Meine freie Hand ballte sich zur Faust, unsichtbar in meinen Rockfalten. Ich hatte von Madame Melisande gehört, als wir in Paris lebten. Sie gehörte zwar nicht zur feinen Gesellschaft, hatte sich aber einen Namen gemacht, weil sie in die Zukunft blicken konnte; die Hofdamen konsultierten sie heimlich, um sich Rat in Bezug auf ihr Liebesleben, ihre Investitionen und ihre Schwangerschaften zu holen.
»Ich nehme an, du hättest den Damen einige interessante Dinge erzählen können«, sagte ich trocken.
Diesmal war ihr Lachen aufrichtig belustigt. »Oh, das hätte ich, in der Tat. Hab’s aber nur selten getan. Die Leute geben nämlich normalerweise kein Geld für die Wahrheit aus. Aber manchmal … wusstest du, dass Jean-Paul Marats Mutter vorhatte, ihr Kind Rudolphe zu nennen? Ich habe ihr gesagt, Rudolphe stünde unter einem schlechten Stern. Hin und wieder habe ich mich gefragt – wäre er mit einem Namen wie Rudolphe wohl auch Revolutionär geworden, oder hätte er sich stattdessen als Poet ausgetobt? Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, Fuchs – ob ein Name etwas ändern könnte?« Ihre Augen sahen Jamie an wie grünes Glas.
»Oft«, sagte er und stellte seine Tasse hin. »Dann war es Dougal, der Euch aus Cranesmuir fortgeschafft hat?«
Sie nickte und erstickte einen kleinen Rülpser. »Aye. Er ist gekommen, um das Baby zu holen – allein, aus Angst, jemand könnte herausfinden, dass er der Vater ist, aye? Aber ich habe mich geweigert, es loszulassen. Als er dann näher gekommen ist, um es mir zu entwinden – nun, da habe ich ihm den Dolch aus dem Gürtel geschnappt und ihn dem Kind an die Kehle gehalten.« Ein kleines Lächeln der Genugtuung umspielte ihre schönen Lippen.
»Habe ihm gesagt, ich würde es umbringen, wenn er mir nicht beim Leben seines Bruders und dem eigenen schwören würde, mir zur Flucht zu verhelfen.«
»Und er hat dir geglaubt?« Mir wurde übel bei der Vorstellung, dass eine Mutter ihrem Neugeborenen ein Messer an die Kehle hielt, und sei es nur zum Schein.
Ihr Blick richtete sich wieder auf mich. »Oh ja«, sagte sie leise, und ihr Lächeln wurde breiter. »Dougal kannte mich schließlich.«
Mitten im kalten Dezember war Dougal der Schweiß ausgebrochen, und da er den Blick nicht vom Gesicht seines schlafenden Sohns losreißen konnte, hatte er schließlich zugestimmt.
»Als er sich über das Kind gebeugt hat, habe ich daran gedacht, ihm den Dolch stattdessen selbst in den Hals zu rammen«, sinnierte sie. »Doch es wäre um einiges schwieriger gewesen, allein zu fliehen, also habe ich es nicht getan.«
Jamies Miene änderte sich zwar nicht, doch er griff nach seinem Tee und trank einen großen Schluck.
Dougal hatte den Dorfschulzen John MacRae und den Kirchendiener herbeigeholt und mittels diskreter Bestechung dafür gesorgt, dass die verhüllte Gestalt, die man am nächsten Morgen auf einem Gitterrost zu dem Pechfass schleppen würde, nicht Geillis Duncan sein würde.
»Ich dachte, sie würden vielleicht Stroh nehmen«, sagte sie, »aber er hatte eine bessere Idee. Großmütterchen Joan MacKenzie war drei Tage zuvor gestorben und sollte am selben Nachmittag beerdigt werden. Ein paar Steine in den Sarg und den Deckel festgenagelt, fertig, wie? Eine echte Leiche, bestens zum Verbrennen.« Sie lachte und leerte ihre Tasse mit einem Schluck.
»Nicht jeder bekommt seine eigene Beerdigung zu sehen, von der eigenen Hinrichtung ganz zu schweigen, aye?«
Es war tiefster Winter gewesen, und der kleine Ebereschenhain vor dem Dorf war kahl, vom eigenen toten Laub umweht, auf dem Boden vereinzelte rote Beeren wie Blutstropfen.
