Er erkannte, dass der Schotte demselben Drang folgte wie er kurz zuvor – dem Bedürfnis, einen Namen auszusprechen, den man im Verborgenen gehütet hatte, für einen Moment den Geist vergangener Liebe zurückzuholen.
»Ich hatte immer vor, Euch irgendwann zu danken, Major«, sagte der Schotte leise.
Grey war verblüfft.
»Mir danken? Wofür?«
Mit dunklen Augen blickte ihn der Schotte über das beendete Spiel hinweg an.
»Für diesen Abend in Carryarick, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind.« Sein Blick war unverwandt auf Greys Augen gerichtet. »Für das, was Ihr für meine Frau getan habt.«
»Ihr wisst es noch«, sagte Grey heiser.
»Ich hatte es nicht vergessen«, sagte Fraser schlicht. Grey musste seinen Mut zusammennehmen, um über den Tisch hinwegzublicken, doch als er es tat, sah er nicht die Spur eines Lachens in den blauen Katzenaugen.
Fraser nickte ihm ernst und förmlich zu. »Ihr wart ein würdiger Gegner, Major; so jemanden vergesse ich nicht.«
John Grey lachte bitter. Merkwürdigerweise war er weniger bestürzt als erwartet über die peinliche Erinnerung, die ihm so ausdrücklich ins Gedächtnis gerufen wurde.
»Wenn ein Sechzehnjähriger, der sich vor Angst in die Hosen gemacht hat, in Euren Augen ein würdiger Gegner war, Mr. Fraser, dann ist es kaum ein Wunder, dass die Highlandarmee besiegt worden ist!«
Fraser lächelte schwach.
»Ein Mann, der sich nicht in die Hose macht, wenn man ihm eine Pistole an den Kopf hält, Major, hat entweder kein Gedärm oder kein Gehirn.«
Grey lachte unwillkürlich. Frasers Mundwinkel verzog sich sacht nach oben.
»Ihr habt Euch geweigert zu reden, um Euer Leben zu retten, aber um der Ehre einer Dame willen wart Ihr dazu bereit. Um der Ehre meiner Frau willen«, sagte Fraser leise. »Das kommt mir nicht wie Feigheit vor.«
Die Aufrichtigkeit im Ton des Schotten war ebenso unüberhörbar wie unmissverständlich.
»Gar nichts habe ich für Eure Frau getan«, sagte Grey mit großer Bitterkeit. »Sie war schließlich nie in Gefahr!«
»Das wusstet Ihr aber nicht, aye?«, argumentierte Fraser. »Ihr wolltet ihr Leben und ihre Tugend retten, auch wenn Ihr Euch damit selbst in Gefahr gebracht habt. Damit habt Ihr ihr Ehre erwiesen – und ich denke hin und wieder daran, seit ich … seit ich sie verloren habe.« Das Zögern in Frasers Stimme war kaum zu hören; nur die Anspannung der Muskeln in seiner Kehle verriet seine Gefühle.
»Ich verstehe.« Grey holte tief Luft und atmete langsam aus. »Mein Beileid zu ihrem Verlust«, fügte er förmlich hinzu.
Einen Moment waren sie beide still, allein mit ihren Geistern. Dann blickte Fraser auf und holte Luft.
»Euer Bruder hatte recht, Major«, sagte er. »Ich danke Euch und wünsche Euch einen guten Abend.« Er erhob sich, setzte sein Glas ab und verließ das Zimmer.
In mancher Hinsicht erinnerte es ihn an seine Jahre in der Höhle und seine Besuche im Haus, diese Oasen des Lebens und der Wärme in der Wüste der Einsamkeit. Hier war es umgekehrt, wenn er aus dem drangvollen kalten Elend der Zelle in die behaglichen Räume des Majors kam, wo er Körper und Geist ein paar Stunden ausstrecken konnte und die Entspannung der Wärme, der Gespräche und des reichlichen Essens genießen konnte.
Doch es erfüllte ihn mit demselben Gefühl der Deplaziertheit; dem Gefühl, einen wichtigen Teil seiner selbst zu verlieren, der den Übergang zurück in den Alltag nicht überstehen konnte. Und mit jedem Mal wurde dieser Übergang schwieriger.
Er stand im zugigen Durchgang und wartete darauf, dass der Wärter die Zellentür aufschloss. Die Geräusche schlafender Männer erfüllten seine Ohren, und ihr Geruch schlug ihm entgegen, als sich die Tür öffnete, durchdringend wie ein Furz.
Er holte noch einmal rasch und tief Luft, um sich die Lungen zu füllen, dann duckte er sich, um einzutreten.
In die am Boden Liegenden kam Bewegung, als er den Raum betrat und sein Schatten schwarz auf die eingehüllten Gestalten fiel. Die Tür schwang hinter ihm zu, und es war wieder dunkel in der Zelle, doch das Bewusstsein, dass er zurück war, breitete sich ringsum aus, und überall bewegten sich die Männer.
