einer ganzen Flotte rangniederer Offiziere, und ich hatte ein Gesicht in seiner Entourage erspäht, das ich kannte, auch wenn der Mann jetzt die Uniform eines Oberleutnants trug statt eines übergroßen Kapitänsrocks.
Er war rasiert und ausgeruht, doch sein Gesicht war aufgedunsen und blau verfärbt; irgendjemand hatte ihn in nicht allzu ferner Vergangenheit verprügelt. Trotz seiner veränderten Erscheinung hatte ich nicht die geringsten Schwierigkeiten, Thomas Leonard zu erkennen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass er mich genauso problemlos erkennen würde, violette Seide oder nicht.
Hektisch suchte ich das Zimmer nach einem Versteck ab, doch wenn ich nicht in die Knieöffnung des Schreibtischs kriechen wollte, gab es keins. Der Gouverneur, der mich beobachtete, zog erstaunt die blonden Augenbrauen hoch.
»Was –?«, begann er, doch ich baute mich vor ihm auf und hielt mir den Finger an die Lippen.
»Verratet mich nicht, wenn Euch an Jamies Leben gelegen ist!«, zischte ich melodramatisch, und mit diesen Worten warf ich mich auf das Samtsofa, schnappte nach dem feuchten Handtuch, um es mir über das Gesicht zu werfen, und zwang meine Gliedmaßen – mit übermenschlicher Willenskraft – zu erschlaffen.
Ich hörte, wie sich die Tür öffnete, dann erklang die hohe Nörgelstimme des Admirals.
»Lord John …«, setzte er an, dann bemerkte er offensichtlich meine hingestreckte Gestalt, denn er brach ab und fuhr ein wenig leiser fort: »Oh! Wie ich sehe, seid Ihr beschäftigt?«
»Eigentlich nicht, Admiral, nein.« Grey war geistesgegenwärtig, das musste ich ihm lassen; er klang vollkommen beherrscht, als sei er es gewohnt, dass man ihn in Gesellschaft bewusstloser Frauen antraf. »Die Dame wurde von ihrem Schreck überwältigt, weil sie die Leiche entdeckt hat.«
»Oh!«, wiederholte der Admiral, und diesmal triefte seine Stimme vor Mitgefühl. »Ich verstehe vollkommen. Übler Schreck für eine Dame, gewiss.« Er zögerte, dann senkte er seine Stimme zu einer Art heiserem Flüstern und sagte: »Meint Ihr, sie schläft?«
»Das würde ich meinen«, versicherte ihm der Gouverneur. »Sie hat genug Brandy getrunken, um ein Pferd umzuhauen.« Meine Finger zuckten, doch es gelang mir, still liegen zu bleiben.
»Oh, gewiss. Das Beste gegen den Schreck, Brandy«, flüsterte der Admiral weiter, und er klang wie ein rostiges Scharnier. »Wollte Euch sagen, dass ich zusätzliche Männer aus Antigua kommen lasse – zu Eurer alleinigen Verfügung … Wachen, können die Stadt absuchen … wenn die Miliz den Kerl nicht zuerst findet«, fügte er hinzu.
»Das will ich doch nicht hoffen«, sagte eine zu allem entschlossene Stimme unter den Offizieren. »Ich würde den gelben Mistkerl gern selbst erwischen. Es würde nicht genug für den Galgen von ihm übrig bleiben, glaubt mir!«
Tiefes Beifallsgemurmel lief bei diesen Worten durch die Reihen der Männer, doch der Admiral brachte sie entschlossen zum Schweigen.
»Eure Worte ehren Euch, meine Herren«, sagte er, »doch das Gesetz wird in jeder Hinsicht geachtet werden. Das werdet Ihr den Männern unter Eurem Befehl verdeutlichen; wenn der Missetäter ergriffen wird, ist er zum Gouverneur zu bringen, und der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden, das versichere ich Euch.« Seine Offiziere pflichteten ihm widerstrebend bei.
Nachdem der Admiral diese Anordnung in normalem Ton erteilt hatte, senkte er die Stimme wieder zu einem Flüstern, um sich zu verabschieden.
»Ich bin in der Stadt einquartiert, in MacAdams’ Hotel«, krächzte er. »Zögert nicht, mich rufen zu lassen, wenn Ihr Hilfe benötigt, Exzellenz.«
Unter allgemeinem Geraschel und Gemurmel entfernten sich die Offiziere, die aus Rücksicht auf meinen Schlummer Diskretion walten ließen. Dann hörte ich die Schritte eines einzelnen Fußpaars, gefolgt vom Wusch und dem Ächzen einer Person, die sich schwer in einen Sessel fallen ließ. Einen Moment herrschte Stille.
Dann sagte Lord John: »Ihr könnt jetzt aufstehen, wenn Ihr wollt. Ich gehe davon aus, dass Euch der Schreck nicht tatsächlich umgeworfen hat«, fügte er ironisch hinzu. »Irgendwie habe ich den Verdacht, dass ein bloßer Mord nicht ausreichen würde, um eine Frau aus der Fassung zu bringen, die sich mit links einer Typhusepidemie in den Weg wirft.«
Ich hob mir das Handtuch vom Gesicht und schwang die Füße auf den Boden, um ihm im Sitzen entgegenzublicken. Er stützte sich mit dem Kinn in den Händen auf seinen Schreibtisch und starrte mich an.
»Es gibt Schreckmomente«, sagte ich präzise und strich mir die feuchten Locken glatt, während ich ihn zynisch ansah, »und es gibt Schreckmomente. Falls Ihr wisst, was ich meine.«
Er wirkte überrascht, dann flackerte Verständnis in seiner Miene auf. Er griff in seine Schreibtischschublade und zog meinen Fächer heraus – weiße, mit Veilchen bestickte Seide.
»Ich vermute, er ist von Euch? Ich habe ihn im Korridor gefunden.« Sein Mund verzog sich ironisch, als er mich ansah. »Ich verstehe. Dann habt Ihr vielleicht auch eine Vorstellung davon, welche Wirkung Euer Auftauchen am heutigen Abend auf mich gehabt hat.«
»Ich bezweifle es sehr«, sagte ich. Meine Finger waren nach wie vor eisig, und ich fühlte mich, als hätte ich einen großen, kalten Gegenstand verschluckt, der mir unangenehm gegen das Brustbein drückte. Ich holte tief Luft und versuchte vergeblich, ihn hinunterzuzwingen. »Ihr wusstet nicht, dass Jamie verheiratet war?«
Er blinzelte, jedoch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ich seine kleine, schmerzerfüllte Grimasse sah, als hätte ihn jemand plötzlich geohrfeigt.
»Ich wusste, dass er einmal verheiratet war«, korrigierte er. Er ließ die Hände sinken und beschäftigte sich ziellos mit den kleinen Gegenständen, die seinen Schreibtisch übersäten. »Er hat mir gesagt – zumindest hat er mir zu verstehen gegeben –, Ihr wärt tot.«
Grey ergriff einen kleinen silbernen Briefbeschwerer und drehte ihn wieder und wieder in den Händen, ohne den Blick von der glänzenden Oberfläche abzuwenden. Er war mit einem großen Saphir besetzt, der im Licht der Kerzen blau schimmerte.
»Hat er mich denn nie erwähnt?«, fragte er leise. Ich war mir nicht sicher, ob der Unterton in seiner Stimme Schmerz ausdrückte oder Wut. Unwillkürlich verspürte ich einen Hauch von Mitleid mit ihm.