Grey prustete leise, als er daran dachte. Weil ihm keine passende Erwiderung eingefallen war, hatte er Fraser gehen lassen. Erst sehr viel später an diesem Abend hatte er mühselig zu einer Antwort gefunden, weil er endlich auf die Idee gekommen war, Fragen an sich selbst zu richten, nicht an Fraser. Was hätte er, Grey, getan, wenn Fraser nicht zurückgekehrt wäre.
Die Antwort lautete, dass es sein nächster Schritt gewesen wäre, Erkundigungen über Frasers familiäre Verbindungen einzuholen, für den Fall, dass der Mann dort Zuflucht oder Hilfe gesucht hatte.
Und das, da war er sich hinreichend sicher, war die Antwort. Grey war nicht an der Unterwerfung der Highlands beteiligt gewesen – er war in Italien und Frankreich stationiert gewesen –, doch er hatte mehr als genug von diesem Feldzug gehört. Während er nordwärts nach Ardsmuir reiste, hatte er die geschwärzten Steine viel zu vieler verkohlter Katen gesehen, die sich wie Grabhügel aus den ruinierten Feldern erhoben.
Die leidenschaftliche Treue der schottischen Highlander war legendär. Ein Highlander, der diese Hütten in Flammen gesehen hatte, würde sehr wohl das Gefängnis, Eisen oder sogar die Peitsche erdulden, um seiner Familie einen Besuch der englischen Soldaten zu ersparen.
Grey setzte sich, nahm den Federkiel und tauchte ihn erneut in die Tinte.
Du bist vermutlich mit der Standhaftigkeit der Schotten vertraut, schrieb er. Vor allem dieses Schotten, dachte er ironisch.
Es ist unwahrscheinlich, dass irgendeine Art von Gewalt oder Drohung, die in meiner Macht liegt, Fraser bewegen wird, den Fundort des Goldes preiszugeben – falls es existiert, und falls nicht, kann ich ja noch weniger erwarten, dass Drohungen Wirkung zeigen würden! Stattdessen habe ich mich entschieden, eine förmliche Bekanntschaft mit Fraser zu beginnen, in seiner Eigenschaft als Anführer der schottischen Gefangenen, in der Hoffnung, ihm im Gespräch einen Hinweis zu entlocken. Bis jetzt war diese Vorgehensweise erfolglos. Jedoch drängt sich noch eine weitere Möglichkeit auf.
Aus naheliegenden Gründen, fuhr er fort und schrieb langsam, während er den Gedanken ausformte, möchte ich nicht, dass diese Angelegenheit offiziell bekannt wird. Auf einen Schatz aufmerksam zu machen, der sich sehr wohl als Chimäre entpuppen konnte, war gefährlich; die Möglichkeit der Enttäuschung war zu groß. Falls das Gold gefunden wurde, war noch Zeit genug, seine Vorgesetzten zu informieren und seine verdiente Belohnung einzustreichen – das Entkommen aus Ardsmuir, einen Posten in der Zivilisation.
Daher wende ich mich an Dich, lieber Bruder, und bitte Dich um Deine Hilfe dabei, Wissenswertes über James Frasers Familie ausfindig zu machen. Ich bitte Dich, achte darauf, dass niemand durch Deine Erkundigungen alarmiert wird; falls solche familiären Verbindungen existieren, wäre es mir lieber, wenn sie vorerst nichts von meinem Interesse erfahren. Meinen tiefen Dank für alles, was Du für mich unternehmen kannst, und glaube mir, ich bin immer,
Er tauchte die Feder noch einmal ein und unterzeichnete mit einem kleinen Schnörkel,
Dein ergebener Diener und zuneigungsvoller Bruder.
John William Grey.
15. Mai 1755
»Die Männer, die an der Grippe erkrankt sind«, erkundigte sich Grey, »wie geht es ihnen?« Das Abendessen war vorüber und damit auch das Gespräch über Bücher. Jetzt war es Zeit für ernste Themen.
Fraser saß stirnrunzelnd über dem Glas Sherry, das alles war, was er an Alkohol akzeptierte. Er hatte ihn noch nicht gekostet, obwohl das Essen schon seit einer Weile vorüber war.
»Nicht so gut. Ich habe mehr als sechzig Kranke, fünfzehn davon sind in sehr schlechtem Zustand.« Er zögerte. »Dürfte ich fragen …«
»Ich kann Euch nichts versprechen, Mr. Fraser, aber fragen dürft Ihr«, antwortete Grey förmlich. Auch er hatte kaum an seinem Sherry genippt, und auch sein Essen hatte er kaum angerührt; vor lauter Nervosität hatte er schon den ganzen Tag einen Knoten im Magen.
