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Er warf mir einen raschen Blick zu, und ich fasste mir mit einem kurzen Nicken an die Tasche, in der sie sich befanden.

»Danke für deine Gastfreundschaft«, sagte ich. Ich ergriff meinen Hut und steuerte hastig auf die Tür zu. Jetzt, da Jamie zurück war, wollte ich nichts mehr, als Rose Hall und seine Besitzerin schnell hinter mir zu lassen. Doch Jamie blieb noch einen Moment stehen.

»Ich habe mich gefragt, Mrs. Abernathy – da Ihr erwähntet, dass Ihr eine Weile in Paris gelebt habt –, ob Ihr dort möglicherweise einem Herrn aus meiner eigenen Bekanntschaft begegnet seid. Kanntet Ihr zufällig den Herzog von Sandringham?«

Neugierig legte sie den cremeblonden Kopf schief und sah ihn an, doch da er sonst nichts sagte, nickte sie.

»Aye, ich habe ihn gekannt. Warum?«

Jamie schenkte ihr sein bezauberndstes Lächeln. »Kein besonderer Grund, Mistress, nur Neugier, könnte man sagen.«

Als wir das Tor durchquerten, hatte sich der Himmel vollständig zugezogen, und es war klar, dass wir den Rückweg nicht schaffen würden, ohne nass zu werden. Angesichts der Umstände war mir das gleichgültig.

»Du hast Briannas Bilder?«, war das Erste, was Jamie sagte, als er kurz sein Pferd anhielt.

»Ja, hier.« Ich klopfte auf meine Tasche. »Hast du irgendeine Spur von Ian gefunden?«

Er sah sich um, als fürchtete er, dass wir verfolgt würden.

»Aus dem Aufseher und den Sklaven konnte ich nichts herausbekommen – sie haben Todesangst vor dieser Frau, und ich kann nicht sagen, dass ich ihnen das verdenke. Aber ich weiß, wo er ist«, sagte er mit beträchtlicher Genugtuung.

»Wo denn? Können wir heimlich zurückgehen und ihn holen?« Ich stellte mich in die Bügel, um mich umzuschauen; das Schieferdach war alles, was zwischen den Wipfeln von Rose Hall zu sehen war. Ich hätte das Anwesen nur sehr widerstrebend noch einmal betreten – außer um Ians willen.

»Noch nicht.« Jamie streckte die Hand nach meinem Zaumzeug aus und lenkte das Pferd auf den Weg zurück. »Ich werde Hilfe brauchen.«

Unter dem Vorwand, Material für die Reparatur der beschädigten Zuckerpresse zu suchen, war es Jamie gelungen, im Umkreis einer Viertelmeile vom Haus den Großteil der Plantage in Augenschein zu nehmen, einschließlich einer Ansammlung von Sklavenhütten, der Stallungen, eines nicht mehr benutzten Trockenschuppens für Tabak und des Gebäudes, in dem sich die Raffinerie befand. Nirgendwo war er auf größeren Widerstand gestoßen als den einen oder anderen neugierigen oder feindseligen Blick – außer in der Nähe der Raffinerie.

»Dieser große schwarze Kerl, den wir auf der Veranda gesehen haben, saß davor auf dem Boden«, sagte er. »Als ich auf ihn zugegangen bin, wurde der Aufseher furchtbar nervös; er hat mich weggerufen und mich gewarnt, dem Mann nicht zu nahe zu kommen.«

»Das klingt nach einer wirklich ausgezeichneten Idee«, sagte ich und erschauerte sacht. »Ihm nicht zu nahe zu kommen, meine ich. Aber du meinst, er hatte etwas mit Ian zu tun?«

»Er saß vor einer kleinen Tür, die in den Boden eingelassen war, Sassenach.« Jamie lenkte sein Pferd geschickt um einen umgestürzten Baumstamm auf dem Weg herum. »Sie muss in einen Keller unter der Raffinerie führen.« Während der gesamten Zeit, die Jamie in der Nähe der Raffinerie hatte verbringen können, hatte sich der Mann nicht einen Zentimeter bewegt. »Wenn Ian auf der Plantage ist, dann dort.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er da ist.« Rasch erzählte ich ihm von den Einzelheiten meines Besuchs, einschließlich meiner kurzen Unterhaltung mit der Küchenmagd. »Aber was sollen wir tun?«, schloss ich meinen Bericht. »Wir können ihn doch nicht einfach dort lassen! Wir haben zwar keine Ahnung, was Geillis mit ihm vorhat, aber da sie nicht zugeben wollte, dass er bei ihr ist, kann es kaum etwas Harmloses sein, oder?«

»Gewiss nicht«, pflichtete er mir mit grimmiger Miene bei. »Dem Aufseher war kein Wort über Ian zu entlocken, aber er hat mir andere Dinge erzählt, bei denen sich dir die Haare einrollen würden, Sassenach, wenn sie nicht schon gekringelt wären wie Schafwolle.« Er sah mich an, und trotz seiner Unruhe wurde sein Gesicht von einem angedeuteten Lächeln erhellt.

