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Seine Miene war zerstreut, und seine Stirn war leicht gerunzelt, trotz der dämmernden Schönheit der Lagune.

»Was denkst du gerade?«, fragte ich schließlich, weil ich ihn nicht darum bitten konnte, meine Sorgen zum Schweigen zu bringen – weil ich Angst davor hatte, nach der Wahrheit zu fragen.

»Mir ist nur gerade ein Gedanke gekommen«, antwortete er, ohne den Blick von den Seekühen abzuwenden. »Über Willoughby, aye?«

Die Ereignisse der Nacht kamen mir fern und unwichtig vor. Und doch war ein Mord geschehen.

»Und zwar?«

»Nun, ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, dass Willoughby so etwas getan haben könnte – wie könnte irgendein Mensch so etwas tun.« Er hielt inne und fuhr mit dem Finger durch den feinen Nebel aus Kondenswasser, der sich jetzt auf den Fensterscheiben bildete, als die Sonne höherstieg. »Und doch …« Er wandte sich mir zu.

»Vielleicht kann ich es mir doch vorstellen.« Sein Gesicht war gequält. »Er war allein – furchtbar allein.«

»Fremd in einem fremden Land«, sagte ich leise und musste an die Gedichte denken, die er mit kühnem schwarzen Pinselstrich wie offene Geheimnisse zu Papier gebracht und dann einer längst verlorenen Heimat entgegengesandt hatte, indem er sie auf Flügeln aus weißem Papier dem Meer anvertraute.

»Aye, genau so.« Er hielt inne, um nachzudenken, und fuhr sich langsam mit der Hand durch das Haar, auf dem das Licht des neuen Tages wie Kupfer glänzte. »Und wenn ein Mann so allein ist – nun, vielleicht gehört es sich nicht, so etwas zu sagen, aber eine Frau zu lieben, ist vielleicht das Einzige, was es ihn für eine Weile vergessen lässt.«

Er senkte den Blick, drehte die Hände nach oben und strich sich mit dem linken Zeigefinger über den vernarbten Mittelfinger.

»Das war der Grund, warum ich Laoghaire geheiratet habe«, sagte er leise. »Nicht Jennys Nörgeleien. Nicht Mitleid mit ihr und den Mädchen. Nicht einmal der Druck in meinen Hoden.« Sein Mundwinkel verzog sich flüchtig, dann entspannte er sich wieder. »Ich wollte nur vergessen, dass ich allein war«, schloss er leise.

Ich stand neben ihm. In der Mitte der Lagune ließ sich eine einzelne Seekuh träge an die Oberfläche treiben und drehte sich auf den Rücken, um das Junge auf ihrer Brust ins Licht der Sonne zu halten.

Er schwieg mehrere Minuten lang, und auch ich wusste nicht, wie ich das Gespräch auf die Dinge bringen konnte, die ich im Haus des Gouverneurs gesehen und gehört hatte.

Ich spürte, wie er schluckte, dann wandte er sich vom Fenster auf mich zu. Sein Gesicht war von Müdigkeit gezeichnet, doch seine Miene war von einer Art Entschlossenheit erfüllt – als ob er in den Kampf ziehen müsste.

»Claire«, sagte er, und ich erstarrte. Er nannte mich nur beim Namen, wenn er sehr ernst war. »Claire, ich muss dir etwas sagen.«

»Was?« Die ganze Zeit hatte ich nicht gewusst, wie ich fragen sollte, doch plötzlich wollte ich es nicht hören. Ich trat einen halben Schritt zurück, fort von ihm, doch er packte meinen Arm.

Er hatte etwas in der Faust verborgen. Er nahm meine widerstandslose Hand und legte mir den Gegenstand hinein. Ich wusste, auch ohne hinzusehen, was es war; ich konnte die zierliche Schnitzerei des ovalen Rahmens spüren, die etwas rauhe Oberfläche der bemalten Leinwand.

»Claire.« Ich konnte das leise Beben an seinem Hals sehen, als er schluckte. »Claire – ich muss es dir sagen. Ich habe einen Sohn.«

Ich sagte nichts, sondern öffnete die Hand. Da war es wieder; dasselbe Gesicht, das ich bei Grey gesehen hatte, eine kindliche, freche Version des Mannes, der vor mir stand.

»Ich hätte es dir eher erzählen sollen.« Er suchte mein Gesicht nach einem Hinweis auf meine Gefühle ab, doch meine verräterische Miene muss ausnahmsweise völlig leer gewesen sein. »Ich hätte es auch getan … nur …« Er holte tief Luft, um sich zu stählen, ehe er fortfuhr.

