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»Das kann ich gar nicht beurteilen«, erwiderte Fraser und spießte sich fein säuberlich eine Scheibe Hammel auf die Gabel. »Er hat nur selten überhaupt etwas gesagt, geschweige denn etwas Geistreiches. Er hat nur vornübergebeugt auf seinem Stuhl gesessen und alle beobachtet, indem er seinen Blick von einem zum anderen rollen ließ. Es würde mich nicht im Geringsten überraschen zu erfahren, dass Dinge, die an meiner Tafel gesagt wurden, später auf der Bühne in Erscheinung getreten sind, obwohl ich zum Glück nie einer Parodie meiner selbst in seinem Werk begegnet bin.« Er schloss konzentriert die Augen und kaute seinen Hammel.

»Ist das Fleisch nach Eurem Geschmack, Mr. Fraser?«, erkundigte Grey sich höflich. Denn es war knorpelig und schien ihm selbst kaum essbar zu sein. Allerdings würde er vielleicht anders denken, wenn er sich von Hafermehl, Unkraut und gelegentlichen Ratten ernährt hätte.

»Aye, das ist es, danke, Major.« Fraser tupfte etwas Weinsauce auf und hob den letzten Bissen an seine Lippen. Er widersprach nicht, als Grey MacKay signalisierte, mit der Servierplatte zurückzukehren.

»Monsieur Arouet würde eine solch exzellente Mahlzeit leider nicht zu schätzen wissen«, sagte Fraser und schüttelte den Kopf, während er sich noch etwas Hammel nahm.

»Ich gehe davon aus, dass ein Mann, der in der französischen Gesellschaft so gefeiert ist, einen etwas anspruchsvolleren Geschmack hat«, antwortete Grey trocken. Seine eigene Mahlzeit lag noch zur Hälfte auf seinem Teller und würde dem Kater Augustus als Abendessen dienen.

Fraser lachte. »Wohl kaum, Major«, versicherte er Grey. »Ich habe Monsieur Arouet niemals mehr als ein Glas Wasser und trockenen Zwieback verspeisen sehen, ganz gleich, wie prunkvoll der Anlass war. Er ist nämlich ein vertrockneter Zwerg, der von Verdauungsbeschwerden gequält wird.«

»Ach ja?« Grey war fasziniert. »Vielleicht erklärt das ja den Zynismus der einen oder anderen Aussage in seinen Stücken. Oder glaubt Ihr nicht, dass sich der Charakter eines Autors in der Konstruktion seines Werkes zeigt?«

»Angesichts einiger Charaktere, die ich in Theaterstücken oder Romanen habe erscheinen sehen, Major, würde ich einen Autor, der solche Figuren allein auf seiner eigenen Person aufbaut, für etwas verdorben halten, nicht wahr?«

»Vermutlich habt Ihr recht«, antwortete Grey und lächelte bei dem Gedanken an einige der extremeren Romanfiguren, mit denen er vertraut war. »Doch wenn ein Autor diese schillernden Persönlichkeiten dem Leben nachempfindet, statt sie aus den Tiefen seiner Fantasie zu holen, muss er doch gewiss einen äußerst abwechslungsreichen Bekanntenkreis haben!«

Fraser nickte und strich sich mit der Leinenserviette ein paar Krümel vom Schoß.

»Es war nicht Monsieur Arouet, sondern eine Kollegin von ihm, die einmal zu mir gesagt hat, Romane zu schreiben sei eine Kannibalenkunst, in welcher man oft kleine Portionen seiner Freunde und seiner Feinde miteinander vermische, sie mit Fantasie würze und das Ganze dann zu einem herzhaften Sud verkochen lasse.«

Grey lachte über die Beschreibung und winkte MacKay, die Teller mitzunehmen und die Karaffen mit dem Portwein und dem Sherry zu bringen.

»Wirklich eine wunderbare Beschreibung! Aber apropos Kannibalen, seid Ihr zufällig mit Mr. Defoes Robinson Crusoe vertraut? Es ist seit meiner Kindheit eins meiner Lieblingsbücher.«

Damit wandte sich das Gespräch also Abenteuerromanen und der Aufregungen der Tropen zu. Es war schon sehr spät, als Fraser in seine Zelle zurückkehrte und Major Grey amüsiert hinter sich zurückließ, wenn auch keinen Deut klüger, was den Ursprung oder den Verbleib des Goldes betraf.

2. April 1755

John Grey öffnete das Päckchen Federkiele, das ihm seine Mutter aus London geschickt hatte. Schwanenfedern, sowohl feiner als auch haltbarer als einfache Gänsekiele. Bei ihrem Anblick lächelte er schwach; es war ein alles andere als subtiler Hinweis, dass er mit seiner Korrespondenz im Rückstand war.

