»Nehmt Ihr Sherry?« Er stellte seinen Läufer hin, lehnte sich zurück und reckte sich.
Fraser nickte, auf die neue Position konzentriert.
»Ich danke Euch.«
Grey erhob sich, durchquerte das Zimmer und ließ Fraser am Feuer hinter sich. Er griff in den Schrank nach der Flasche und spürte dabei, wie ihm ein Schweißtropfen über die Rippen rann. Nicht vom Feuer, das am anderen Ende des Zimmers simmerte; vor lauter Nervosität.
Er nahm die Flasche mit zum Tisch und hielt die Gläser in der anderen Hand; das Waterford-Kristall, das seine Mutter ihm geschickt hatte. Die Flüssigkeit strömte in die Gläser und schimmerte bernsteinfarben und rosé im Feuerschein. Frasers Augen waren auf das Glas geheftet, und er sah zu, wie der Sherry anstieg, jedoch abwesend und gedankenverloren. Seine dunkelblauen Augen waren verschleiert. Grey fragte sich, woran er dachte; nicht an das Spiel – dessen Ausgang stand schon fest.
Grey streckte die Hand aus und verschob seinen Königsläufer. Der Zug schob das Ende nur hinaus, das wusste er; dennoch, er brachte Frasers Königin in Gefahr und konnte den Austausch eines Turms erzwingen.
Grey erhob sich, um einen Torfziegel auf das Feuer zu legen. Beim Aufstehen reckte er sich und trat beiläufig hinter seinen Gegner, um die Lage aus dessen Blickwinkel zu betrachten.
Das Feuer schimmerte, als sich der kräftige Schotte vorbeugte, um das Schachbrett zu studieren, und es fing sich in den tiefroten Tönen von James Frasers Haar und strahlte im Leuchten des kristallinen Sherrys wider.
Fraser hatte sich das Haar mit einer dünnen schwarzen Kordel zurückgebunden, die er mit einer Schleife befestigt hatte. Man würde nur einmal sacht zupfen müssen, um es zu lösen. John Grey konnte sich vorstellen, wie er seine Hand unter dieser dichten, glänzenden Masse entlangfahren ließ, den glatten, warmen Nacken darunter berührte. Berührung …
Seine Handfläche schloss sich abrupt über der eingebildeten Berührung.
»Euer Zug, Major.« Die leise schottische Stimme brachte ihn wieder zu sich, und er nahm Platz und betrachtete das Schachbrett mit blicklosen Augen.
Ohne wirklich hinzusehen, war er sich der Bewegungen, der Präsenz seines Gegenübers intensiv bewusst. Rings um Fraser war die Luft in Aufruhr; es war unmöglich, ihn nicht anzusehen. Um seinen Blick zu überdecken, ergriff er sein Sherryglas und nippte, doch er nahm den flüssigen Goldgeschmack kaum wahr.
Fraser saß still wie eine Zinnoberstatue, und die tiefblauen Augen waren das einzig Lebendige in seinem Gesicht, während er das Brett betrachtete. Das Feuer war niedergebrannt, und die Konturen seines Körpers waren in Schatten getaucht. Seine Hände, golden und schwarz im Glühen des Feuers, ruhten auf dem Tisch, reglos und exquisit wie der eroberte Bauer daneben.
Der blaue Stein in John Greys Ring glitzerte, als er nach dem Läufer seiner Königin griff. Ist es falsch, Hector?, dachte er. Dass ich einen Mann liebe, der dich umgebracht haben könnte? Oder war es endlich eine Möglichkeit, die Welt geradezurücken, die Wunden von Culloden für sie beide zu heilen?
Der Läufer landete mit einem leisen Geräusch, als er den mit Filz überzogenen Fuß mit großer Präzision niedersetzte. Ohne innezuhalten, hob sich seine Hand wie von selbst. Sie sah so aus, als wüsste sie exakt, was sie wollte, während sie sich das kurze Stück durch die Luft bewegte, und legte sich auf Frasers Hand. Die Handfläche kribbelte, die Finger krümmten sich zu einer sanften Frage.
Die Hand unter der seinen war warm – so warm –, aber hart und bewegungslos wie Marmor. Nichts bewegte sich auf dem Tisch außer dem Schimmer der Flammen im Herzen des Sherrys. Dann hob er den Blick und sah Fraser an.
