Major Grey stand dicht bei ihnen auf der anderen Seite des Bettes und beobachtete stirnrunzelnd Duncans Gesicht. Der Engländer sprach zwar kein Gälisch, aber Jamie wäre zu jeder Wette bereit gewesen, dass er das Wort für Gold kannte. Er fing den Blick des Majors auf und nickte; dann beugte er sich wieder über den Kranken.
»Das Gold, Mann«, sagte er auf Französisch, so laut, dass Grey es hören konnte. »Wo ist das Gold?« Er drückte Duncans Hand, so fest er konnte, in der Hoffnung, dass dieser die Warnung verstand.
Duncans Augen schlossen sich, und er warf unruhig den Kopf auf dem Kissen hin und her. Er murmelte etwas, doch seine Worte waren zu leise, um sie zu verstehen.
»Was hat er gesagt?«, forderte der Major. »Was?«
»Ich weiß es nicht.« Jamie klopfte Duncan auf den Handrücken, um ihn zu Bewusstsein zu bringen. »Sprich mit mir, Mann, sag es mir noch einmal!«
Es kam keine Antwort außer weiterem Gemurmel. Duncan hatte die Augen verdreht, so dass nur ein schmaler Streifen Weiß zwischen seinen faltigen Lidern aufglänzte. Ungeduldig beugte der Major sich vor und schüttelte ihn an der Schulter.
»Wacht auf!«, sagte er. »Sagt etwas!«
Mit einem Ruck öffnete Duncan Kerr die Augen. Er starrte zur Decke, an den beiden über ihn gebeugten Gesichtern vorbei, und er sah etwas, das in weiter Ferne war.
»Sie wird es dir verraten«, sagte er auf Gälisch. »Sie kommt und sucht dich heim.« Für den Bruchteil einer Sekunde schien seine Aufmerksamkeit in das Wirtshauszimmer zurückzukehren, in dem er lag, und seine Augen richteten sich auf die Männer, die bei ihm waren. »Euch beide«, sagte er deutlich.
Dann schloss er die Augen und sprach nicht mehr, sondern klammerte sich fester und fester an Jamies Hand. Nach einer Weile lockerte sich sein Griff, seine Hand glitt ins Leere, und es war vorbei. Die Wacht über das Gold war dahin.
Und so hatte Jamie Fraser vor dem Engländer Wort gehalten – und seine Pflicht gegenüber seinen Landsleuten erfüllt. Er hatte dem Major alles erzählt, was Duncan gesagt hatte, und es war herzlich wenig hilfreich gewesen! Und als sich die Gelegenheit zur Flucht bot, hatte er sie ergriffen – die Heide durchquert zum Meer, und er hatte mit Duncan Kerrs Vermächtnis getan, was er konnte. Und jetzt musste er den Preis für sein Handeln zahlen, wie auch immer dieser aussehen mochte.
Draußen kamen Schritte durch den Korridor. Er klammerte sich fester an seine Knie, um das Zittern zu unterdrücken. Zumindest würde es sich jetzt entscheiden, so oder so.
»… bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, amen.«
Die Tür schwang auf und ließ einen Lichtstrahl ein, der ihn zum Blinzeln zwang. Im Korridor war es dunkel, doch der Wärter, der über ihm stand, trug eine Fackel.
»Auf mit Euch.« Der Mann streckte die Hand aus und zog ihn hoch, denn seine Gelenke waren steif. Er wurde zur Tür geschoben und stolperte. »Man will Euch oben sehen.«
»Oben? Wo denn?« Das verblüffte ihn – die Schmiede grenzte weiter unten an den Innenhof an. Und so spät am Abend würden sie ihn nicht auspeitschen.
Der Mann verzog das Gesicht, eine rote Fratze im Fackelschein. »Zum Quartier des Majors«, sagte der Wärter und grinste. »Und möge Gott Eurer Seele gnädig sein, Mac Dubh.«
»Nein, Sir, ich sage euch nicht, wo ich gewesen bin«, wiederholte er entschlossen und gab sich alle Mühe zu verhindern, dass seine Zähne dabei klapperten. Man hatte ihn nicht in die Amtsstube gebracht, sondern in Greys privaten Wohnraum. Es brannte zwar Feuer im Kamin, doch Grey stand davor und blockierte den Großteil der Wärme.
»Und auch nicht, warum Ihr so frei wart zu entfliehen?« Greys Ton war kühl und förmlich.
Jamies Züge spannten sich an. Man hatte ihn neben das Bücherregal geführt, wo das Licht eines dreiarmigen Kerzenleuchters auf sein Gesicht fiel; Grey selbst war nicht mehr als eine schwarze Silhouette vor der Glut des Feuers.
»Das ist meine private Angelegenheit«, sagte er.
