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»Ein Federmechanismus«, erklärte Geilie, während sie die Platte vorsichtig heraushob und sie beiseitestellte. »Ein Däne aus St. Croix namens Leiven hat ihn für mich konstruiert.«

Sie griff in die Höhlung, die sich darunter auftat, und zog eine Holzschatulle von etwa dreißig Zentimetern Länge hervor. Das glatte Holz war mit hellbraunen Flecken übersät, und es war aufgequollen und rissig, als hätte es in Salzwasser gelegen. Ich biss mir fest auf die Unterlippe und hoffte, dass mein Gesicht mich nicht verriet. Falls ich doch noch Zweifel daran gehegt hatte, dass Ian hier war, so waren sie jetzt verflogen – denn wenn ich mich nicht völlig irrte, hatte ich hier den Seehundschatz vor mir. Glücklicherweise hielt Geilie den Blick nicht auf mich gerichtet, sondern auf die Schatulle.

»Das mit den Steinen hat mir ein Hindu aus Kalkutta erzählt«, erklärte sie. »Er ist zu mir gekommen, weil er Stechäpfel kaufen wollte, und er hat mir erzählt, wie man Arzneien aus Edelsteinen herstellt.«

Ich blickte mich nach Jamie um, doch er war nirgendwo zu sehen. Wo zum Teufel steckte er nur? Hatte er Ian etwa irgendwo auf der Plantage gefunden?

»Es gibt einen Apotheker in London, der pulverisierte Steine verkauft«, sagte sie, während sie stirnrunzelnd versuchte, den Deckel der Schatulle aufzuschieben. »Aber sie sind meistens nicht von guter Qualität, und ihr Bhasma wirkt nicht besonders. Am besten nimmt man mindestens einen Stein der zweitbesten Kategorie – einen sogenannten Naginastein. Das ist ein nicht zu kleiner, angeschliffener Stein. Steine der ersten Kategorie haben einen Facettenschliff und sind makellos, aber die meisten Leute können es sich nicht leisten, einen solchen Stein zu verbrennen. Die Asche des Steins ist das Bhasma«, erklärte sie, und jetzt sah sie mich an. »Sie ist es, die in der Medizin Verwendung findet. Hier, bekommst du das verdammte Ding auf? Es ist im Wasser ruiniert worden, und das Verschlussteil quillt bei feuchtem Wetter auf – also um diese Jahreszeit so gut wie immer«, fügte sie hinzu und verzog das Gesicht angesichts der Wolken, die sich weit unter uns über der Bucht heranwälzten.

Sie drückte mir die Schatulle in die Hände und erhob sich schwerfällig. Dabei ächzte sie vor Anstrengung.

Ich sah, dass es eine chinesische Geheimschatulle war, und zwar eigentlich keine besonders komplizierte, mit einem einfachen Schiebedeckel. Das Problem war, dass dieser Deckel aufgequollen war und in den Schlitzen der Seitenteile feststeckte.

»Es bringt Unglück, wenn man sie zerbricht«, stellte Geilie fest, während sie meine Bemühungen beobachtete. »Sonst würde ich sie einfach zerschlagen. Hier, vielleicht hilft das.« Sie zog ein kleines Perlmutt-Taschenmesser aus den Tiefen ihres Gewandes und reichte es mir, dann ging sie zur Fensterbank und läutete ein anderes Silberglöckchen.

Ganz sacht setzte ich das Messer an der Unterseite des Deckels an wie ein kleines Stemmeisen. Ich spürte, wie es in dem Holzdeckel Halt fand, und bewegte es vorsichtig. Nach und nach rutschte die kleine Holzplatte auf mich zu, bis ich sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu fassen bekam und sie ganz lösen konnte.

»Bitte sehr«, sagte ich und reichte ihr die Schatulle etwas widerstrebend zurück. Sie fühlte sich schwer an, und als ich sie schräg hielt, klirrte es eindeutig metallisch darin.

»Danke.« Im selben Moment, als sie die Schatulle wieder entgegennahm, kam eine schwarze Bedienstete durch die Tür am anderen Ende des Zimmers. Geilie wandte den Kopf, um dem Mädchen aufzutragen, uns ein Tablett mit frischen Törtchen zu bringen, und ich sah, dass sie die Schatulle zwischen ihre Rockfalten geschoben hatte, um sie zu verstecken.

»Neugierige Geschöpfe«, sagte sie und folgte der Dienstmagd mit einem stirnrunzelnden Blick, bis diese durch die Tür verschwand. »Eins der Probleme mit Sklaven; man kann vor ihnen nichts geheim halten.« Sie stellte die Schatulle auf den Tisch und schob den Deckel zur Seite; er bewegte sich mit einem leisen, abrupten Protestlaut.