Jamie wartete noch einen Moment und dachte über seine Chancen nach. Er würde nicht alles bekommen; er musste es mit dem Wichtigsten versuchen, Grey aber auch die Möglichkeit lassen, einige seiner Bitten zurückzuweisen.
»Wir brauchen mehr Wolldecken, Major, mehr Feuerstellen und mehr Essen. Und Arzneien.«
Grey ließ den Sherry in seinem Glas kreisen und sah zu, wie das Licht des Feuers in dem Wirbel spielte. Zuerst die Alltagsdinge, sagte er sich. Für das andere war später Zeit.
»Wir haben nicht mehr als zwanzig Ersatzdecken im Lager«, antwortete er, »aber die könnt Ihr für die schlimmsten Fälle haben. Die Essensrationen kann ich leider nicht aufstocken; die Ratten haben vieles verdorben, und wir haben eine Menge Mehl verloren, als vor zwei Monaten der Lagerraum eingestürzt ist. Unsere Ressourcen sind begrenzt, und …«
»Es geht nicht unbedingt um mehr«, warf Fraser hastig ein. »Sondern eher um die Art des Essens. Die Männer, die am schlimmsten erkrankt sind, können Brot und Porridge nicht gut verdauen. Vielleicht ließe sich ja Ersatz arrangieren?« Jedem Mann stand per Gesetz täglich eine Portion Haferporridge und ein kleines Weizenbrot zu. Dies wurde zweimal in der Woche durch eine dünne Gerstensuppe ergänzt, und sonntags eine Portion Fleischeintopf, um die Männer bei Kräften zu halten, wenn sie täglich zwölf bis sechzehn Stunden körperliche Schwerarbeit leisteten.
Grey zog eine Augenbraue hoch. »Wie lautet Euer Vorschlag, Mr. Fraser?«
»Ich vermute, dass das Gefängnis ein Budget für den Erwerb von Pökelfleisch, Rübchen und Zwiebeln für den Sonntagseintopf hat?«
»Ja, aber dieses Budget muss für die Provianteinkäufe des nächsten Quartals reichen.«
»Dann schlage ich vor, Major, dass Ihr dieses Geld jetzt benutzt, um die Kranken mit Fleischbrühe und Eintopf zu versorgen. Diejenigen von uns, die gesund sind, werden gern ein Quartal lang auf ihre Fleischration verzichten.«
Grey runzelte die Stirn. »Aber werden die Gefangenen nicht geschwächt sein, wenn sie gar kein Fleisch bekommen? Werden sie nicht unfähig sein zu arbeiten?«
»Diejenigen, die an der Grippe sterben, werden mit Sicherheit nicht arbeiten«, argumentierte Fraser bitter.
Grey prustete. »Das ist wahr. Aber diejenigen, die noch gesund sind, werden es nicht lange bleiben, wenn Ihr so lange auf Eure Rationen verzichtet.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Mr. Fraser, ich denke nicht. Es ist besser, die Kranken ihrem Schicksal zu überlassen, als zu riskieren, dass noch viel mehr Männer erkranken.«
Fraser war ein hartnäckiger Mann. Er senkte einen Moment den Kopf, dann blickte er auf, um es erneut zu versuchen.
»Dann bitte ich Euch um Erlaubnis, selbst für uns zu jagen, Major, wenn uns die Krone nicht adäquat ernähren kann.«
»Jagen?« Greys blonde Augenbrauen hoben sich erstaunt. »Euch Waffen geben und es Euch gestatten, in den Mooren umherzuwandern? Um Gottes willen, Mr. Fraser!«
»Ich glaube kaum, dass Gott an der Grippe leidet, Major«, sagte Jamie trocken. »Er ist es nicht, der hier in Gefahr ist.« Er sah Greys Mund zucken und entspannte sich etwas. Grey versuchte stets, seinen Humor zu unterdrücken, vermutlich, weil er glaubte, dass er sich dadurch eine Blöße gab. Im Umgang mit Jamie Fraser traf das auch zu.
Durch dieses verräterische Zucken ermutigt, drang Jamie weiter in den Mann.
»Keine Waffen, Major. Und es wird niemand wandern. Doch würdet Ihr uns gestatten, im Moor Schlingen zu legen, wenn wir Torf stechen? Und das Fleisch zu behalten, das wir erbeuten?« Hin und wieder legten einzelne Gefangene auch jetzt schon Schlingen, doch meistens nahmen ihnen die Wärter ihren Fang ab.
Grey holte tief Luft und atmete langsam wieder aus, während er überlegte.