»Doch, das hat er«, sagte ich. »Er hat gesagt, Ihr wärt sein Freund.« Er blickte auf, und seine feinen Züge erhellten sich ein wenig.
»Hat er das?«
»Ihr müsst verstehen«, sagte ich. »Er … ich … wir wurden durch den Krieg getrennt, den Aufstand. Jeder dachte vom anderen, er wäre tot. Ich habe ihn vor … mein Gott, ist es wirklich erst vier Monate her, dass ich ihn wiedergefunden habe?« Ich war erschüttert, und das nicht nur von den Ereignissen des Abends. Ich fühlte mich, als hätte ich gleich mehrere Leben gelebt seit jenem Tag, an dem ich die Tür der Druckerei in Edinburgh geöffnet hatte, um A. Malcolm über seine Presse gebeugt zu finden.
Die Spuren der Anspannung in Greys Gesicht glätteten sich ein wenig.
»Ich verstehe«, sagte er langsam. »Dann habt Ihr ihn also nicht gesehen, seit … mein Gott … das sind ja zwanzig Jahre!« Er starrte mich verdattert an. »Und vier Monate? Weshalb … wie …« Er schüttelte den Kopf und schob die Fragen beiseite.
»Nun, das spielt jetzt keine Rolle. Aber er hat Euch nichts von … das heißt … hat er Euch nicht von Willie erzählt?«
Ich blickte ihn verständnislos an.
»Wer ist Willie?«
Anstelle einer Erklärung beugte er sich vor und öffnete die Schreibtischschublade. Er zog einen kleinen Gegenstand hervor und legte ihn auf den Tisch, dann winkte er mir, zu ihm zu kommen.
Es war ein Porträt, eine ovale Miniatur in einem geschnitzten Rahmen aus feinkörnigem dunklen Holz. Ich warf einen Blick auf das Gesicht und setzte mich abrupt, denn meine Knie hatten sich in Wasser verwandelt. Greys Gesicht, das über dem Schreibtisch schwebte wie eine Wolke am Horizont, war mir höchstens dumpf bewusst, als ich die Miniatur aufhob, um sie mir genauer anzusehen.
Er hätte Briannas Bruder sein können, war mein erster Gedanke. Der zweite, der mir mit der Wucht eines Hiebs in den Solarplexus kam, war: »Mein Gott im Himmel, er ist Briannas Bruder!«
Es konnte keine großen Zweifel geben. Der Junge auf dem Porträt war vielleicht neun oder zehn, noch haftete seinem Gesicht etwas kindlich Weiches an, und seine Haarfarbe war ein sanftes Kastanienbraun, kein Rot. Doch die schrägen blauen Augen blickten kühn über eine Nase hinweg, die den Bruchteil eines Zentimeters zu lang war, und die hohen Wikingerwangenknochen pressten sich fest von innen gegen die glatte Haut. Die Haltung des Kopfes kündete von demselben Selbstbewusstsein, wie es der Mann besaß, von dem er dieses Gesicht hatte.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich es fast fallen gelassen hätte. Ich legte es wieder auf den Schreibtisch, hielt jedoch meine Hand darüber, als könnte es mir entgegenspringen und mich beißen. Grey beobachtete mich nicht ohne Mitgefühl.
»Ihr wusstet es nicht?«
»Wer …« Meine Stimme war heiser vor Schreck, und ich musste innehalten und mich räuspern. »Wer ist seine Mutter?«
Grey zögerte und betrachtete mich, dann zuckte er sacht mit den Schultern.
»War. Sie ist tot.«
»Wer war sie denn?« Immer noch breitete sich der Schock in Wellen von einem Epizentrum in meinem Magen aus, so dass mein Scheitel kribbelte und meine Zehen taub wurden, doch immerhin gewann ich jetzt die Kontrolle über meine Stimmbänder zurück. Ich konnte Jenny sagen hören: Er ist nicht die Sorte Mann, die allein schlafen sollte, aye? Offensichtlich nicht.
»Ihr Name war Geneva Dunsany«, sagte Grey. »Die Schwester meiner Frau.«
Meine Gedanken überschlugen sich, und ich vermute, mein Verhalten war alles andere als taktvoll.
»Eure Frau?«, sagte ich und glotzte ihn an. Er errötete tief und wandte den Blick ab. Hätte ich noch irgendwelche Zweifel über den Charakter des Blickes gehabt, den er Jamie zugeworfen hatte, so waren sie jetzt getilgt.
»Ich glaube, Ihr erzählt mir lieber ganz schnell, was genau Ihr mit Jamie zu tun habt und mit dieser Geneva und diesem Jungen«, sagte ich und griff erneut nach dem Porträt.
Er zog eine Augenbraue hoch, kühl und reserviert; auch er hatte einen Schreck bekommen, doch dieser ließ jetzt nach.
»Ich wüsste nicht, dass ich irgendwie dazu verpflichtet wäre«, sagte er.
