»Nicht?«
Er starrte mich über den Rand seines Glases hinweg an.
»Nein, würdet Ihr es tun? Wenn Ihr wählen könntet, ob Euer einziges Enkelkind entweder der neunte Graf von Ellesmere ist und damit Erbe eines der reichsten Anwesen von England – oder der mittellose Bastard eines schottischen Verbrechers?«
»Ich verstehe.« Ich trank meinerseits einen Schluck Brandy, während ich versuchte, mir Jamie mit einer jungen Engländerin namens Geneva vorzustellen – und es mir nur allzu gut gelang.
»Ja«, sagte Grey trocken. »Jamie hat es auch verstanden. Und er besaß die große Klugheit, Helwater zu verlassen, ehe es für alle Welt offensichtlich wurde.«
»Und an diesem Punkt kommt Ihr dann wieder ins Spiel, richtig?«, fragte ich.
Er nickte mit geschlossenen Augen. In der Residenz war es still, obwohl ich in der Ferne Geräusche wahrnahm, die mir zu Bewusstsein brachten, dass das Haus noch wach war.
»So ist es«, sagte er. »Jamie hat mir den Jungen anvertraut.«
Der Stall in Ellesmere war solide gebaut; im Winter gemütlich, im Sommer ein kühler Zufluchtsort. Der kräftige braune Hengst zuckte träge mit den Ohren, als eine Fliege vorüberflog, stand aber zufrieden da und genoss die Zuwendungen des Stallknechts.
»Isobel ist böse auf dich«, sagte Grey.
»Ach ja?« Jamies Ton war gleichgültig. Er brauchte sich keine Gedanken mehr über das Missfallen der Dunsanys zu machen.
»Sie sagt, du hättest Willie erzählt, dass du Helwater verlässt, was ihn furchtbar bestürzt hat. Er heult schon den ganzen Tag.«
Jamie stand zwar mit dem Gesicht von ihm abgewandt, doch Grey sah, wie sich seine Halsmuskeln kaum merklich anspannten. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Stallmauer, während er zusah, wie der Striegel immer wieder mit harten, ebenmäßigen Bewegungen in die Tiefe fuhr und dunkle Spuren im schimmernden Fell des Pferdes hinterließen.
»Es wäre doch gewiss einfacher gewesen, dem Jungen nichts zu sagen?«, sagte Grey leise.
»Vermutlich wäre es das – für Lady Isobel.« Fraser wandte sich ab, um den Striegel beiseitezuräumen, und klopfte dem Hengst zum Abschluss mit der Hand auf die Kruppe. Grey hatte das Gefühl, dass der Geste etwas Endgültiges innewohnte; morgen würde Jamie fort sein. Auch ihm schnürte es ein wenig die Kehle zu, doch er schluckte das Gefühl hinunter. Er erhob sich und folgte Fraser zur Stalltür.
»Jamie –«, sagte er und legte Fraser die Hand auf die Schulter. Der Schotte fuhr herum, und seine Miene änderte sich zwar hastig, doch nicht schnell genug, um das Elend in seinem Blick zu verbergen. Er stand still und blickte auf den Engländer hinunter.
»Es ist richtig, dass du gehst«, sagte Grey. Erschrecken flammte in Frasers Augen auf, rasch gefolgt von Argwohn.
»Ist es das?«, fragte er.
»Jeder, der nicht völlig blind ist, könnte es sehen«, sagte Grey trocken. »Wenn sich die Leute je die Mühe machen würden, einen Stallknecht tatsächlich anzusehen, wäre es längst jemandem aufgefallen.« Er sah sich nach dem braunen Hengst um und zog die Augenbraue hoch. »Manche Hengste sind Stempelhengste. Ich habe den deutlichen Eindruck, dass deine Nachkommen immer unverwechselbar wären.«
Jamie sagte zwar nichts, doch Grey bildete sich ein, dass er eine Spur blasser geworden war als üblich.
»Du musst doch selber sehen – nun ja, vielleicht auch nicht«, verbesserte er sich. »Du hast vermutlich keinen Spiegel, oder?«
Jamie schüttelte mechanisch den Kopf. »Nein«, sagte er geistesabwesend. »Ich rasiere mich im Spiegelbild des Wassertrogs.« Er holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.
»Aye, nun ja«, sagte er. Er blickte zum Haus hinüber, wo die Glastüren zum Rasen hin offen standen. An schönen Tagen spielte Willie nach dem Essen dort.
Plötzlich wandte sich ihm Fraser entschlossen zu. »Gehst du ein Stück mit mir?«, fragte er.
Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich in Bewegung, vorbei am Stall auf den Feldweg, der von der kleinen Koppel zu den unteren Weiden führte. Er legte beinahe eine Viertelmeile zurück, ehe er auf einer sonnigen Lichtung am Rand des Tümpels unter ein paar Weiden stehen blieb.
Grey stellte fest, dass ihn der rasche Schritt des Mannes ins Keuchen brachte – das hatte er nun von seinem Luxusleben in London, tadelte er sich selbst. Fraser schwitzte natürlich nicht einmal, trotz des warmen Tages.
Ohne Umschweife wandte er sich zu Grey um und sagte: »Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.« Der Blick der schrägen blauen Augen war so direkt wie der Mann selbst.
»Wenn du glaubst, ich würde es jemandem sagen …«, begann Grey, dann schüttelte er den Kopf. »Du kannst doch im Leben nicht denken, dass ich so etwas tun würde. Ich weiß es schließlich schon eine ganze Weile – oder habe es zumindest vermutet.«
»Nein.« Ein schwaches Lächeln umspielte Jamies Mund. »Nein, ich glaube nicht, dass du das tun würdest, aber ich würde dich gern bitten …«
»Ja«, sagte Grey prompt. Jamies Mundwinkel zuckte.
»Du möchtest nicht zuerst wissen, was es ist?«
»Ich denke, ich weiß es schon; du möchtest, dass ich auf Willie achtgebe, dir vielleicht von seinem Wohlergehen berichte.«
Jamie nickte.
»Aye, das ist es.« Er blickte den Hang hinauf zu der Stelle, an der das Haus in seinem Nest aus flammenden Ahornbäumen halb verborgen lag. »Vielleicht ist es eine Zumutung, dich zu bitten, den weiten Weg aus London auf dich zu nehmen, um hin und wieder nach ihm zu sehen.«
»Ganz und gar nicht«, unterbrach ihn Grey. »Ich bin eigentlich hier, weil ich dir selbst etwas mitteilen wollte; ich werde heiraten.«
»Heiraten?« Der Schreck war Jamie deutlich anzusehen. »Eine Frau?«
»Ich glaube nicht, dass es viele Alternativen gibt«, erwiderte Grey trocken. »Doch ja, da du fragst, eine Frau. Lady Isobel.«
»Himmel, Mann! Das kannst du doch nicht tun!«
»Doch«, versicherte ihm Grey. Er verzog das Gesicht. »Ich habe mein Vermögen in London unter Beweis gestellt; ich versichere dir, dass ich ihr ein angemessener Ehemann sein werde. Man muss den Akt nicht notwendigerweise genießen, um ihn zu vollziehen – oder vielleicht war dir das ja bewusst?«
Jamies Mundwinkel bewegte sich unwillkürlich; eigentlich kein Zusammenzucken, doch deutlich genug, dass Grey es bemerkte. Jamie öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder und schüttelte den Kopf, weil er es sich offenbar anders überlegt hatte.
»Dunsany wird langsam zu alt, um das Anwesen zu verwalten«, sagte Grey. »Gordon ist tot, und Isobel und ihre Mutter schaffen es nicht allein. Unsere Familien sind seit Jahrzehnten miteinander bekannt. Es ist eine absolut adäquate Verbindung.«
»Ist das so?« Die sardonische Skepsis in Jamies Ton war nicht zu überhören. Grey wandte sich ihm zu, und er wurde rot, als er ihm scharf antwortete.
»Ja. Zu einer Ehe gehört mehr als die körperliche Liebe. Viel mehr.«
Fraser wandte sich abrupt ab. Er schritt zum Rand des Tümpels und blieb im Schilf stehen. Seine Schuhe sanken in den Uferschlamm, während er über die aufgerauhte Wasseroberfläche blickte. Grey wartete geduldig und nutzte die Zeit, um sich das Haarband zu lösen und die dichte blonde Masse wieder zu ordnen.
Schließlich kam Fraser langsamen Schrittes zurück, den Kopf gesenkt, als dächte er immer noch nach. Als er Grey wieder gegenüberstand, hob er den Kopf.
»Du hast recht«, sagte er leise. »Ich habe kein Recht, schlecht von dir zu denken, wenn du es nicht unehrenhaft meinst.«
»Gewiss nicht«, sagte Grey. »Außerdem«, fügte er besser gelaunt hinzu, »bedeutet das, dass ich hier leben und mich um Willie kümmern werde.«
»Du hast also vor, dein Offizierspatent zurückzugeben?« Eine der roten Augenbrauen zuckte in die Höhe.
»Ja«, sagte Grey mit einem kleinen, reumütigen Lächeln. »Ich empfinde es sogar als Erleichterung. Ich glaube, ich bin nicht für das Soldatenleben gemacht.«