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Oh Frank, sagte ich lautlos. Vergib mir.

»Die Frage, die ich Euch stelle, ist vermutlich im Grunde die, ob Ihr an das Schicksal glaubt«, fuhr Lord John fort. Der Hauch eines Lächelns flackerte über sein Gesicht hinweg. »Ihr solltet doch von allen Menschen am besten in der Lage sein, das beurteilen zu können.«

»Das würde man meinen, nicht wahr?«, sagte ich trostlos. »Aber ich weiß es genauso wenig wie Ihr.«

Er schüttelte den Kopf, dann streckte er die Hand aus und ergriff die Miniatur.

»Ich habe gewiss mehr Glück als viele andere«, sagte er leise. »Eines gibt es doch, das er von mir angenommen hat.« Seine Miene wurde sanfter, als er in das Jungengesicht auf seiner Handfläche blickte. »Und auch er hat mir dafür ein kostbares Geschenk gemacht.«

Ohne, dass ich nachdachte, breitete sich meine Hand über meinen Bauch. Auch mir hatte Jamie dieses kostbare Geschenk gemacht – und dafür denselben hohen Preis bezahlt.

Der Klang von Schritten näherte sich im Korridor, durch den Teppich gedämpft. Es klopfte abrupt an der Tür, und ein Milizionär steckte den Kopf zur Tür herein.

»Hat sich die Dame wieder erholt?«, fragte er. »Hauptmann Jacobs hat sein Verhör beendet, und Monsieur Alexandres Kutsche ist zurückgekehrt.«

Ich erhob mich hastig.

»Ja, es geht mir gut.« Ich wandte mich dem Gouverneur zu, ohne zu wissen, was ich zu ihm sagen sollte. »Ich … danke für … das heißt …«

Er verbeugte sich förmlich vor mir und kam hinter dem Schreibtisch hervor, um mich hinauszubegleiten.

»Ich bedaure es sehr, dass Ihr einer so furchtbaren Erfahrung ausgesetzt wurdet, Ma’am«, sagte er, und das Einzige, was seiner Stimme anzuhören war, war diplomatisches Bedauern. Er hatte seine offizielle Manier wieder aufgesetzt, glatt poliert wie seine Parkettböden.

Ich folgte dem Milizionär, doch an der Tür drehte ich mich impulsiv um.

»Als wir uns begegnet sind, in jener Nacht auf der Porpoise … Ich bin froh, dass Ihr nicht wusstet, wer ich war. Ich … hatte Euch gern. Damals.«

Eine Sekunde stand er da, höflich, unnahbar. Dann ließ er die Maske fallen.

»Ich hatte Euch genauso gern«, sagte er leise. »Damals.«

In der Kutsche fühlte ich mich, als sei ich mit einem Fremden unterwegs. Draußen graute allmählich der Morgen, und selbst im Zwielicht des Wagens konnte ich sehen, wie erschöpft mir Jamie gegenübersaß. Er hatte sich die lächerliche Perücke ausgezogen, sobald wir am Gouverneurspalast losfuhren, und die Fassade des feinen Franzosen abgelegt, um den wilden Schotten darunter zum Vorschein kommen zu lassen.

»Glaubst du, er hat es getan?«, fragte ich schließlich, um irgendetwas zu sagen.

Seine Augen waren geschlossen. Bei diesen Worten öffneten sie sich, und er zuckte sacht mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte er. Er klang müde. »Ich habe mich das heute Nacht schon tausendmal selbst gefragt – und bin es noch öfter gefragt worden.« Er rieb sich mit den Fingerknöcheln fest über die Stirn.

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ein Mann, den ich kenne, so etwas tun würde. Und doch … nun, du weißt, dass ihm alles zuzutrauen ist, wenn ihn der Alkohol im Griff hat. Und es ist ja nicht das erste Mal, dass er jemanden im Suff ermordet – du erinnerst dich doch an den Zollagenten, den er im Bordell erschossen hat?« Ich nickte, und er beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und ließ den Kopf in seine Hände sinken.

»Aber das ist etwas anderes«, sagte er. »Ich kann es mir nicht vorstellen – vielleicht aber doch. Du weißt auch, was er auf dem Schiff über Frauen gesagt hat. Und wenn diese Mrs. Alcott ihn geneckt hat …«

»Das hat sie getan«, sagte ich. »Ich habe es gesehen.«

Er nickte, ohne aufzublicken. »Andere haben es auch gesehen. Aber wenn sie ihm vorgegaukelt hat, dass damit mehr gemeint war, als es vermutlich der Fall war, und sie ihn dann vielleicht vor den Kopf gestoßen hat, ihn ausgelacht hat … und er war halb von Sinnen vor Alkohol, und sämtliche Wände hingen voller Messer …« Er seufzte und richtete sich auf.