»Dem Zustand deines Haars nach, Sassenach, würde ich sagen, es dauert nicht mehr lange, bis es regnet.«

»Wie scharfsinnig von dir«, sagte ich sarkastisch und versuchte, die Locken und Strähnen festzustecken, die mir unter dem Hut entwischt waren. »Die Tatsache, dass der Himmel pechschwarz ist und es nach Blitzen riecht, hat natürlich nicht das Geringste mit deiner Schlussfolgerung zu tun.«

Die Blätter der Bäume ringsum flatterten wie angeleinte Schmetterlinge, als jetzt die Vorboten des Sturms den Berghang hinaufgerollt kamen. Von unserer kleinen Anhöhe konnte ich die Gewitterwolken über der Bucht heranwehen sehen, und ein dunkler Regenvorhang hing darunter wie ein Schleier.

Jamie stellte sich in die Bügel und betrachtete das Terrain. Für mein ungeübtes Auge sah unsere Umgebung wie dichter, undurchdringlicher Dschungel aus, doch ein Mann, der sieben Jahre in der Heide gelebt hatte, erkannte andere Möglichkeiten.

»Am besten suchen wir uns Schutz, solange wir es können, Sassenach«, sagte er. »Komm mit.«

Wir führten die Pferde zu Fuß, verließen den schmalen Weg und schoben uns in den Wald. Dabei folgten wir einer Spur, von der Jamie sagte, sie sei ein Wildschweinpfad. Innerhalb von Sekunden hatte er gefunden, wonach er suchte, einen kleinen Bach, der sich tief durch den Waldboden schnitt und dessen Uferböschung mit Farnen und dunklen, glänzenden Büschen überwuchert war. Hier und dort wuchsen schmale Schösslinge.

Er ließ mich Farnwedel sammeln, die hier so lang waren wie mein Arm, und als ich ihm brachte, was ich tragen konnte, hatte er einige Schösslinge umgebogen, sie an einen umgestürzten Baum gebunden und sie mit Zweigen bedeckt, so dass das Gerüst eines schmucken Unterschlupfs entstanden war. Hastig ein Dach aus ausgebreiteten Farnwedeln darübergelegt, und es war zwar nicht komplett wasserdicht, aber um einiges besser, als im Freien erwischt zu werden. Zehn Minuten später hockten wir sicher darunter.

Dann folgte ein Moment der absoluten Ruhe vor dem Sturm. Kein Vogelgeplapper, kein Insektengesang; sie konnten den Regen genauso gut vorhersagen wie wir. Ein paar große Tropfen prallten mit explosiven Geräuschen wie zerbrechende Zweige auf dem Laub auf. Dann brach das Gewitter los.

Karibische Gewitter sind abrupt und heftig. Keine Spur von der nebligen Zurückhaltung des Edinburgher Nieselregens. Die Himmel schwärzen sich und tun sich auf, um innerhalb einer Minute literweise Wasser abzuwerfen. Solange der Regen andauert, ist jedes Gespräch unmöglich, und schwacher Nebel steigt vom Boden auf wie Dampf; der Dunst, der durch die Wucht der platzenden Regentropfen entsteht.

Der Regen trommelte über uns auf die Farne, und auch der grüne Schatten unserer Zuflucht füllte sich mit einem Nebelhauch. Das Prasseln des Regens und der konstante Donner, der über die Hügel rollte, raubten uns die Sprache.

Es war zwar nicht kalt, doch durch ein Leck genau über uns tropfte es mir unablässig auf den Hals. Zum Beiseiterücken war kein Platz; Jamie zog seinen Rock aus und wickelte ihn um mich, dann legte er den Arm um mich, und wir warteten auf das Ende des Unwetters. Trotz des furchtbaren Lärms im Freien fühlte ich mich plötzlich sicher und friedlich, befreit von der Anspannung der letzten Stunden, der letzten Tage. Ian war so gut wie gefunden, und nichts konnte uns hier etwas anhaben.

Ich drückte ihm die freie Hand; er lächelte mich an, dann senkte er den Kopf und küsste mich sanft. Er roch frisch und erdig nach dem Harz der Zweige, die er geschnitten hatte, und seinem gesunden Schweiß.

Es war beinahe vorüber, dachte ich. Wir hatten Ian gefunden, und so Gott wollte, würden wir ihn heil zurückbekommen, und zwar bald. Und was dann? Wir würden Jamaica verlassen müssen, aber es gab andere Orte, und die Welt war weit. Hier gab es die französischen Kolonien Martinique und Grenada, die Insel Eleuthera, in holländischer Hand; vielleicht würden wir uns sogar auf den Kontinent vorwagen – Kannibalen oder nicht. Solange ich Jamie hatte, kannte ich keine Furcht.