Выбрать главу

»Ian Murray?«, sagte sie und schüttelte fragend den Kopf. »Ich habe keine weißen Leibeigenen hier. Ich habe überhaupt keine Weißen hier. Der einzige freie Mann auf der Plantage ist der Aufseher, und er ist das, was sie einen Griffone nennen; zu einem Viertel schwarz.«

Im Gegensatz zu mir war Geillis Duncan eine ausgezeichnete Lügnerin. Dem Hauch von Neugier in ihrer Miene nach war es unmöglich zu sagen, ob sie den Namen Ian Murray je zuvor gehört hatte. Doch sie log, das wusste ich genau.

Jamie wusste es auch; der Ausdruck, der kurz in seinen Augen aufblitzte, war keine Enttäuschung, sondern hastig unterdrückte Wut.

»Tatsächlich?«, sagte er höflich. »Habt Ihr denn gar keine Angst ganz allein hier mit Euren Sklaven, so weit von der Stadt entfernt?«

»Oh nein. Nicht im Geringsten.«

Sie lächelte ihn breit an, dann hob sie ihr Doppelkinn und wackelte sacht damit in Richtung der Terrasse. Ich wandte den Kopf und sah, dass die komplette Glastür von einem immensen Schwarzen ausgefüllt wurde. Er war einen halben Kopf größer als Jamie, und aus seinen aufgerollten Hemdsärmeln ragten Arme wie Baumstämme mit knotigen Muskeln.

»Darf ich vorstellen: Hercule«, sagte Geillis mit einem winzigen Lachen. »Er hat noch einen Zwillingsbruder.«

»Zufällig mit Namen Atlas?«, fragte ich mit einem gereizten Unterton.

»Erraten! Ist sie nicht ein kluges Köpfchen, was, Fuchs?« Sie zwinkerte Jamie verschwörerisch zu, und wieder wackelte ihre runde Wange. Das Licht traf sie von der Seite, als sie den Kopf wandte, und ich sah die roten Spinnennetze geplatzter Kapillargefäße, die ihre Kinnbacken überzogen.

Hercule nahm weder davon noch von sonst irgendetwas Notiz. Sein breites Gesicht war schlaff und dumpf, und in den tief eingesunkenen Augen unter der Neandertalerstirn herrschte keinerlei Leben. Mir wurde mulmig bei seinem Anblick, und das nicht nur wegen seiner bedrohlichen Körpergröße; ihn anzusehen, war, als ginge man an einem Spukhaus vorbei, hinter dessen blinden Fenstern etwas lauert.

»Das reicht, Hercule; du kannst jetzt wieder an die Arbeit gehen.« Geilie ergriff die Silberglocke und ließ sie einmal leise klingeln. Ohne ein Wort machte der Gigant kehrt und stampfte von der Veranda. »Ich habe keine Angst vor den Sklaven«, erklärte sie. »Sie haben Angst vor mir, weil sie glauben, dass ich eine Hexe bin. Eigentlich ja sehr komisch, nicht wahr?« Ihre Augen glitzerten hinter kleinen Taschen aus Fett.

»Geilie – dieser Mann.« Ich zögerte, denn es fühlte sich lächerlich an, so etwas zu fragen. »Er ist doch … kein Zombie?«

Sie lachte entzückt und klatschte in die Hände.

»Nun, eine große Leuchte ist er nicht, das kann ich dir sagen«, sagte sie schließlich keuchend. »Aber er ist auch nicht tot!« Und sie brach erneut in Gelächter aus.

Jamie starrte mich verwundert an.

»Zombie?«

»Ach, nichts«, sagte ich und wurde fast genauso rot wie Geilie. »Wie viele Sklaven hast du hier?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Hihi«, sagte sie, und ihr Gelächter flaute jetzt zu Gekicher ab. »Oh, etwa hundert oder so. Die Plantage ist ja nicht groß. Nur hundertzwanzig Hektar Zuckerrohr und in den höheren Lagen ein bisschen Kaffee.«

Sie zog ein spitzenbesetztes Taschentuch hervor und betupfte sich schniefend das feuchte Gesicht, während sie allmählich die Fassung zurückgewann. Ich spürte Jamies Anspannung neben mir. Ich war mir sicher, dass er derselben Überzeugung war wie ich, dass nämlich Geilie etwas über Ian Murray wusste – allein schon deshalb, weil sie keinerlei Überraschung über unser Erscheinen an den Tag gelegt hatte. Irgendjemand hatte ihr von uns erzählt, und dieser Jemand konnte nur Ian sein.

Der Gedanke, eine Frau zu bedrohen, um ihr eine Antwort zu entlocken, wäre Jamie nur im Notfall gekommen, mir dagegen schon eher. Doch unglücklicherweise hatte die Anwesenheit der Zwillingssäulen des Herkules derartigen Gedankengängen ein Ende gesetzt. Die nächstbeste Idee schien es zu sein, das Haus und das Grundstück nach irgendeiner Spur des Jungen abzusuchen. Hundertzwanzig Hektar waren zwar kein kleines Grundstück, aber wenn er sich auf der Plantage befand, war es wahrscheinlich in der Nähe der Gebäude – im Haus, in der Raffinerie oder im Quartier der Sklaven.

