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Grey konnte kaum denken. Was Fraser sagte, war wahr; ein Highlandbauer wie sein Schwager würde einen solchen Schatz kaum zu Geld machen können, ohne Gerede zu verursachen, das in kürzester Zeit die Männer des Königs über Lallybroch bringen würde. Und es war gut möglich, dass Fraser selbst den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen würde. Aber dennoch, so leichtfertig ein Vermögen fortzuwerfen! Und doch, wenn er den Schotten ansah, konnte er es gut glauben. Wenn es je einen Mann gab, der sich sein Urteilsvermögen nicht von der Gier vernebeln ließ, war es James Fraser. Dennoch …

»Wie konntet Ihr den Stein behalten?«, wollte Grey abrupt wissen. »Man hat Euch doch bis auf die Haut durchsucht, als Ihr zurückgebracht wurdet.«

Der breite Mund verzog sich zum ersten Mal in Greys Gegenwart zu einem aufrichtigen Lächeln.

»Ich habe ihn hinuntergeschluckt«, sagte Fraser.

Greys Hand schloss sich krampfhaft um den Saphir. Er öffnete sie wieder und legte den schimmernden blauen Stein mit sehr spitzen Fingern neben der Schachfigur auf den Tisch.

»Verstehe«, sagte er.

»Gewiss doch«, sagte Fraser mit einem Ernst, der das belustigte Glitzern in seinen Augen nur umso mehr betonte. »Hin und wieder hat es seine Vorteile, wenn man sich von grobem Porridge ernährt.«

Grey unterdrückte den plötzlichen Drang zu lachen und rieb sich fest die Lippe.

»Gewiss doch, Mr. Fraser.« Einen Moment saß er da und betrachtete den blauen Stein. Dann blickte er plötzlich auf.

»Ihr seid Papist, Mr. Fraser?« Er kannte die Antwort bereits; nur wenige Anhänger der katholischen Stuarts waren es nicht. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, erhob er sich und ging zu dem Bücherregal in der Ecke. Er brauchte einen Moment, um das Buch zu finden; es war ein Geschenk seiner Mutter und zählte nicht zu seiner üblichen Lektüre.

Er legte die in Kalbsleder gebundene Bibel auf den Tisch, neben den Stein.

»Ich persönlich würde zwar Euer Wort als Ehrenmann akzeptieren, Mr. Fraser«, sagte er. »Doch Ihr werdet verstehen, dass ich auch an meine Dienstpflichten denken muss.«

Fraser betrachtete das Buch einen langen Moment, dann blickte er zu Grey auf, und seine Miene war undurchdringlich.

»Aye, das weiß ich wohl, Major«, sagte er leise. Ohne zu zögern, legte er seine breite Hand auf die Bibel.

»Ich schwöre im Namen des Allmächtigen Gottes und bei Seinem heiligen Wort«, sagte er mit fester Stimme. »Mit dem Schatz verhält es sich so, wie ich es Euch gesagt habe.« Seine Augen glühten im Feuerschein, dunkel und unergründlich. »Und ich schwöre bei meiner Hoffnung auf den Himmel«, fügte er leise hinzu, »dass er jetzt im Meer ruht.«

Kapitel 11

Die Torremolinoseröffnung

Da die Frage nach dem Franzosengold nun zu den Akten gelegt war, kehrten sie zu dem zurück, was ihre Gewohnheit geworden war; ein kurzer Zeitraum förmlicher Verhandlungen der Probleme der Gefangenen, gefolgt von zwangloser Unterhaltung und manchmal einer Schachpartie. Heute Abend unterhielten sie sich auch nach dem Essen noch über Samuel Richardsons immensen Roman Pamela.

»Glaubt Ihr, dass der Umfang des Buchs durch die Komplexität der Handlung gerechtfertigt ist?«, fragte Grey, während er sich vorbeugte, um sich an der Kerze auf der Anrichte eine Cherootzigarre anzuzünden. »Ein Buch von solcher Länge verlangt schließlich nicht nur dem Leser beträchtliche Anstrengung ab, sondern es muss auch mit großen Kosten für den Verleger verbunden sein.«

Fraser lächelte. Er selbst rauchte nicht, hatte sich aber heute Abend für Portwein entschieden, weil er sagte, das sei das einzige Getränk, dessen Geschmack durch den Tabakgestank nicht beeinträchtigt würde.