Sie griff in die Schatulle, zog ihre geschlossene Faust heraus, lächelte mich schelmisch an und sagte: »Hast denn das Säcklein auch bei dir? Ich sprach: Das Säcklein, das ist hier …«, sie öffnete die Hand mit einer ausladenden Bewegung, »denn Apfel, Nuss und Mandelkern fressen fromme Kinder gern.«

Ich war natürlich darauf vorbereitet gewesen, doch es bereitete mir dennoch keine Schwierigkeiten, ein beeindrucktes Gesicht zu machen. Der Anblick eines echten Edelsteins geht unmittelbarer unter die Haut als seine bloße Beschreibung. Sechs oder sieben solcher Steine glitzerten und glimmerten in ihrer Hand, brennendes Feuer und frostiges Eis, blaues Wasser in der Sonne und ein großer, goldener Stein, der an das Auge eines lauernden Tigers erinnerte.

Unwillkürlich angezogen, blickte ich fasziniert auf den Schatz in ihrer Hand. Als »anständig« hatte Jamie die Größe der Steine mit seinem typisch schottischen Hang zur Untertreibung bezeichnet. Nun, es kam vermutlich auf die Perspektive an.

»Eigentlich hatte ich sie mir als Zahlungsmittel beschafft«, sagte Geillis und berührte die Steine voller Genugtuung mit dem Finger. »Weil sie einfacher zu transportieren waren als eine große Menge Gold oder Silber, meine ich; damals war mir nicht klar, welchen Nutzen sie sonst noch haben könnten.«

»Was, als Bhasma?« Die Vorstellung, auch nur eines dieser leuchtenden Juwelen zu Asche zu verbrennen, schien mir ein Sakrileg zu sein.

»Oh nein, die hier nicht.« Sie schloss die Hand um die Steine, schob sie in ihre Tasche und griff dann wieder in die Schatulle, um noch mehr hervorzuholen. Ein kleiner Strom flüssigen Feuers ergoss sich in ihre Tasche, die sie dann liebevoll tätschelte. »Nein, zu diesem Zweck habe ich kleinere Steine. Diese hier sind für etwas anderes gedacht.«

Sie warf mir einen nachdenklichen Blick zu, dann wies sie mit einem Ruck ihres Kopfes auf die Tür am Ende des Zimmers.

»Komm mit nach oben in meinen Arbeitsraum«, sagte sie. »Ich habe da einiges, was dich vielleicht interessieren könnte.«

»Interessieren« war gelinde ausgedrückt, dachte ich.

Es war ein langer, lichterfüllter Raum. Eine Arbeitsplatte zog sich an einer Wand entlang, trocknende Kräuter hingen an Haken von der Decke und lagen auf gazebespannten Trockengestellen an der Innenwand. Die restlichen Wände waren mit Schubladenschränken bedeckt, und am Ende des Zimmers stand eine kleine Büchervitrine.

Das ganze Zimmer war wie ein kleines Déjà-vu-Erlebnis; nach einigen Sekunden begriff ich, dass es große Ähnlichkeit mit Geilies Kräuterkammer in Cranesmuir hatte, im Haus ihres ersten Ehemanns – nein, des zweiten, verbesserte ich mich und dachte an Greg Edgars’ brennende Leiche.

»Wie oft warst du eigentlich schon verheiratet?«, fragte ich neugierig. Mit Hilfe ihres zweiten Ehemanns hatte sie den Grundstein ihres Vermögens gelegt. Er war Fiskalprokurator des Distrikts gewesen, in dem sie lebten, und sie hatte seine Unterschrift gefälscht, um Geld für ihre eigenen Zwecke abzuzweigen, und ihn dann ermordet. Da sie mit dieser Vorgehensweise Erfolg hatte, hatte sie es vermutlich erneut versucht; Geilie Duncan war ein Gewohnheitstier.

Sie hielt einen Moment inne, um nachzuzählen. »Oh, fünfmal, glaube ich. Seit ich hier bin«, fügte sie beiläufig hinzu.

»Fünf?«, sagte ich ein wenig schwach. Das war schon keine Gewohnheit mehr, sondern eine waschechte Sucht.

»Die Atmosphäre in den Tropen ist für Engländer sehr ungesund«, sagte sie und lächelte mir hinterlistig zu. »Fieber, Geschwüre, Magenentzündungen; sie sterben an der kleinsten Kleinigkeit.« Sie hatte offenbar auf ihre Mundhygiene geachtet; ihre Zähne waren noch sehr gut.

Sie streckte die Hand aus und tätschelte eine kleine Flasche, die auf dem unteren Wandbord stand. Sie war zwar nicht beschriftet, aber ich wusste, wie Arsen aussah. Im Großen und Ganzen war ich froh, dass ich nichts gegessen hatte.