Ich tauchte aus meinen Gedanken auf, weil ich begriff, dass mir Geilie eine Frage gestellt hatte.

»Was hast du gesagt?«

»Ich sagte«, wiederholte sie geduldig, »dass du damals in Schottland eine begnadete Heilerin warst; vielleicht weißt du inzwischen noch mehr?«

»So ist es wohl.« Ich betrachtete sie vorsichtig. Bedurfte sie meines Könnens selbst? Gesund war sie nicht; ein Blick auf ihre fleckige Haut und die dunklen Ringe unter ihren Augen reichte aus, um mir das zu zeigen. Aber war sie akut krank?

»Nicht für mich«, sagte sie, als sie meinen Blick sah. »Zumindest nicht im Moment. Ich habe zwei kranke Sklaven. Vielleicht wärst du so freundlich, sie dir anzusehen?«

Ich richtete den Blick auf Jamie, der mir kaum merklich zunickte. Es war eine Chance, mir Zugang zu den Sklavenquartieren zu verschaffen und mich nach Ian umzusehen.

»Ich habe bei unserer Ankunft gesehen, dass Ihr Schwierigkeiten mit Eurer Zuckerpresse habt«, sagte er und erhob sich abrupt. Er nickte Geilie kühl zu. »Vielleicht werfe ich einen Blick darauf, während Ihr mit meiner Frau nach den Kranken seht.« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er seinen Rock aus und hing ihn an den Haken neben der Tür. Er verließ das Haus über die Veranda und krempelte sich die Hemdsärmel auf. Das Sonnenlicht glitzerte in seinem Haar.

»Ein geschickter Kerl, was?« Geilie blickte ihm belustigt nach. »Mein Mann Barnabas war auch so – konnte die Finger nicht von Maschinen lassen. Von den Sklavenmädchen auch nicht«, fügte sie hinzu. »Komm mit, die Kranken sind hinter der Küche.«

Die Küche befand sich in einem separaten kleinen Gebäude, das durch einen überdachten, mit Jasmin bewachsenen Durchgang mit dem Haus verbunden war. Ihn zu durchschreiten war, als schwebte man durch eine parfümierte Wolke, so laut von Bienen umsummt, dass man es auf der Haut spüren konnte wie die Basspfeife eines Dudelsacks.

»Bist du schon einmal gestochen worden?« Geillis holte beiläufig mit der Hand nach einem tief fliegenden Pelztierchen aus und schlug es zu Boden.

»Hin und wieder.«

»Ich auch«, sagte sie. »Oft sogar, und ich habe noch nie mehr als einen roten Quaddel auf der Haut davongetragen. Aber letztes Frühjahr hat eins der kleinen Biester eine der Küchensklavinnen gestochen, und das Weibsbild ist vor meinen Augen angeschwollen wie eine Kröte und gestorben!« Sie sah mich mit großen, spöttischen Augen an. »Das hat Wunder für meinen Ruf gewirkt, das kann ich dir sagen. Die restlichen Sklaven haben herumerzählt, ich hätte das Mädchen verhext; sie durch einen Fluch umgebracht, weil ihr der Kuchen angebrannt ist. Seitdem hatten wir nicht einmal mehr einen angekokelten Topf.« Kopfschüttelnd hieb sie nach einer anderen Biene.

Ich war zwar entsetzt über ihre Hartherzigkeit, aber auch erleichtert über die Geschichte. Vielleicht basierten die anderen Gerüchte, die ich auf dem Ball des Gouverneurs gehört hatte, ja genauso wenig auf Tatsachen.

Ich blieb stehen und blickte durch das zarte Laub des Jasmins auf die Zuckerrohrfelder hinunter. Jamie stand auf der Lichtung bei der Zuckerpresse und betrachtete das gigantische Balkenkreuz der Maschine, während ein Mann, den ich für den Aufseher hielt, erklärend mit dem Finger darauf zeigte. Jamie sagte etwas und gestikulierte, und der Aufseher nickte heftig und untermalte seine lautstarke Erwiderung mit lebhaften Handbewegungen. Wenn ich im Küchenbereich keine Spur von Ian fand, erfuhr Jamie vielleicht etwas von dem Aufseher. Obwohl Geilie es leugnete, beharrten all meine Instinkte darauf, dass der Junge hier war – irgendwo.

In der Küche selbst war jedenfalls nichts von ihm zu sehen; nur drei oder vier Frauen, die Brotteig kneteten oder Erbsen pulten und neugierig die Köpfe hoben, als wir den Raum durchquerten. Ich fing den Blick einer jungen Frau auf und nickte ihr lächelnd zu; vielleicht konnte ich später noch einmal zurückkehren und mit ihr sprechen. Ihre Augen weiteten sich überrascht; sie senkte sofort den Kopf und richtete den Blick auf die Schüssel mit den Schoten auf ihrem Schoß. Ich sah, wie sie mich noch einmal verstohlen ansah, während wir durch den langen Raum schritten, und bemerkte, dass sie die Schüssel auf der kleinen Wölbung einer frühen Schwangerschaft balancierte.