»Ich habe noch nie jemandem von ihm erzählt«, sagte er. »Nicht einmal Jenny.«

Das verblüffte mich so, dass ich mein Schweigen brach.

»Jenny weiß es nicht?«

Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab, um die Seekühe zu beobachten. Durch unsere Stimmen alarmiert, waren sie ein Stück zurückgewichen, verharrten jetzt aber wieder an einer Stelle und weideten sich an den Wasserpflanzen am Rand der Lagune.

»Es war in England. Es ist … er ist … ich konnte nicht offen sagen, dass er von mir ist. Er ist ein Bastard, aye?« Möglich, dass es die aufgehende Sonne war, die seine Wangen erröten ließ. Er biss sich auf die Unterlippe und fuhr fort.

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er ein Junge war. Ich werde ihn nie wiedersehen – außer vielleicht auf solchen Bildern.« Er nahm mir das kleine Gemälde ab und wiegte es in seiner Handfläche wie den Kopf eines Babys. Er blinzelte, und sein Kopf beugte sich darüber.

»Ich hatte Angst, es dir zu erzählen«, sagte er leise. »Angst, du würdest vielleicht denken, ich hätte ein Dutzend Bastarde in die Welt gesetzt … Angst, du würdest glauben, dass mir weniger an Brianna liegt, wenn du wüsstest, dass ich noch ein Kind habe. Aber sie liegt mir am Herzen, Claire – viel mehr, als ich es dir sagen kann.« Er hob den Kopf und blickte mich direkt an.

»Wirst du mir vergeben?«

»Hast du …« Fast wäre ich an den Worten erstickt, doch ich musste sie aussprechen. »Hast du sie geliebt?«

Eine Miene außerordentlicher Traurigkeit überflog sein Gesicht, doch er wendete den Blick nicht ab.

»Nein«, sagte er leise. »Sie … hat mich gewollt. Ich hätte einen Weg finden sollen … hätte es verhindern sollen, aber ich konnte es nicht. Sie wollte mit mir schlafen. Und ich habe es getan, und … es ist ihr Tod gewesen.« Jetzt senkte er den Blick, und seine langen Wimpern verbargen seine Augen. »Vor Gott bin ich schuldig an ihrem Tod; vielleicht umso schuldiger … weil ich sie nicht geliebt habe.«

Ich sagte nichts, sondern hob die Hand und legte sie auf seine Wange. Er presste seine Hand fest darüber und schloss die Augen. An der Wand saß ein Gecko, fast genauso gefärbt wie der gelbe Putz dahinter, der jetzt im zunehmenden Tageslicht zu leuchten begann.

»Wie ist er denn?«, fragte ich leise. »Dein Sohn?«

Er lächelte schwach, ohne die Augen zu öffnen.

»Er ist verwöhnt und stur«, sagte er leise. »Ungestüm. Laut. Furchtbar aufbrausend.« Er schluckte. »Und tapfer und süß und schlau und stark«, sagte er so leise, dass ich ihn kaum hören konnte.

»Und dein«, sagte ich. Seine Hand legte sich fester um die meine und hielt sie auf seinen weichen Bartstoppeln fest.

»Und mein«, sagte er. Er holte tief Luft, und ich konnte die Tränen unter seinen geschlossenen Lidern glitzern sehen.

»Du hättest mir vertrauen sollen«, sagte ich schließlich. Er nickte langsam, dann öffnete er die Augen, ohne meine Hand loszulassen.

»Vielleicht«, sagte er leise. »Und doch musste ich denken – wie sollte ich dir das alles nur erzählen, von Geneva und Willie und John – weißt du von John?« Seine Stirn zog sich in kleine Falten, dann glättete sie sich, als ich nickte.

»Er hat es mir erzählt. Alles.« Seine Augenbrauen hoben sich, doch er fuhr fort.

»Vor allem, nachdem du von Laoghaire erfahren hattest. Wie hätte ich es dir erzählen und dabei erwarten sollen, dass du den Unterschied begreifst?«

»Welchen Unterschied?«

»Geneva – Willies Mutter – sie wollte meinen Körper«, sagte er leise und beobachtete die pulsierenden Flanken des Geckos. »Laoghaire brauchte meinen Namen und meiner Hände Arbeit, um sich und ihre Kinder zu ernähren.« Jetzt wandte er den Kopf, und seine dunkelblauen Augen hefteten sich auf die meinen. »John – nun ja.« Er zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. »Ich konnte ihm nicht geben, was er wollte, und er ist Freund genug, mich nicht darum zu bitten. Aber wie kann ich dir all diese Dinge erzählen«, sagte er und verzog seinen Mund. »Und dann zu dir sagen – nur dich allein habe ich je geliebt? Wie solltest du mir glauben?«