Ich kämpfte das Bedürfnis nieder, ihm mit den Fingernägeln durch das Gesicht zu fahren, doch der Impuls muss mir anzusehen gewesen sein, denn er schob seinen Sessel zurück und hielt sich zum schnellen Reagieren bereit. Argwöhnisch betrachtete er mich über die dunkle Holzfläche hinweg.
Ich holte mehrmals tief Luft, öffnete meine Fäuste und sprach, so ruhig ich konnte.
»Richtig. Das seid Ihr nicht. Aber ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn Ihr es tun würdet. Warum habt Ihr mir das Bild überhaupt gezeigt, wenn Ihr nicht wollt, dass ich es erfahre?«, fügte ich hinzu. »Jetzt, da ich das weiß, werde ich den Rest gewiss von Jamie erfahren. Ihr könnt mir also genauso gut Eure Version erzählen.« Ich blickte zum Fenster; der Streifen Himmel, der zwischen den Fensterläden zu sehen war, war samtschwarz; noch war die Dämmerung nicht in Sicht. »Wir haben ja Zeit.«
Er holte tief Luft und legte den Briefbeschwerer hin. »So ist es vermutlich.« Abrupt wies er mit einem Ruck seines Kopfes auf die Karaffe. »Möchtet Ihr Brandy?«
»Ja«, sagte ich prompt, »und ich würde Euch nahelegen, ebenfalls einen Schluck zu trinken. Ich vermute, Ihr habt es genauso nötig wie ich.«
Ein schwaches Lächeln erschien flüchtig in seinem Mundwinkel.
»Ist das Eure ärztliche Meinung, Mrs. Malcolm?«
»Absolut«, sagte ich.
Nachdem dieser kleine Waffenstillstand geschlossen war, lehnte er sich zurück und rollte sein Brandyglas langsam zwischen den Händen hin und her.
»Ihr habt gesagt, Jamie hat von mir gesprochen«, sagte er. Ich muss zumindest schwach zusammengezuckt sein, als er Jamies Namen benutzte, denn er sah mich stirnrunzelnd an. »Wäre es Euch lieber, dass ich ihn beim Zunamen nenne?«, sagte er kalt. »Unter den Umständen kann ich wohl kaum wissen, welchen ich benutzen soll.«
»Nein.« Ich winkte ab und trank einen Schluck Brandy. »Ja, er hat von Euch gesprochen. Er hat gesagt, Ihr wärt Gefängnisverwalter in Ardsmuir gewesen; Ihr wärt ein Freund – und er könnte Euch vertrauen«, fügte ich widerstrebend hinzu. Jamie mochte ja das Gefühl haben, dass er Lord John Grey vertrauen konnte, doch ich war weniger optimistisch.
Diesmal geriet sein Lächeln nicht ganz so flüchtig.
»Es freut mich, das zu hören«, sagte Grey leise. Er senkte den Blick auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas, die er sanft kreisen ließ, um ihr berauschendes Bouquet freizugeben. Er trank einen Schluck, dann stellte er das Glas entschlossen hin.
»Ich bin ihm in Ardsmuir begegnet«, sagte er. »Und als das Gefängnis geschlossen wurde und man die anderen Gefangenen nach Amerika in die Leibeigenschaft verkauft hat, habe ich dafür gesorgt, dass Jamie stattdessen unter Ehrenwort an einen Ort in England namens Helwater gebracht wurde, der Freunden meiner Familie gehört.« Er sah mich an und zögerte, dann fügte er schlicht hinzu: »Ich konnte nämlich den Gedanken nicht ertragen, ihn nie mehr wiederzusehen.«
Mit wenigen knappen Worten machte er mich mit den nackten Tatsachen von Genevas Tod und Willies Geburt vertraut.
»Hat er sie geliebt?«, fragte ich. Der Brandy half, mir die Hände und Füße zu wärmen, doch an den großen kalten Klumpen in meinem Magen rührte er nicht.
»Er hat mir nie ein Wort von Geneva erzählt«, sagte Grey. Er schluckte den Rest seines Brandys, hüstelte und streckte die Hand aus, um sich nachzuschenken. Erst als er dieses Manöver beendet hatte, richtete er den Blick wieder auf mich und sagte: »Doch da ich sie gekannt habe, bezweifle ich es.« Sein Mund verzog sich ironisch.
»Von Willie hat er mir auch nicht erzählt, doch es gab einiges Gerede über Geneva und den alten Lord Ellesmere, und als der Junge vier oder fünf war, ließ die Ähnlichkeit keinen Zweifel daran, wer sein Vater war – wenn man sich denn die Mühe machte hinzusehen.« Wieder trank er einen großen Schluck Brandy. »Ich vermute, meine Schwiegermutter weiß Bescheid, doch sie würde natürlich nie ein Sterbenswörtchen darüber verlieren.«