»Nehmt Eure Hand von mir«, sagte Fraser sehr, sehr leise. »Oder ich bringe Euch um.«
Die Hand unter der seinen bewegte sich nicht, genauso wenig wie das Gesicht darüber, doch er konnte den angewiderten Schauder spüren, einen Krampf aus Hass und Ekel, der aus dem Innersten des Mannes aufstieg und von ihm abstrahlte.
Ganz plötzlich hörte er in Gedanken noch einmal Quarrys Warnung, so deutlich, als spräche der Mann in diesem Moment in sein Ohr.
Wenn Ihr allein mit ihm speist – dreht ihm nicht den Rücken zu.
Das war ausgeschlossen; er konnte sich gar nicht umdrehen. Konnte nicht einmal die Augen abwenden oder blinzeln, um den dunkelblauen Blick zu brechen, der ihn in seinem Bann hielt. Langsam, als stünde er auf einer scharfen Mine, zog er seine Hand zurück.
Es folgte ein Moment der Stille, die nur vom Prasseln des Regens und dem Zischen des Torffeuers unterbrochen wurde, denn keiner von ihnen schien zu atmen. Dann erhob sich Fraser lautlos und verließ den Raum.
Kapitel 12
Das Opfer
Der Spätnovemberregen prasselte auf die Steine des Innenhofs und auf die Reihen der Männer, die mit eingezogenen Köpfen mürrisch im Wolkenbruch standen. Die Rotröcke, die zu ihrer Bewachung abgestellt waren, sahen auch nicht viel glücklicher aus als die durchnässten Gefangenen.
Major Grey stand unter der Dachtraufe und wartete. Es war nicht das beste Wetter für eine Durchsuchung und Reinigung der Zellen, doch um diese Jahreszeit war es zwecklos, auf gutes Wetter zu warten. Und angesichts der mehr als zweihundert Gefangenen in Ardsmuir war es unabdingbar, die Zellen mindestens monatlich zu säubern, um größere Krankheitsausbrüche zu verhindern.
Die Tore zum Hauptzellenblock schwangen auf, und eine kleine Reihe von Gefangenen kam heraus; besonders vertrauenswürdige Insassen, die die eigentlichen Reinigungsarbeiten durchführten, von den Wärtern genau beobachtet. Am Ende der Kolonne kam Korporal Dunstable hervor, die Hände voll mit den üblichen verbotenen Kleinigkeiten, die diese Suchaktionen zutage förderten.
»Der übliche nutzlose Kram, Sir«, berichtete er und ließ die Ansammlung von traurigen Souvenirs und anonymem Ramsch auf den Deckel des Fasses fallen, das neben dem Major stand. »Nur das hier solltet Ihr Euch vielleicht ansehen.«
»Das hier« war ein kleiner Stoffstreifen von vielleicht zwanzig mal zwölf Zentimetern mit einem grünen Tartanmuster. Dunstable warf einen raschen Blick auf die Reihen der wartenden Gefangenen, als wartete er nur darauf, jemanden bei einer verräterischen Bewegung zu ertappen.
Grey seufzte, dann richtete er sich auf. »Da habt Ihr wohl recht.« Jeder Besitz schottischen Tartans war streng durch den »Diskilting Act« verboten, der die Highlander nicht nur entwaffnet hatte, sondern ihnen auch das Tragen ihrer Tracht untersagte. Er trat vor die aufgereihten Männer hin, und Korporal Dunstable stieß einen scharfen Ausruf aus, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
»Wem gehört das?« Der Korporal hob den Fetzen und gleichzeitig auch seine Stimme. Grey ließ den Blick von dem Stoffstück zu der Reihe der Gefangenen wandern und hakte im Kopf ihre Namen ab, während er versuchte, ihnen mit Hilfe seines unvollständigen Wissens Tartanmuster zuzuordnen. Selbst innerhalb einzelner Clans variierten die Muster so sehr, dass man keines mit Gewissheit zuordnen konnte, doch es gab allgemeine Anordnungen von Farben und Webmustern.
MacAlester, Hayes, Innes, Graham, MacMurtry, MacKenzie, MacDonald … halt. MacKenzie. Es war eher die Menschenkenntnis eines Offiziers als die Verbindung des Plaids mit einem bestimmten Clan, die ihm Gewissheit verlieh. MacKenzie war ein junger Gefangener, und sein Gesicht war einen Hauch zu kontrolliert, zu ausdruckslos.