Doch seine Mutter würde bis morgen warten müssen. Er holte das kleine Taschenmesser mit dem Monogramm hervor, das er stets bei sich trug, und stutzte sich langsam einen Federkiel zurecht, während er sich in Gedanken zurechtlegte, was er sagen wollte. Als er schließlich den Kiel in die Tinte tauchte, hatte er die Worte klar im Kopf, und er schrieb rasch und hielt nur selten inne.

2. April 1755

An Harold, Lord Melton, Graf von Moray

Mein lieber Hal, schrieb er, ich schreibe Dir, um Dir ein Vorkommnis mitzuteilen, das sich jüngst ereignet hat und das mich sehr beschäftigt. Möglich, dass am Ende nichts dabei herauskommt, doch wenn an der Sache irgendetwas Wahres ist, ist sie von großer Wichtigkeit.

Das Auftauchen des Wanderers und der Bericht über seine wirren Worte folgten zügig, doch Grey stellte fest, dass er langsamer wurde, als er dann von Frasers Flucht und seiner erneuten Gefangennahme berichtete.

Die Tatsache, dass Fraser so kurz nach diesen Ereignissen vom Gelände des Gefängnisses verschwunden ist, deutet für mich sehr darauf hin, dass die Worte des Wanderers tatsächlich einen wahren Kern hatten.

Doch wenn dies der Fall ist, kann ich mir keinen Reim auf Frasers weitere Handlungsweise machen. Er wurde nur drei Tage nach seiner Flucht wieder festgenommen, an einer Stelle nicht mehr als eine Meile von der Küste entfernt. Die Landschaft rings um das Gefängnis ist jenseits der Ortschaft Ardsmuir meilenweit verlassen, und es ist kaum wahrscheinlich, dass er sich mit einem Vertrauten getroffen hat, an den er die Nachricht von dem Schatz weitergegeben hat. Jedes Haus der Ortschaft wurde durchsucht, ebenso wie Fraser selbst, ohne irgendeine Spur von Gold. Es ist eine entlegene Gegend, und ich bin mir hinreichend sicher, dass er vor seiner Flucht mit keinem Menschen außerhalb des Gefängnisses in Kontakt getreten ist – und ich weiß genau, dass er es auch seitdem nicht getan hat, denn er wird streng beobachtet.

Grey hielt inne und sah einmal mehr die windumtoste Gestalt James Frasers vor sich, wild wie die Hirsche, die genauso im Moor zu Hause waren wie er.

Er hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es Fraser ein Leichtes gewesen wäre, den Dragonern zu entkommen, doch er hatte es nicht getan. Er hatte sich absichtlich wieder gefangen nehmen lassen. Warum? Er schrieb langsamer weiter.

Es kann natürlich sein, dass Fraser den Schatz nicht gefunden hat oder dass ein solcher Schatz nicht existiert. Ich neige zu dieser Annahme, denn wenn er im Besitz einer großen Summe wäre, hätte er die Gegend doch gewiss auf der Stelle verlassen? Er ist ein kräftiger Mann, der rauhe Lebensbedingungen gewohnt ist und meiner Meinung nach absolut in der Lage ist, sich auf dem Landweg zu einem Punkt an der Küste zu begeben, von dem er über das Meer entfliehen kann.

Grey biss sacht auf das Ende des Federkiels und schmeckte Tinte. Er verzog das Gesicht, weil sie bitter war, erhob sich und spuckte aus dem Fenster. Dort blieb er eine Minute stehen und blickte in den kalten Frühlingsabend hinaus, während er sich zerstreut den Mund abwischte.

Heute war ihm endlich der Gedanke gekommen zu fragen; nicht die Frage, die er schon die ganze Zeit stellte, sondern die, die viel wichtiger war. Er hatte es zum Abschluss einer Schachpartie getan, die Fraser gewonnen hatte. Der Wärter stand an der Tür bereit, um Fraser in seine Zelle zurückzueskortieren; als sich der Gefangene erhob, war Grey ebenfalls aufgestanden.

»Ich werde Euch nicht noch einmal fragen, warum Ihr das Gefängnis verlassen habt«, hatte er in ruhigem Konversationston gesagt. »Aber ich frage Euch dies – warum seid Ihr zurückgekommen?«

Vor Verblüffung war Fraser kurz erstarrt. Er wandte sich um und sah Grey direkt in die Augen. Einen Moment lang sagte er nichts. Dann verzog sich sein Mund zu einem Lächeln.

»Es muss wohl an der Gesellschaft liegen, Major; ich kann Euch sagen, das Essen ist es nicht.«