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»Gillian«, sagte ich und sah, wie sich beim Klang des Namens, der einmal der ihre gewesen war, ihre Pupillen weiteten, obwohl sich in ihrem Gesicht ansonsten nichts regte. »Gillian Edgars. Ja, das war ich. Ich wusste nicht, ob du mich in der Dunkelheit gesehen hast.« In meiner Erinnerung konnte ich den nachtschwarzen Steinkreis sehen – und in der Mitte das lodernde Feuer und die Gestalt einer schlanken jungen Frau, deren blondes Haar in der Hitze der Flammen wehte.

»Ich habe dich nicht gesehen«, sagte sie. »Mir ist erst später der Gedanke gekommen, dass ich deine Stimme kannte, als ich dich beim Hexenprozess rufen gehört habe. Und als ich dann die Narbe an deinem Arm gesehen habe …« Sie zuckte mit ihren massigen Schultern und lehnte sich zurück, so dass sich der Musselin anspannte. »Wer war an diesem Abend bei dir?«, fragte sie neugierig. »Ich habe zwei gesehen – einen jungen Mann mit dunklem Haar und ein Mädchen.«

Sie schloss die Augen, um sich zu konzentrieren, dann öffnete sie sie wieder und starrte mich an.

»Hinterher hatte ich das Gefühl, ich kenne sie – aber mir ist kein Name eingefallen, obwohl ich hätte schwören können, dass ich ihr Gesicht schon einmal gesehen hatte. Wer war sie?«

»Mistress Duncan? Oder muss es jetzt Mistress Abernathy heißen?«, unterbrach Jamie, der jetzt vortrat und sich formell verbeugte. Der erste Schreck über ihr Auftauchen war zwar verflogen, doch er war immer noch blass, und seine Wangenknochen zeichneten sich deutlich unter seiner angespannten Gesichtshaut ab.

Sie sah ihn an, dann noch einmal, als nähme sie erst jetzt Notiz von ihm.

»Oh, wenn das nicht das kleine Füchslein ist!«, sagte sie mit belustigter Miene. Sie betrachtete ihn sorgsam von oben bis unten und registrierte jede Einzelheit seiner Erscheinung mit Interesse.

»Ein Prachtexemplar seid Ihr geworden, nicht wahr?«, sagte sie. Wieder lehnte sie sich zurück, und der Sessel ächzte laut unter ihrem Gewicht. Sie blinzelte ihn beifällig an. »Ihr habt das Aussehen der MacKenzies, Junge. Das war zwar früher auch schon so, aber jetzt, da Ihr älter seid, kann ich Eure Onkel beide in Eurem Gesicht sehen.«

»Ich bin mir sicher, dass sowohl Dougal als auch Colum erfreut sein würden, dass Ihr Euch so gut an sie erinnert.« Jamies Augen waren so gebannt auf sie gerichtet wie die ihren auf ihn. Er hatte sie nie gemocht – und das würde sich jetzt erst recht nicht ändern –, doch er konnte es sich nicht leisten, sie gegen sich aufzubringen; nicht, wenn sich Ian hier irgendwo aufhielt.

Die Ankunft des Tees schnitt ihr die Antwort ab. Jamie setzte sich zu mir auf das Sofa, während Geilie sorgsam den Tee einschenkte und uns jedem eine Tasse reichte, ganz wie eine normale Gastgeberin bei einer Teegesellschaft. Als wollte sie diese Illusion aufrechterhalten, bot sie uns Milch und Zucker an, dann lehnte sie sich zurück, um Konversation zu betreiben.

»Wenn Ihr mir die Frage verzeiht, Mrs. Abernathy«, sagte Jamie, »wie kommt es, dass Ihr hier seid?« Wobei er die wichtigere Frage höflich unausgesprochen ließ: Wie ist es Euch gelungen, nicht als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden?

Sie lachte und ließ kokett die langen Wimpern über ihre Augen sinken.

»Nun, vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass ich damals in Cranesmuir ein Kind erwartet habe?«

»Ich erinnere mich an etwas in der Art.« Jamie nippte an seinem Tee, und seine Ohren wurden ein wenig rot. Oh ja, er erinnerte sich mit gutem Grund daran; sie hatte sich inmitten des Hexenprozesses die Kleider vom Leib gerissen und die geheime Wölbung enthüllt, die ihr das Leben retten würde – zumindest vorerst.

Eine kleine rosa Zunge kam zum Vorschein, und sie leckte sich geziert die Teetropfen von der Oberlippe.

»Hast du auch Kinder?«, fragte sie und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.