»Du bist spät zurück, Mac Dubh«, sagte Murdo Lindsay, dessen Stimme vom Schlaf eingerostet war. »Du wirst morgen ganz erledigt sein.«
»Ich komme schon zurecht, Murdo«, flüsterte er, während er über die Männer hinwegstieg. Er zog seinen Rock aus und legte ihn sorgfältig über die Bank, dann ergriff er die grob gewebte Decke und suchte sich seinen Platz auf dem Boden. Sein langer Schatten huschte vor dem monderhellten Gitterfenster vorüber.
Ronnie Sinclair drehte sich um, als sich Mac Dubh neben ihn legte. Er blinzelte verschlafen, die rotblonden Wimpern im Mondschein beinahe unsichtbar.
»Hat dir der kleine Goldschopf etwas Anständiges aufgetischt, Mac Dubh?«
»Das hat er, Ronnie, danke.« Er rückte auf den Steinen hin und her, um es sich bequem zu machen.
»Erzählst du es uns morgen?« Die Gefangenen hatten eine seltsame Freude daran zu hören, was er zum Abendessen bekommen hatte, und betrachteten es als Ehre, dass ihr Anführer ordentlich zu essen bekam.
»Aye, das tue ich, Ronnie«, versprach Mac Dubh. »Aber jetzt muss ich schlafen, aye?«
»Schlaf gut, Mac Dubh«, kam ein Flüstern aus der Ecke, wo Hayes mit MacLeod, Innes und Keith aneinandergeschmiegt lag wie ein Satz Teelöffel. Sie schliefen alle lieber warm.
»Träum schön, Gavin«, flüsterte Mac Dubh zurück, und allmählich senkte sich wieder Stille über die Zelle.
In dieser Nacht träumte er von Claire. Mit schweren Gliedern lag sie duftend in seinem Arm. Sie war schwanger; ihr Bauch war rund und glatt wie eine Melone, ihre Brüste prall und voll, die Brustwarzen, dunkel wie Wein, lockten ihn, sie zu kosten.
Ihre Hand legte sich zwischen seine Beine, und er streckte die seine aus, um ihr den Gefallen zu erwidern. Rund und weich füllte sie seine Hand aus und bewegte sich, um sich an ihn zu pressen. Lächelnd erhob sie sich über ihn, und das Haar fiel ihr rings um das Gesicht, als sie ihr Bein über ihn schwang.
»Gib mir deinen Mund«, flüsterte er, ohne zu wissen, ob er sie küssen wollte oder ob er wollte, dass sie ihn zwischen ihre Lippen nahm. Er wusste nur, dass er sie irgendwie haben musste.
»Gib mir deinen«, sagte sie. Sie lachte und beugte sich zu ihm hinunter, ihr Haar streifte sein Gesicht mit dem Duft von Moos und Sonne, und er spürte trockenes Laub in seinem Rücken prickeln und wusste, dass sie in dem kleinen Tal in der Nähe von Lallybroch lagen und dass Claire die Farbe der Rotbuchen hatte; Buchenlaub und Buchenholz, goldene Augen und glatte weiße Haut, über die die Schatten huschten.
Dann presste sich ihre Brust an seinen Mund, und er nahm sie begierig und zog ihren Körper fest an sich, als er daran saugte. Ihre Milch war heiß und süß mit einem Hauch von Silber wie das Blut eines Hirschs.
»Fester«, flüsterte sie ihm zu und legte ihm die Hand auf den Hinterkopf, um ihn im Nacken an sich zu pressen. »Fester.«
Sie lag der Länge nach auf ihm, und seine Hände klammerten sich verzweifelt an ihr Gesäß, und er spürte das kleine feste Gewicht des Kindes auf seinem Bauch, als teilten sie es nun miteinander und beschützten das kleine runde Wesen zwischen ihren Körpern.
Er warf die Arme um sie, fest, und auch sie hielt ihn fest, als er zuckend erschauerte, ihr Haar in seinem Gesicht, ihre Hände in seinem Haar und das Kind zwischen ihnen, nicht länger sicher, wo irgendeiner der drei begann oder endete.
Er erwachte plötzlich keuchend und schwitzend, halb auf der Seite zusammengerollt unter einer der Bänke in der Zelle. Es war noch nicht richtig hell, doch er konnte die Umrisse der Männer sehen, die neben ihm lagen, und hoffte, dass er nicht aufgeschrien hatte. Er schloss die Augen wieder, doch der Traum war fort. Reglos lag er da, und sein Herzschlag verlangsamte sich wieder, während er auf die Morgendämmerung wartete.
18. Juni 1755
John Grey hatte sich an diesem Abend sorgfältig angekleidet und frisches Leinen und Seidenstrümpfe angelegt. Er trug sein eigenes Haar zu einem einfachen Zopf geflochten, nachdem er es mit einem Tonikum aus Zitronenverbene gespült hatte. Bei Hectors Ring hatte er kurz gezögert, ihn schließlich aber ebenfalls angezogen. Das Essen war gut gewesen; ein Fasan, den er selbst geschossen hatte, und ein frischer Salat als Verneigung vor Frasers seltsamer Vorliebe für solche Dinge. Jetzt saßen sie über dem Schachbrett und hatten die leichteren Gesprächsthemen beiseitegelegt, um sich ganz auf das Mittelspiel zu konzentrieren.