»Private Angelegenheit?«, wiederholte Grey ungläubig. »Habt Ihr gesagt, Eure private Angelegenheit?«
»So ist es.«
Der Gefängnisverwalter atmete heftig durch die Nase ein.
»Das ist womöglich die größte Unverschämtheit, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe!«
»Dann hattet Ihr wohl ein ziemlich kurzes Leben, Major«, sagte Fraser. »Wenn ich das sagen darf.« Es war sinnlos, es hinauszuzögern oder zu versuchen, es dem Mann recht zu machen. Besser, sofort eine Entscheidung zu provozieren und es hinter sich zu bringen.
Irgendetwas hatte er auf jeden Fall provoziert; Grey ballte die Fäuste an seinen Seiten, und er trat einen Schritt auf ihn zu, fort vom Feuer.
»Habt Ihr irgendeine Vorstellung, was ich Euch hierfür antun könnte?«, erkundigte sich Grey mit leiser, sehr kontrollierter Stimme.
»Aye, das habe ich, Major.« Mehr als nur eine Vorstellung. Er wusste aus eigener Erfahrung, was sie ihm antun konnten, und er war alles andere als von freudiger Erwartung erfüllt. Doch es war ja nicht so, als hätte er eine Wahl.
Einen Moment atmete Grey nur schwer, dann wies er mit einem Ruck seines Kopfes auf Fraser.
»Kommt her, Mr. Fraser«, befahl er. Jamie starrte ihn verwundert an.
»Hierher!«, sagte er entschlossen und zeigte auf eine Stelle direkt vor ihm auf dem Kaminläufer. »Stellt Euch hierher, Sir!«
»Ich bin kein Hund, Major!«, fuhr Jamie ihn an. »Macht mit mir, was Ihr wollt, aber ich gehe nicht bei Fuß, wenn Ihr mich ruft!«
Überrascht stieß Grey ein kurzes, unwillkürliches Lachen aus.
»Entschuldigung, Mr. Fraser«, sagte er trocken. »Ich wollte Euch damit nicht beleidigen. Ich hätte nur gern, dass Ihr näher kommt. Bitte?« Er trat beiseite, verneigte sich ausladend und zeigte auf den Kamin.
Jamie zögerte, doch dann trat er argwöhnisch auf den gemusterten Läufer. Grey kam näher, und seine Nasenflügel bebten. So nah verliehen ihm die feinen Knochen und die helle Haut seines Gesichtes ein beinahe mädchenhaftes Aussehen. Der Major legte ihm die Hand auf den Ärmel, und die Augen mit den langen Wimpern weiteten sich erschrocken.
»Ihr seid ja nass!«
»Ja, ich bin nass«, sagte Jamie betont geduldig. Außerdem fror er. Selbst so dicht am Feuer durchlief ihn ein leiser, fortwährender Schauder.
»Warum?«
»Warum?«, wiederholte Jamie erstaunt. »Habt Ihr etwa den Wachen nicht befohlen, mich mit Wasser zu überschütten, ehe sie mich in eine eiskalte Zelle geworfen haben?«
»Nein, das habe ich nicht getan.« Es war nicht zu übersehen, dass der Major die Wahrheit sagte; sein Gesicht war bleich unter der Röte des Feuerscheins, und er sah wütend aus. Seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen.
»Ich entschuldige mich dafür, Mr. Fraser.«
»Akzeptiert, Major.« Kleine Dampfschwaden begannen, von seinen Kleidern aufzusteigen, doch die Wärme durchdrang den feuchten Stoff. Seine Muskeln schmerzten vom vielen Zittern, und er wünschte, er könnte sich auf den Kaminläufer legen, Hund oder nicht.
»Hatte Eure Flucht etwas mit den Dingen zu tun, von denen Ihr im Wirtshaus Lime Tree erfahren habt?«
Jamie stand da und schwieg. Seine Haarspitzen trockneten, und kleine Strähnen schwebten ihm über das Gesicht.
»Schwört Ihr mir, dass Eure Flucht nichts damit zu tun hatte?«
Jamie stand da und schwieg. Er sah keinen Sinn darin, jetzt etwas zu sagen.
Der kleine Major schritt vor ihm auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Hin und wieder blickte der Major zu ihm auf, dann setzte er sich wieder in Bewegung.
Schließlich blieb er vor Jamie stehen.
»Mr. Fraser«, sagte er förmlich, »ich frage Euch zum letzten Mal – warum seid Ihr aus dem Gefängnis entflohen?«
Jamie seufzte. Er würde nicht mehr lange am Feuer stehen können.
»Das kann ich Euch nicht sagen, Major.«
»Ihr könnt es nicht, oder Ihr wollt es nicht?«, fragte Grey scharf.