Es war ein bewölkter Tag, der Graupel oder Schnee verhieß, aber das Dorf war dennoch vollzählig erschienen; eine Hexenverbrennung war ein Ereignis, das sich niemand entgehen lassen wollte. Vater Bain, der Dorfpriester, war vor drei Monaten an einer Verletzung gestorben, die sich entzündet hatte, doch sie hatten für den besonderen Anlass einen Priester aus einem Nachbardorf herbeigeholt. Dieser hatte die Strecke mit einem Weihrauchfässchen parfümiert, das er vor sich hinhielt, und auf dem Weg zu dem Wäldchen die Totenmesse gesungen. Hinter ihm kamen der Dorfschulze und seine beiden Helfer, die den Gitterrost samt seiner schwarzgewandeten Bürde hinter sich herschleiften.
»Großmütterchen Joan hätte bestimmt ihre Freude daran gehabt«, sagte Geilie und ließ ihre weißen Zähne aufglänzen, während sie das Bild vor ihrem inneren Auge sah. »Normalerweise wären nicht mehr als vier oder fünf Leute zu ihrer Beerdigung gekommen – so hatte sie das ganze Dorf da, und Weihrauch und Gebete dazu!«
MacRae hatte die Leiche losgebunden und sie mit baumelnden Gliedmaßen zu dem wartenden Pechfass getragen.
»Das Gericht hatte mir die Gnade der Strangulation vor der Verbrennung gewährt«, erklärte Geillis ironisch. »Sie waren also darauf vorbereitet, dass es eine Leiche sein würde – das war kein Problem. Das Einzige, was jemand hätte sehen können, war, dass Großmütterchen Joan nur halb so viel wog wie ich so kurz nach der Schwangerschaft, aber es schien niemandem aufzufallen, dass sie MacRae federleicht in den Armen lag.«
»Du warst dabei?«, sagte ich.
Sie nickte selbstzufrieden. »Oh, aye. Fest in einen Umhang gehüllt – wie alle anderen, wegen des Wetters –, aber das wollte ich mir nicht entgehen lassen.«
Als der Priester sein letztes Gebet wider die Übel der Zauberei gesprochen hatte, hatte MacRae seinem Helfer die Kiefernfackel abgenommen und war vorgetreten.
»Gott, entlasse diese Frau nicht aus Deinem Bündnis nach den vielen Sünden, die dieser Leib begangen hat«, hatte er gesagt und die Flamme in das Pech geworfen.
»Es ging schneller, als ich dachte«, sagte Geillis und klang ein wenig überrascht. »Es hat heftig wusch! gemacht, die heiße Luft schlug uns entgegen, die Menge jubelte, dann sah man nur noch die Flammen, die so hoch hinaufschossen, dass sie die Äste der Ebereschen angesengt haben.«
Doch innerhalb einer Minute war das Feuer in sich zusammengesunken, so dass die dunkle Gestalt in seinem Inneren im blassen Tageslicht gut zu sehen war. Kapuze und Haar waren im ersten Ansturm der Flammen verbrannt, und das Gesicht war jetzt schon nicht mehr zu erkennen. Kurz darauf traten die klaren, dunklen Konturen der Knochen zutage, ein zierliches Konstrukt, das sich über dem verkohlten Fass erhob.
»Nur noch große, leere Löcher, wo ihre Augen gewesen waren«, sagte sie. Ihre eigenen Augen richteten sich auf mich, in der Erinnerung versunken. »Ich hatte das Gefühl, sie sähe mich an. Aber dann ist der Schädel explodiert, und es war vorbei, und die Leute haben sich auf den Heimweg gemacht – bis auf ein paar, die dageblieben sind, weil sie hofften, vielleicht ein Knochenstückchen als Andenken zu ergattern.«
Sie erhob sich und wankte zu dem kleinen Tisch am Fenster hinüber. Dort griff sie nach der Silberglocke und klingelte laut.
»Aye«, sagte sie mit dem Rücken zu uns. »Vielleicht ist eine Geburt wirklich einfacher.«
»Also hat Euch Dougal nach Frankreich gebracht«, sagte Jamie. Die Finger seiner rechten Hand zuckten schwach. »Was hat Euch hierher auf die Westindischen Inseln verschlagen?«
»Oh, das kam später«, sagte sie achtlos. »Nach Culloden.« Sie drehte sich um und blickte lächelnd von Jamie zu mir.
»Und was führt Euch beide hierher? Es ist doch gewiss nicht die Freude an meiner Gesellschaft?«
Ich warf einen Blick auf Jamie und sah, wie sich sein Rücken anspannte und er sich im Sitzen aufrichtete. Doch sein Gesicht blieb ruhig; nur in seinen Augen leuchtete der Argwohn.
»Wir sind auf der Suche nach einem jungen Verwandten«, sagte er. »Meinem Neffen Ian Murray. Wir haben Grund zu der Annahme, dass er hier in die Leibeigenschaft geraten ist.«
Geillis’ blonde Augenbrauen hoben sich, so dass sich ihre Stirn in sanfte Wellen legte.