»Ja.«

»Furchtbar lästig, nicht wahr? Erst schleppt man sich herum wie eine Sau im Schlamm, und dann wird man fast zerrissen, und dann kommt etwas dabei heraus, das aussieht wie eine ertränkte Ratte.« Sie schüttelte den Kopf und stieß einen leisen, angewiderten Kehllaut aus. »Die Freuden der Mutterschaft, wie? Trotzdem, ich sollte mich wohl nicht beklagen – die kleine Ratte hat mir das Leben gerettet. Und so elend eine Geburt auch ist, es ist besser, als auf dem Scheiterhaufen zu enden.«

»Davon gehe ich aus«, sagte ich, »obwohl ich Letzteres noch nicht ausprobiert habe und es daher nicht mit Sicherheit sagen kann.«

Geillis verschluckte sich an ihrem Tee und versprühte braune Tröpfchen auf ihrem Kleid. Sie tupfte achtlos darauf herum und betrachtete mich belustigt.

»Nun, ich habe es auch noch nicht getan, aber ich habe schon einmal jemanden brennen gesehen, Herzchen. Und ich glaube, sogar in einem Schlammloch zu liegen und dem eigenen Bauch beim Wachsen zuzusehen, ist besser als das.«

»Sie haben dich die ganze Zeit im Diebesloch gelassen?« Der silberne Löffel lag zwar kühl in meiner Hand, doch meine Handfläche begann zu schwitzen, als ich an das Diebesloch in Cranesmuir dachte. Der Hexerei angeklagt, hatte ich gemeinsam mit Geillis Duncan drei Tage dort verbracht. Wie lange hatte sie dort gehaust?

»Drei Monate«, sagte sie und blickte meditativ in ihren Tee. »Drei verdammte Monate Ungeziefer und kalte Füße, stinkende Essensreste und Grabgeruch auf meiner Haut.«

Dann blickte sie auf, und ihr Mund verzog sich zu einer Miene bitterer Belustigung. »Aber am Ende habe ich das Kind mit Stil bekommen. Als die Wehen angefangen haben, haben sie mich aus dem Loch geholt – da wäre ich wohl kaum noch weggelaufen, aye? –, und das Baby ist in meinem alten Schlafzimmer zur Welt gekommen, im Haus des Prokurators.«

Ihr Blick war ein wenig verschwommen, und ich fragte mich, ob sie wirklich nur Tee in ihrer Tasse hatte. Sie lächelte nostalgisch. »Sie haben mir das Baby in die Arme gelegt, und das grüne Licht fiel ihm ins Gesicht. Er sah wirklich aus, als wäre er ertrunken. Ich dachte, er würde sich kalt anfühlen, aber so war es nicht; er war warm. Warm wie die Eier seines Vaters.« Sie lachte plötzlich, ein widerwärtiger Ton.

»Warum sind Männer nur solche Narren? Am Schwanz kann man sie überall hinführen – eine Zeitlang. Dann schenkt man ihnen einen Sohn, und schon hat man sie wieder bei den Eiern. Aber das ist alles, was man für sie ist, ob sie nun kommen oder gehen – eine Fotze.«

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Bei diesen Worten spreizte sie die Oberschenkel und hielt sich das Glas zu einem ironischen Salut über das Schambein, während sie an ihrer Wampe hinunterblickte.

»Nun denn, trinken wir darauf, sage ich. Es ist die größte Macht der Welt. Die Nigger wissen das wenigstens.« Achtlos trank sie einen großen Schluck. »Sie schnitzen kleine Statuen, nichts als Bauch, Fotze und Brüste. Genau wie es die Männer da tun, wo wir herkommen – du und ich.« Sie blinzelte mich grinsend an. »Du kennst doch die Zeitschriften, die es nur unter der Ladentheke gibt, aye?«

Ihre rotgeränderten grünen Augen hefteten sich auf Jamie. »Und Ihr kennt die Bildchen und die Bücher, die die Männer heute in Paris untereinander austauschen, nicht wahr, Fuchs? Es ist alles das Gleiche.« Sie wedelte mit der Hand und trank noch einen großen Schluck. »Der einzige Unterschied ist, dass die Nigger den Anstand besitzen, es anzubeten.«

»Sehr scharfsinnig von ihnen«, sagte Jamie ruhig. Er saß zwar angelehnt da und hatte die langen Beine scheinbar in aller Ruhe vor sich ausgestreckt, doch ich konnte die Anspannung in den Fingern sehen, mit denen er seine Tasse festhielt. »Und woher kennt Ihr die Bilder, die sich Männer in Paris ansehen, Mistress – Abernathy, richtig?«

Sie mochte ja beschwipst sein, aber ihre Sinne hatte sie dennoch beieinander. Bei seinem Ton hob sie abrupt den Kopf und lächelte ihn spöttisch an.

»Oh, Mistress Abernathy reicht. Als ich in Paris gelebt habe, habe ich einen anderen Namen getragen – Madame Melisande Robicheaux. Gefällt er Euch? Ich fand ihn ein wenig pompös, aber Euer Onkel Dougal hat ihn mir gegeben, also habe ich ihn behalten – aus Nostalgie.«