Eins zu null für mich – und immer noch keine Spur von Ian.
»Da ich einmal hier bin, sollte ich mir deine anderen Sklaven vielleicht auch ansehen«, schlug ich vor. »Nur zur Vorbeugung.«
»Oh, es geht ihnen gut«, sagte Geilie mit einer achtlosen Handbewegung. »Aber wenn du die Zeit opfern willst, gern. Nur später; ich bekomme heute Nachmittag Besuch und möchte mich vorher noch weiter mit dir unterhalten. Komm jetzt mit zum Haus – jemand wird sich um das hier kümmern.« Mit einem kurzen Kopfnicken war »das hier« abgetan – die gekrümmte Leiche des Schwarzen. Sie hakte sich bei mir ein und drängte mich aus dem Schuppen und durch die Küche, indem sie mich sanft mit ihrem Gewicht vorwärtsschob.
In der Küche befreite ich mich und wies auf die schwangere Sklavin, die jetzt auf allen vieren die Kaminplatte schrubbte.
»Geh nur vor; ich möchte nur schnell einen Blick auf diese junge Frau werfen. Ich finde, sie sieht ein bisschen anämisch aus – du möchtest doch nicht, dass sie eine Fehlgeburt erleidet, oder?«
Geilie warf mir zwar einen neugierigen Blick zu, zuckte dann aber mit den Schultern.
»Sie hat schon zweimal ohne Probleme geworfen, aber du bist die Ärztin. Aye, wenn es dir Spaß macht, bitte schön. Sieh nur zu, dass du nicht zu lange brauchst; dieser Pfaffe hat gesagt, er kommt um vier.«
Ich gab vor, die verwunderte Frau zu untersuchen, bis Geilies wallende Gewänder im Durchgang verschwunden waren.
»Hört zu«, sagte ich. »Ich suche einen weißen Jungen namens Ian; ich bin seine Tante. Wisst Ihr, wo er sein könnte?«
Das Mädchen – sie konnte nicht älter als siebzehn oder achtzehn sein – schien zu erschrecken. Sie blinzelte und warf einen hastigen Blick auf eine der älteren Frauen, die ihre Arbeit niedergelegt hatte und durch die Küche gekommen war, um nachzusehen, was hier vor sich ging.
»Nein, Ma’am«, sagte die ältere Frau und schüttelte den Kopf. »Keine weißen Jungen hier. Nicht einer.«
»Nein, Ma’am«, wiederholte das Mädchen gehorsam. »Wir wissen nichts von Eurem Jungen.« Aber das sagte sie erst jetzt, und ihr Blick wich dem meinen aus.
Die ältere Frau hatte jetzt Verstärkung von den beiden anderen Küchenmägden bekommen, die ebenfalls zu uns getreten waren. Ich war von einer undurchdringlichen Wand höflicher Ignoranz umgeben, und es war mir nicht möglich, sie zu durchbrechen. Gleichzeitig war ich mir einer Strömung zwischen den Frauen bewusst – einer heimlichen Warnung, einer Mahnung zu Wachsamkeit und Geheimhaltung. Möglich, dass es nur die selbstverständliche Reaktion auf das plötzliche Auftauchen einer weißen Fremden in ihrer Mitte war – es konnte aber auch mehr dahinterstecken.
Ich konnte mich nicht länger aufhalten; am Ende würde Geilie zurückkommen, um mich zu suchen. Ich wühlte hastig in meiner Tasche und zog einen Silberflorin hervor, den ich dem Mädchen in die Hand drückte.
»Falls Ihr Ian sehen solltet, sagt ihm, sein Onkel ist hier, um ihn zu finden.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte ich mich ab und eilte aus der Küche.
Auf meinem Weg durch den Durchgang warf ich einen Blick auf die Zuckermühle. Die Presse stand verlassen da; die Ochsen grasten friedlich im hohen Gras am Rand der Lichtung. Keine Spur von Jamie oder dem Aufseher; war er ins Haus zurückgekehrt?
Ich trat durch die Glastür in den Salon und erstarrte. Geilie saß in ihrem Korbsessel, Jamies Rock über dem Arm und die Fotos von Brianna auf dem Schoß ausgebreitet. Sie hörte meine Schritte, blickte auf und zog mit einem schneidenden Lächeln die Augenbraue hoch.
»Was für ein hübsches Mädchen. Wie heißt sie denn?«
»Brianna.« Meine Lippen waren steif. Ich ging langsam auf sie zu und kämpfte gegen das Bedürfnis an, ihr die Bilder aus den Händen zu reißen und davonzulaufen.
»Sieht ihrem Vater ziemlich ähnlich, findest du nicht? Ich dachte doch, dass sie mir bekannt vorkam, die rothaarige junge Frau, die ich in dieser Nacht auf dem Craigh na Dun gesehen habe. Er ist doch ihr Vater, oder?« Sie wies mit dem Kopf auf die Tür, durch die Jamie verschwunden war.