»Weiß der Himmel«, sagte er trostlos. »Ich weiß es nicht.« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, um es zu glätten.

»Da ist aber noch etwas. Ich musste ihnen sagen, dass ich Willoughby kaum kannte – dass wir ihm auf dem Paketboot begegnet sind und dachten, wir tun ihm etwas Gutes, wenn wir ihn anderen vorstellen, dass wir aber nichts darüber wussten, woher er kam und was für ein Mensch er wirklich war.«

»Haben sie dir geglaubt?«

Er warf mir einen ironischen Blick zu.

»Vorerst. Aber das Paketboot kommt in sechs Tagen aus Martinique zurück – und dann werden sie den Kapitän befragen und feststellen, dass er Monsieur Etienne Alexandre und seine Frau noch nie gesehen hat, geschweige denn eine kleine gelbe mordende Bestie.«

»Das könnte natürlich peinlich werden«, stellte ich fest und dachte an Fergus und den Milizionär. »Dank Willoughby sind wir hier ohnehin schon reichlich unbeliebt.«

»Das ist gar nichts im Vergleich damit, wie es sein wird, wenn sie ihn im Lauf der nächsten sechs Tage nicht finden«, versicherte er mir. »Hinzu kommt, dass es ebenfalls ungefähr sechs Tage dauern dürfte, bis es sich vom Blue Mountain House bis nach Kingston herumspricht, dass die MacIvers Besuch haben – und die Dienstboten dort wissen alle, wer wir sind.«

»Verdammt.«

Er lächelte flüchtig bei diesem Wort, und der Anblick traf mich ins Herz.

»Du hast eine treffende Art, dich auszudrücken, Sassenach. Aye, nun ja, es bedeutet einfach, dass wir sechs Tage Zeit haben, um Ian zu finden. Ich reite sofort nach Rose Hall, aber ich glaube, ehe ich aufbreche, muss ich mich kurz ausruhen.« Er gähnte herzhaft hinter vorgehaltener Hand und schüttelte blinzelnd den Kopf.

Wir sagten nichts mehr, bis wir Blue Mountain House erreicht hatten und uns auf Zehenspitzen den Weg durch das schlummernde Haus zu unserem Zimmer gesucht hatten.

Im Ankleidezimmer warf ich erleichtert das schwere Korsett von mir und zog mir die Nadeln aus dem Haar, um es mir lose auf die Schultern fallen zu lassen. Nur mit einem Seidenhemd bekleidet, trat ich in das Schlafzimmer, wo ich Jamie im Hemd an der offenen Glastür stehen und auf die Lagune hinausblicken sah.

Er drehte sich um, als er mich kommen hörte, hob einen Finger an seine Lippen und winkte mich zu sich.

»Komm und schau«, flüsterte er.

Eine kleine Herde Seekühe schwamm in der Lagune. Ihre großen grauen Körper glitten in dunklem Kristallwasser umher und durchbrachen es wie glatte feuchte Felsen. Die ersten Vögel riefen in den Bäumen rings um das Haus; ansonsten war das einzige Geräusch das wiederholte Wusch der Seekühe, die zum Luftholen an die Oberfläche kamen, und hin und wieder ein gespenstisches, fernes, dumpfes Jammern, wenn sie einander riefen.

Wir beobachteten sie schweigend, Seite an Seite. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die ihre Oberfläche trafen, begann sich die Lagune grün zu färben. In jenem Zustand extremer Erschöpfung, in dem alle Sinne übernatürlich geschärft sind, spürte ich Jamie so, als ob ich ihn berührte.

John Greys Enthüllungen hatten mich von den meisten meiner Ängste und Zweifel befreit – und doch war es so, dass mir Jamie nichts von seinem Sohn erzählt hatte. Natürlich hatte er seine Gründe – gute Gründe –, es mir zu verheimlichen, aber glaubte er denn nicht, dass er sich darauf verlassen konnte, dass ich sein Geheimnis für mich behalten würde? Plötzlich kam mir der Gedanke, dass vielleicht die Mutter des Jungen der Grund für sein Schweigen war. Vielleicht hatte er sie doch geliebt, obwohl Grey einen anderen Eindruck vermittelt hatte.

Sie war tot; konnte es eine Rolle spielen, wenn es so gewesen war? Die Antwort lautete ja. Ich hatte Jamie zwanzig Jahre lang für tot gehalten, und es hatte nicht das Geringste an meinen Gefühlen geändert. Was, wenn er diese junge Engländerin auch so geliebt hatte? Ich schluckte den kleinen Kloß in meinem Hals herunter und rang um den Mut, ihn zu fragen.