»Wie lang ist es – zwölfhundert Seiten? Aye, ich glaube, ja. Es ist schließlich schwer, die Komplikationen eines Menschenlebens auf knappem Raum zusammenzufassen, wenn man auf eine zutreffende Beschreibung hofft.«

»Das ist wahr. Allerdings habe ich auch schon das Argument gehört, dass die Kunst der Romanautoren in der kunstvollen Auswahl der Details liegt. Meint Ihr nicht, dass ein Buch von dieser Länge auf einen Mangel an Disziplin bei dieser Auswahl hindeutet und damit auf einen Mangel an Kunstfertigkeit?«

Fraser überlegte, während er langsam an der rubinroten Flüssigkeit nippte.

»Ich habe gewiss schon Bücher gesehen, bei denen dies der Fall war«, sagte er. »Ein Autor versucht, den Leser durch schieren Überfluss an Details so zu überwältigen, dass dieser ihm glaubt. Im vorliegenden Fall jedoch glaube ich, dass es nicht so ist. Jede Figur ist mit großer Sorgfalt konstruiert, und alle gewählten Ereignisse scheinen für die Handlung notwendig zu sein. Nein, ich glaube, manche Geschichten benötigen einfach mehr Raum zu ihrer Erzählung.« Er trank noch einen Schluck und lachte.

»Natürlich gebe ich zu, dass ich in dieser Hinsicht etwas voreingenommen bin, Major. Angesichts der Umstände, unter denen ich Pamela gelesen habe, wäre ich begeistert gewesen, wenn das Buch doppelt so lang gewesen wäre.«

»Und was waren das für Umstände?« Grey spitzte die Lippen und blies vorsichtig einen Rauchkringel, der langsam auf die Decke zuschwebte.

»Ich habe mehrere Jahre in einer Höhle in den Highlands gelebt, Major«, sagte Fraser ironisch. »Ich hatte dort selten mehr als drei Bücher zu meiner Verfügung, und diese mussten für mehrere Monate reichen. Aye, ich habe eine Vorliebe für dicke Wälzer, doch ich muss einräumen, dass dies nicht universell gilt.«

»Das ist mit Sicherheit wahr«, pflichtete Grey ihm bei. Blinzelnd folgte er dem Weg des ersten Rauchkringels und blies einen neuen. Dieser verfehlte knapp sein Ziel und driftete zur Seite.

»Ich weiß noch«, sagte er und saugte heftig an seiner Zigarre, damit sie besser zog, »wie eine Freundin meiner Mutter … das Buch … in ihrem Salon gesehen hat …« Er nahm einen festen Zug und blies noch einen Ring. Er stieß einen kleinen Laut der Genugtuung aus, als der neue Ring den alten traf und ihn zu einem kleinen Wölkchen zerstreute.

»Es war Lady Hensley. Sie hat das Buch in die Hand genommen, es auf diese hilflose Weise angesehen, die so vielen Damen eigen ist, und gesagt: ›Oh, Gräfin! Wie tapfer von Euch, es mit einem Roman von diesem schieren Umfang aufzunehmen. Ich fürchte, ich würde es selber niemals wagen, ein derart langes Buch zu beginnen.‹« Grey räusperte sich und senkte seine Stimme wieder, nachdem er Lady Hensley im Falsett nachgeahmt hatte.

»Worauf Mutter antwortete«, fuhr er mit normaler Stimme fort, »›sorgt Euch nur keine Sekunde deswegen, Teuerste; Ihr würdet es ohnehin nicht verstehen.‹«

Fraser lachte, dann wedelte er hustend die Überreste eines weiteren Rauchkringels beiseite.

Rasch drückte Grey die Zigarre aus und erhob sich von seinem Platz.

»Dann kommt, wir haben gerade noch Zeit für eine schnelle Partie.«

Sie waren keine ebenbürtigen Gegner; Fraser war der viel bessere Spieler, doch hin und wieder brachte Grey es fertig, ein Spiel durch schieres Draufgängertum zu retten.

Heute Abend versuchte er es mit der Torremolinoseröffnung. Es war eine riskante Eröffnung durch das Damenpferd. Erfolgreich eingeleitet, ebnete sie den Weg für eine ungewöhnliche Kombination von Turm und Läufer und hing dann im Weiteren von einem Ablenkungsmanöver durch das Königspferd und den Bauern des Königsläufers ab. Grey benutzte sie selten, denn sie war ein Trick, der bei einem mittelmäßigen Gegner verschenkt war, wenn dieser nicht geistesgegenwärtig genug war, die Bedrohung durch das Pferd und ihre möglichen Konsequenzen zu verstehen. Es war eine Eröffnung, die man gegen einen klugen, raffinierten Kopf benutzte, und nachdem sie fast drei Monate lang jede Woche gegeneinander gespielt hatten, wusste Grey sehr wohl, was für einem Kopf er sich auf der anderen Seite der schwarz-gelben Elfenbeinquadrate gegenübersah.