»Ja. Gib sie her.« Es war zu spät; sie hatte die Bilder ja schon gesehen. Dennoch konnte ich den Anblick ihrer dicken Finger auf Briannas Gesicht nicht ertragen.
Ihr Mund zuckte, als hätte sie sich gern geweigert, doch sie schob die Bilder ordentlich zusammen und reichte sie mir ohne Widerrede. Ich hielt sie mir einen Moment an die Brust, weil ich nicht wusste, wohin damit, dann schob ich sie in meine Rocktasche.
»Setz dich, Claire. Der Kaffee ist da.« Sie wies auf den kleinen Tisch und den Stuhl, der danebenstand. Ihr Blick folgte mir dorthin, und ich sah die Kalkulation darin glitzern.
Sie winkte mir, zwei Tassen Kaffee einzuschenken, und nahm die ihre wortlos entgegen. Wir nippten einige Augenblicke schweigend vor uns hin. Die Tasse zitterte so sehr in meiner Hand, dass mir heiße Flüssigkeit über das Handgelenk lief. Ich stellte sie hin und wischte mir die Hand am Rock ab, während ich mich im Hinterkopf dumpf fragte, warum ich eigentlich Angst hatte.
»Zwei Mal«, sagte sie plötzlich. Sie sah mich beinahe ehrfürchtig an. »Grundgütiger, du bist zwei Mal hindurchgegangen! Oder nein – drei Mal, sonst wärst du jetzt nicht hier.« Sie schüttelte staunend den Kopf, ohne die leuchtenden grünen Augen von meinem Gesicht abzuwenden.
»Wie?«, fragte sie. »Wie ist es dir gelungen, es so oft zu tun und zu überleben?«
»Ich weiß es nicht.« Ungläubige Skepsis blickte mir entgegen, und ich reagierte, als würde ich angegriffen. »Wirklich nicht! Ich … bin einfach gegangen.«
»War es denn bei dir nicht auch so?« Die grünen Augen hatten sich vor Konzentration zu Schlitzen verengt. »Wie war es in der Passage? Hast du das Grauen nicht gespürt? Und den Lärm, der geeignet war, einem den Schädel spalten und das Gehirn zerfließen zu lassen?«
»Doch, so ist es gewesen.« Ich wollte nicht darüber reden; wollte lieber gar nicht an die Zeitpassage denken. Ich hatte es bewusst verdrängt, das Todesdröhnen, den Zerfall und das Chaos, das mich zu sich rief.
»Hast du Blut zu deinem Schutz benutzt oder Steine? Blut würde ich dir eigentlich nicht zutrauen – aber vielleicht liege ich auch falsch. Denn du bist auf jeden Fall stärker, als ich dachte, wenn du es dreimal überleben konntest.«
»Blut?« Ich schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein. Nichts. Ich sage dir doch … ich bin einfach gegangen. Das ist alles.« Dann erinnerte ich mich an die Nacht im Jahr 1968; an das Feuer auf dem Hügel Craigh na Dun und die gekrümmte, verkohlte Gestalt im Herzen dieses Feuers. »Greg Edgars«, sagte ich. Der Name ihres ersten Ehemanns. »Du hast ihn nicht einfach umgebracht, weil er dir auf die Schliche gekommen ist und versucht hat, dich aufzuhalten, oder? Er war …«
»Das Blut, aye.« Sie beobachtete mich konzentriert. »Ich hätte nie gedacht, dass es ohne Blut überhaupt möglich ist – zu reisen.« Sie klang schwach erstaunt. »Die Altvorderen – sie haben immer Blut benutzt. Blut und Feuer. Sie haben große Weidenkäfige gebaut, ihre Gefangenen hineingesteckt und sie in den Kreisen in Brand gesetzt. Ich dachte, das wäre die Methode gewesen, mit der sie die Passage geöffnet haben.«
Meine Hände und meine Lippen fühlten sich kalt an, und ich griff nach der Tasse, um sie mir zu wärmen. Wo in Gottes Namen war Jamie?
»Und Steine hast du auch nicht benutzt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Was denn für Steine?«
Sie sah mich einen Moment an, während sie mit sich haderte, ob sie es mir erzählen sollte. Ihre kleine rosa Zunge fuhr ihr über die Lippen, dann fällte sie ihren Entschluss, und sie nickte. Mit einem kleinen Ächzlaut hievte sie sich aus dem Sessel, um zu dem gewaltigen Kamin am anderen Ende des Zimmers zu gehen, und winkte mir, ihr zu folgen.
Sie kniete sich hin, erstaunlich mühelos für einen Menschen von ihrer Körperfülle, und drückte auf einen grünlichen Stein, der in etwa dreißig Zentimetern Höhe in das Kaminsims eingelassen war. Er bewegte sich, es klickte leise, und eine der Kaminplatten glitt aus ihrem Mörtelbett.